Von Joachim Budde, Essen
Zum Auftakt der Spielemesse gibt es Preise. Den Sommer über haben Spielekenner über ihre Favoriten der Saison abgestimmt, und in diesem Jahr ist etwas einmaliges dabei herausgekommen: Den Deutschen Spielepreis haben Inka und Markus Brand für ihr Spiel "Village" bekommen. Ihre Kinder Emely und Lukas sind für ihr Erstlingswerk "Mogel Motte" mit dem Deutschen Kinderspielpreis ausgezeichnet worden. Da ging fast ein wenig unter, dass mit Wolfgang Kramer einer der ganz großen deutschen Spieleerfinder einen Sonderpreis für sein Lebenswerk erhalten hat. Zuletzt war dieser Preis 1992 Alex Randolph verliehen worden.
Für die meisten Besucher ist die "Spiel" eine einzigartige Gelegenheit, massenweise neue Spiele zu testen und zu günstigen Messepreisen kaufen. Vier Spiele konnten beim Rundgang über die Spielemesse besonders überzeugen. Wir haben den Besuchern über die Schulter geschaut:
"Alcatraz, Verrat hinter Gittern": Unentbehrlich werden
Matthias ist der Sündenbock. Seine beiden Mitgefangenen haben ihn dazu gewählt, aber so richtig unglücklich ist er darüber nicht. Denn obwohl er im Gegensatz zu den anderen Häftlingen gerade nichts zum Ausbruch aus Alcatraz beitragen kann, jede Runde, die er der Sündenbock ist, bekommt er zusätzliche Aktionspunkte, wachsen seine Möglichkeiten. Irgendwann wird er seinen Mitspielern schon zu stark werden, und sie wählen einen anderen.
Auf diesen Moment versucht Matthias sich vorzubereiten. Er will allein einen Teil des Plans erfüllen, der ihn unentbehrlich macht. Dafür streicht er durch das Gefängnis, besorgt sich im Hof eine Waffe und in der Krankenstation Drogen, um damit die Wachhunde zu betäuben - denn dieses Element fehlt seinen Mitstreitern noch.
"Alcatraz" ist ein sehr schön gestaltetes Spiel, das sich durch das variable Spielbrett und die zufällig verteilten Aufgaben bei jeder Partie unterscheidet. Die Autoren haben sich viel Mühe gegeben, die Aktionskarten stimmig auf die Gefängniswelt zuzuschneiden. Löst der Sündenbock falschen Alarm aus, sind bis zum Ende der Runde zusätzliche Wachen unterwegs, die den Mitspielern das Leben schwer machen.
Am Ende bleibt Matthias im Gefängnis zurück, die anderen haben den Plan auch ohne ihn ausführen können. "Die Dynamik ist vermutlich interessanter, wenn man zu viert spielt", sagt der 32-Jährige. "Aber ich mag Spiele, bei denen man sich gegenseitig reinlegen kann." Nachtragend sein darf man natürlich nicht.
Rafa Cywicki, Krzysztof Cywicki und Krzysztof Hanusz: Alcatraz, - Verrat hinter Gittern, Grafik: Rafa Badan und Martyna Szczykutowicz, 3 oder 4 Spieler ab 15 Jahren. Spieldauer: ca. 60 Minuten, Preis: ca. 20 Euro (günstigster Preis im Online-Handel)
"Fremde Federn": Das beste aus drei Spielen
"Na herzlichen Glückwunsch", sagt Sven. Er hat gerade einen Hochschulabschluss erworben, aber als Vollblutpolitiker ist dieses Diplom - zumindest im Spiel "Fremde Federn" - eher hinderlich. Sven ist Minister und möchte wie seine Mitspieler wiedergewählt werden. Dazu setzt er alle Hebel in seinem Hause in Bewegung, er schmiert, er schleimt sich bei den Medien ein und besorgt sich Insiderinformationen.
Die Karte mit dem Hochschulabschluss ist nichts wert für Sven, sie behindert ihn eher bei seinen Aktionen. Wem das bekannt vorkommt, der liegt völlig richtig, denn bei diesem Spiel schmückt sich der Autor Friedemann Friese ausdrücklich mit fremden Federn. Mit Zustimmung der Autoren hat er die wesentlichen Mechanismen der drei Spiele "Agricola", "Dominion" und "Im Wandel der Zeiten" übernommen und zu einem stimmigen neuen Ganzen zusammengesetzt.
Haben sie bei den Banken oder ihrer Gartenparty genug Geld gesammelt, können sie schließlich am Ende der Runde neue Karten kaufen - wie bei "Im Wandel der Zeiten".
