Interaktiver Film "Her Story" Spannende Schnipseljagd

Wenig Action, viele Videos und eine wirklich überraschende Handlung in 230 Einzelteilen: "Her Story" ist kein Spiel wie jedes andere - und gerade darum auch für Krimifans interessant, die Games sonst ignorieren.

Sam Barlow

Von Tobias Hanraths


England in den Neunzigerjahren: Ein Mann verschwindet spurlos. Seine Frau meldet ihn als vermisst, wird mehrmals von der Polizei verhört und gerät schließlich selbst unter Verdacht. Die Videoaufnahmen der Vernehmungen verschwinden im Archiv der Behörden und gelangen erst Jahre später wieder ans Licht. Doch die Aufzeichnungen sind nur teilweise erhalten und in einem antiquarischen Computersystem verschüttet.

So beginnt das Spiel "Her Story" von Indie-Entwickler Sam Barlow, das gerade für den PC und Mac sowie iPad und iPhone erschienen ist. Aufgabe des Spielers: Aus 230 Videoschnipseln Stück für Stück die Wahrheit zusammenzusetzen. Das Problem ist, dass ihm dafür nur die Suchmaske eines uralten Polizeicomputers zur Verfügung steht. Die findet zwar zuverlässig jedes Video, in dem ein Begriff genannt wird. Angezeigt werden aber immer nur die ersten fünf Schnipsel. Um sich tiefer in die Geschichte vorzugraben, muss der Spieler also erst mehr Fakten sammeln und zu immer präziseren Suchbefehlen kombinieren.

Aus diesem simplen Spielprinzip erzeugt "Her Story" eine wundervoll dichte Atmosphäre. Das liegt auch an der detailverliebten Präsentation: Auf dem Polizeicomputer läuft die Imitation eines Betriebssystems aus den Neunzigerjahren, komplett mit pixeligen Icons und ruckelnder Sanduhr-Animation beim Laden neuer Videos. Die Filmaufnahmen haben den verwaschenen Look alter Videokameras, und über allem liegen die Spiegelungen und Verzerrungen eines Röhrenmonitors. Dazu gibt es eine spartanische Soundkulisse aus Tastengeklacker, dem Summen einer Neonröhre und gelegentlichen sanften Klaviertönen.

Mit den kurzen Videoclips und dem Retro-Ambiente erinnert "Her Story" an das fast ausgestorbene Genre der interaktiven Filme. Als Mitte der Neunzigerjahre die ersten Computer mit CD-Laufwerk auf den Markt kamen, waren solche Computerspiele für kurze Zeit der letzte Schrei: Titel wie "Phantasmagoria" und "Under a Killing Moon" kombinierten Simpel-Gameplay mit echten Filmsequenzen. Wegen der amateurhaften Produktion und lustloser Schauspieler reichte es bei den Machwerken aber bestenfalls für trashigen Charme, nie für echte Spannung.

Keine Kulissen, keine Actionszenen oder Hollywoodstars

Bei "Her Story" setzt dagegen schon nach kurzer Zeit akutes Fingernagelkauen ein. Und das trotz oder gerade wegen der Konzentration aufs Wesentliche: Keine Kulissen, keine Actionszenen oder Hollywoodstars. Nur die unbekannte Schauspielerin und Sängerin Viva Seifert, die meistens direkt in die Kamera spricht, flirtet, schimpft und sogar singt.

Bei der Suche nach der Wahrheit nimmt "Her Story" den Spieler nie an der Hand. Wichtige Clips können Hobby-Ermittler als Favoriten abspeichern, eine kleine Grafik zeigt, wo noch Lücken sind. Weitere Hilfestellungen für Ordnung im Chaos gibt es nicht. Wer wirklich alles begreifen will, macht sich daher am besten Notizen auf Papier.

Die Mühe wird belohnt: Was zunächst wie ein simpler Kriminalfall wirkt, eskaliert schnell in eine wilde Mischung aus Ehe- und Familiendrama. Düstere Geheimnisse aus der Vergangenheit kommen ans Licht, scheinbar belanglose Details erhalten plötzlich entscheidende Bedeutung und am Ende lässt eine verblüffende Wendung jeden Videoschnipsel in einem neuen Licht erscheinen.

Die dramatische Geschichte ist umso beeindruckender, weil wohl nie zwei Spieler alle Clips in derselben Reihenfolge sehen werden. Wer zufällig die richtigen Suchbegriffe eingibt, kann schon sehr früh im Spiel die wichtigsten Informationen aufdecken. Selbst dann bleibt die Ermittlung aber bis zum Schluss spannend, denn viele offene Fragen klären sich erst im Gesamtbild. Fehltritte leistet sich der Entwickler von "Her Story" bei der Konstruktion der Geschichte kaum, nur bei ein paar Metaphern rund um Spiegel und Märchen trägt er etwas dick auf.

Je nachdem, wie flüssig die Suche vorangeht, dauern die Ermittlungen etwa zwei bis vier Stunden. Wiederspielwert hat "Her Story" logischerweise kaum. Dafür kostet das Spiel nur etwa fünf Euro und läuft dank der spartanischen Präsentation auch auf älteren Computern. Einziger Wermutstropfen für Krimifans in Deutschland: Der interaktive Krimi ist komplett auf Englisch, inklusive der Untertitel. Eine Übersetzung gibt es bisher nicht.


"Her Story" für PC, Mac, iOS, nicht geeignet für Jugendliche unter 17 Jahren, ca. 5 Euro.



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