Künstlicher Star Hatsune Miku Seit sieben Jahren 16 Jahre alt

Niedlich sieht sie aus mit ihren Kulleraugen und den türkisfarbenen Zöpfen: In Japan ist Hatsune Miku einer der größten Stars der Unterhaltungsbranche - dabei ist sie nicht einmal aus Fleisch und Blut. Genau darin liegt ihr Reiz.

Von Miriam Sandabad

REUTERS

Hatsune Miku ist ein zierliches Mädchen, wiegt 42 Kilogramm bei einer Größe von 1,58 Metern, und wenn sie auf der Bühne anfängt zu singen, rastet das Publikum aus. Dabei ist sie erst zarte 16 Jahre alt - das allerdings schon seit sieben Jahren. Denn Hatsune Miku ist kein Teenager aus Fleisch und Blut, sondern einer der größten virtuellen Stars, den die japanische Popkultur bisher hervorgebracht hat.

Das im japanischen Sapporo ansässige Medienunternehmen Crypton Future Media ist spezialisiert auf Musik- und Unterhaltungsprodukte, vertreibt über Yamaha Musikinstrumente und gibt mit Firmen wie Nintendo und Sega Computerspiele heraus. Als Crypton-Chef Hiroyuki Itoh 2007 überlegte, wie er den Verkauf der zweiten Version seiner Stimmsynthesizer-Software Vocaloid ankurbeln könnte, hatte er ein süßes Maskottchen im Sinn - und fand es in der Zeichnung des Mangakünstlers Kei. Hatsune Miku war geboren.

Vocaloid lässt Nutzer Popsongs mit künstlichem Gesang erzeugen, einfach durch Eingabe von Liedtext und Noten. Das war schon 2007 keine besonders neue Erfindung. Doch der Avatar Hatsune Miku mit seinen Stimmfärbungen von "lebhaft kräftig" bis "süß flüsternd" trällerte sich innerhalb kürzester Zeit zum Verkaufsschlager. Mittlerweile wirbt die erfolgreichste Vocaloid-Figur als Testimonial für Weltkonzerne und turnt als Heldin durch zahllose Computerspiele, aktuell spielt sie im Sega-Rhythmusspiel "Project Diva F2nd" mit. Miku ist ein außergewöhnliches Beispiel für aktive Fan-Partizipation und geschickte Verwertungsstrategie in Zeiten des Mitmach-Webs.

Fans gestalten, Crypton verdient

Denn Hatsune Miku ist vor allem eins: ein Produkt ihrer Fans. Nur wenige Tage, nachdem das digitale Mangamädchen vorgestellt wurde, luden die ersten Nutzer selbst produzierte Videoclips auf die japanische Plattform Nico Nico Douga hoch, in denen Hatsune Miku zu eigens komponierter Musik sang. Im von Fans selbst geschriebenen Programm Miku Miku Dance lernt die Kunstfigur tanzen, und als einmal ein Bild von Hatsune Miku durchs Netz kursiert, auf dem sie ein Fantasieinstrument spielt, bauen ihre Anhänger kurzerhand auch das nach.

Die übersprudelnde Fan-Kreativität lässt Cryptons Kasse kräftig klingeln, und das Medienunternehmen sorgt dafür, dass das auch so bleibt: Es stellt mit der Webseite Piapro.jp Hatsune-Miku-Anhängern einen Ort zur Verfügung, an dem sie gemeinsam an deren weiterem Erfolg arbeiten können, im sozialen Netzwerk Mikubook werden Videos und Bilder getauscht. Hatsune Mikus Original-Illustration steht seit 2012 unter einer Creative-Commons-Lizenz kostenlos zur Verfügung - allerdings nur für nichtkommerzielle Zwecke. Ansonsten bleiben sie und ihre Stimme urheberrechtlich geschützt. Davon lassen sich ihre Millionen Anhänger freilich nicht abschrecken - im Gegenteil: Mehr als 100.000 Songs mit Hatsune Mikus künstlicher Stimme wurden bereits veröffentlicht, über eine halbe Million Videos finden sich allein auf YouTube, und auf Facebook versammelt sie mehr als zweieinhalb Millionen Fans. Hinter jeder neuen Fan-Veröffentlichung steckt dann auch die leise Hoffnung auf Ruhm: Besonders gelungene Amateursongs werden von Crypton via iTunes und Amazon vertrieben. Mehr als 3000 Stücke sind es bis heute, Tendenz steigend. Cryptons Rechnung geht auf.

Glaubwürdiger als echte Stars

Um den Erfolg des Pop-Phänomens zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die japanische Do-it-yourself-Tradition: "In der sogenannten Otaku-Szene tummeln sich schon etwas spleenige Fans", erklärt Martin Kölling. Der Journalist lebt seit einigen Jahren in Tokio und liebt die Stadt für ihre lebendigen Subkulturen, die für jede Laune eine Nische bieten. Nach Mangabegeisterung und dem Verkleidungstrend Cosplay schwappt nun auch die Hatsune-Miku-Welle von Japan in westliche Länder und mit ihr eine Lust am Kreieren von eigenem Content. Kölling sieht in Hatsune Miku die Ausgeburt dieser selbstgemachten Popkultur. Trotzdem hält er sie für glaubwürdiger als lebendige Stars: "Obwohl Hatsune Miku eine Kunstfigur ist, bleibt sie im Gegensatz zu anderen globalen Popstars wie Britney Spears authentisch: Jeder Fan gestaltet Hatsune Miku mit. Und wenn sie auf Konzerten singt und tanzt, dann ist das für den Fan auch immer ein bisschen so, als ob er selbst mit auf der Bühne steht."

Läuten virtuelle, aus Fan-Communitys geschaffene Stars wie Hatsune Miku also einen Umbruch in der Popkultur ein? Dass da eine gewisse Konkurrenz auf sie zukommen könnte, hat Pop-Diva Lady Gaga bereits bemerkt. Im vergangenen Sommer nahm sie Hatsune Miku als Opening Act auf ihre US-Tour mit. Dort jubelten dann Hunderttausende einer singenden 3D-Projektion zu - ein Unterschied zum menschlichen Idol war nicht auszumachen.

Hatsune Mikus Name bedeutet übrigens "erster Klang aus der Zukunft".

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
anon_moppi 24.11.2014
1.
also oberflächlicher kann man es nicht schreiben :(
zippzapp 24.11.2014
2.
Seit 7 Jahren 16 Jahre alt? Lächerlich. Die Simpsons halten seit 25 Jahren ihr Alter.
combert 24.11.2014
3. Sehr schöne Idee
Ich kann zwar kein Wort japanisch, aber wenn man schon 26 Jahre lang mit Computern zu tun hat, dann ist das eine irre Sache.Zum Einen - Lady Gaga und Konsorten lassen sich durch den Computer schieben um perfekter zu klingen. Bei Miku ist der Ansatz genau anders herum. Man hat eine perfekte Stimme und arbeitet daran, dass sie weniger künstlich wirkt - inklusive Atemgeräuschen.Zum Anderen ist diese Mitmach-Idee eine interessante Komponente. Der Star ist - trotzdem er in dieser Welt nicht als Person existiert - nicht unerreichbar. Das Ganze noch mit Live-Auftritten auf die Spitze getrieben.@Redaktion: Bild 1 der Fotostrecke ist nicht von Hatsune Miku (01), sondern von Megurine Luka (02). Das sind nicht nur zwei verschiedene Charaktere, sondern zwei verschiedene Vocaloid-Stimmen.
krayt 24.11.2014
4.
Schön, dass Miku jetzt auch im deutschen Raum mehr Aufmerksamkeit erfährt, allerdings sind sie und die anderen vocaloids auch nicht erst seit gestern im Westen bekannt. ;)
gatsue 24.11.2014
5. Danke
für den schönen Bericht, schließlich arbeite ich schon seit 5 Jahren mit Hatusne Miku und ihren Freunden als Künstler und sehe, dass sie in der Tat weltweit geliebt werden. Als virtuelle Künstler kommen sie der Realität schon sehr nahe, vor allem Gackto und Oliver. Das macht die Welt der Musik um vieles spannender.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.