"Es ist ein rundes Spiel", sagt Sven: "Die Mechanismen kennt man aber schon von den anderen Spielen, ich bin mir nicht sicher, ob ich mir dieses kaufen würde." Fremde Federn besticht durch seine Grafik und die geschickt austarierten Mechanismen, die sich sehr atmosphärisch in das Spielsetting eingliedern. Es gehört eine gehörige Portion Taktik dazu, aber wenn man gewinnen will auch das Quäntchen Glück. Der Hochschulabschluss hat Sven zwar nichts gebracht. Am Ende hat der 25-Jährige genügend Geld übrig, um sich einen Doktortitel zu kaufen und genug Siegpunkte beisammen.
Friedemann Friese: Fremde Federn, Grafik: Harald Lieske, 2 bis 4 Spieler ab 12 Jahren. Spieldauer ca. 95 Minuten. Preis: ca. 26 Euro (günstigster Preis im Online-Handel)
"Würfel Bohnanza": Gebändigtes Glück
Es fehlt immer ein Würfel. Was Sonja auch wirft, es reicht gerade nicht, um meinen Auftrag zu erfüllen. Mal fehlt eine Sojabohne, mal eine Saubohne, mal eine Blaue Bohne. Diesmal hilft es nichts, ich muss selbst das würfeln, was ich brauche. Welche Aufträge ich zu erledigen habe, das steht auf den beiden Karten vor mir. Oben liegt die aktive Karte, darunter die Reserve, auf die ich zurückgreifen kann, wenn ich genug auf der aktiven geschafft habe. Ab drei Aufträgen kann ich eine Karte in Taler eintauschen.
Zwei Dinge zeichnen "Würfel Bohnanza" aus: Zum einen müssen auch in großen Runden alle Mitspieler bei der Sache bleiben. Denn würfelt ein Mitspieler die passenden Bohnen zum eigenen Auftrag, hat man ihn ganz nebenbei erledigt. Zum anderen ist das Glück ein wenig gebändigt. Denn die Aufträge auf den Karten sind so sorgfältig zusammengestellt, dass ein Spieler, wenn er an der Reihe ist, maximal drei erfüllen kann. Es bleibt beim Würfelglück, Kartenglück kommt nicht auch noch hinzu.
Ein Spiel mit Suchtpotential. Bei meinem persönlichen Spiel ist nach drei Monaten zugegebenermaßen intensiven Spielens die Farbe von den Würfeln abgenutzt. Solche Mängelexemplare ersetzt der Verlag. "Ein schönes Spiel für Zwischendurch", sagt Sonja. Sie ist zufrieden, hat die Aufträge auf ihrer Karte geschafft und kann abkassieren.
Uwe Rosenberg: Würfel Bohnanza, Grafik: Björn Pertoft, 2 bis 5 Spieler ab 10 Jahren. Spieldauer ca. 45 Minuten. Preis: ca. 7 Euro (günstigster Preis im Online-Handel)
"Mafia Dollar": Dreckiges Geld
Jan hofft auf ein neues Lagerhaus. Die Prohibition lässt die Kriminalität aufblühen. Clans der Cosa Nostra streiten sich in "Mafia Dollar" um die dicksten Anteile an Prostitution, Glücksspiel, Alkohol- und Tabakschmuggel, und ein Lagerhaus würde Jans Kräfte gegenüber den Konkurrenten deutlich verbessern. Aber Jan schickt stattdessen einem gegnerischen Gangster ein paar Schläger vorbei, die den Banditen für ein Weilchen außer Gefecht setzen. Dann lässt er einen eigenen Mann in ein fremdes Lager einbrechen, um einen großen Dollarschein herauszuholen.
Das alles funktioniert bei diesem Spiel allein mit Karten: Mit ihrer Hilfe heuert der Mafioso neue Gangster an, stattet einen seiner Banditen mit Waffen oder Einbruchswerkzeug aus, mietet ein neues Lager hinzu. Wer einbrechen oder einen gegnerischen Gangster aus dem Weg räumen will, muss Glück haben: Er dreht eine Karte vom Nachziehstapel um, addiert den darauf gedruckten Würfelwert zu den Fähigkeiten seines eigenen Mannes und ist erfolgreich, wenn er eine acht oder mehr schafft.
Ärgerlich für die Verbrecher: Auch die Polizei geistert durch den Kartenstapel. Wer an einen Wachmann, eine Streife oder gar in eine Razzia gerät, muss sich schon etwas einfallen lassen, um am Ende nicht teuer zu bezahlen. Wer am meisten Geld gescheffelt hat, gewinnt.
Heiko Weyen: Mafia Dollar, Grafik: Michael Brüx, 2 bis 6 Spieler ab 12 Jahren. Spieldauer 30-60 Minuten. Preis: ca. 14 Euro (günstigster Preis im Online-Handel)
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Games | RSS |
| alles zum Thema Spiele | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH