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Indizierte C64-Spiele: Die frühen Schlachten der Pixel-Pazifisten

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"Rambo", "River Raid", "Beach Head" - reihenweise landeten pixelige, alberne Computerspiele in den achtziger Jahren auf dem Index, weil sie als Gefahr für die Jugend galten. Heute wirken die Begründungen der Jugendschützer von damals amüsant. Eine Auswahl.

Indizierte C64-Games: Jugendgefährdende Pixelwüsten Fotos

Es war eine Meldung, die viele Gamer amüsierte. Nach 17 Jahren wurde Ende August das Ballerspiel "Doom" vom Index gestrichen. Die in dem Spiel präsentierten Gewaltszenen seien "nach heutigen Maßstäben weder als detailliert noch als realistisch/realitätsnah einzustufen", hieß in der Begründung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM). Sie hatte den Shooter erneut geprüft, weil der Konzern Zenimax einen entsprechenden Antrag gestellt hatte. Das ist frühestens zehn Jahre nach der Indizierung möglich.

Doch was passiert, wenn niemand einen solchen Antrag stellt? Dann bleiben Games 25 Jahre lang auf dem Index - trotz Minimalgrafik und Achtziger-Jahre-Piepssound. So kommt es, dass bis vor wenigen Monaten noch einige Spiele von damals auf der Liste der jugendgefährdenden Medien standen. Insgesamt dreizehn Titel haben bisher zweieinhalb Jahrzehnte auf dem Index verbracht.

Die ersten Indizierungen der BPjM (die damals noch BPS hieß) stammen aus dem Dezember 1984. Damals wurden die - auch als Raubkopien (woher die kamen, ist hier nachzulesen) - populären Videospiele "Speed Racer", "Battlezone" und "River Raid" unter die Ladentheke verbannt. Es folgten Titel wie "Blue Max" und "Rambo".

"Aggressionssteigernde Eigenschaften"

Bis heute spannend sind die Begründungen. So wurde dem Brutalo-Rennspiel "Speed Racer" 1984 angelastet, Tötungsvorgänge zu verherrlichen und zu verharmlosen. Der Spieler hatte darin die Möglichkeit, Personen zu überfahren, die die Straße überquerten - das Anti-"Frogger"-Prinzip gewissermaßen. "Der Vorgang ist immer derselbe", schrieb die BPS. "Das Fahrzeug steuern, präzise zielen, überfahren." Zudem werde das Töten der Passanten als "romantisches Abenteuer" dargestellt, "männliche Tugenden können bewiesen und spielerisch eingeübt werden".

Die Indizierung des Kriegsspiels "Beach Head" etwa begründete die BPS unter anderem damit, dass das Spiel "aggressionssteigernde Eigenschaften" habe. Bei Jugendlichen führe das "zu physischer Verkrampfung, Ärger, Aggressivität, Fahrigkeit im Denken, Konzentrationsschwierigkeiten, Kopfschmerzen und anderem", hieß es im August 1985. Bei dieser Einschätzung berief sich die BPS auf einen Zeitschriftenartikel zur Wirkung von Bildschirmspielen aus dem Jahr 1983.

Der Nachfolger von "Beach Head", "Beach Head 2", wurde drei Monate später ebenfalls indiziert. Die Schlusssequenz wirkte schon damals ulkig: Spiel-Held und Oberbösewicht bewerfen einander über eine Wasserfläche hinweg mit langsam trudelnden Messern. Wird der Böse getroffen, produziert der Soundchip des C64 ein Geräusch, das ein bisschen wie ein Bäuerchen klingt, aber ein Schmerzenslaut sein soll.

Eine wichtige Rolle spielte auf dem C64 stets der Kalte Krieg - zahlreiche Spiele thematisierten den Ost-West-Konflikt, mehr oder minder offen. Dem Ballerspielklassiker "Raid over Moscow" attestierte die BPS 1985 Kriegsverherrlichung. Darin hatte der Spieler den Auftrag, den Abwurf einer sowjetischen Atombombe auf die USA zu verhindern, natürlich mit Waffengewalt. Ein typisches Kalter-Kriegs-Szenario - was das Game für die BPS nicht weniger jugendgefährdend machte. "Die kriegsverherrlichende bzw. verharmlosende Tendenz dieses Computerspiels wird nicht dadurch gemildert, dass der Spieler den Kampfauftrag verfolgt, um die westliche Hemisphäre zu retten", befand sie. Mit dieser Begründung könnte man allerdings nahezu jeden Kriegs-Shooter der vergangenen zehn Jahre auf den Index setzen.

Panzerspiel als "paramilitärische Ausbildung"?

Ein weiteres Spiel aus der Zeit des Kalten Kriegs, "Theatre Europe", verschwand erst im August 2011 von der Liste der jugendgefährdenden Medien. In dem 1986 indizierten Strategiespiel geht es darum, auf Seiten der Nato oder des Warschauer Paktes den dritten Weltkrieg zu gewinnen. Die BPS fasste das Spielprinzip so zusammen: "Es geht [...] um Zerstören und Vernichten, egal ob verteidigt oder angegriffen wird." Das Spiel bewirke "eine Perfektionierung im Einsatz von Gewalt", das Gewinnen des Krieges werde eingeübt. Bizarr wirkt diese Begründung heute nicht zuletzt deshalb, weil weite Teile des Spiels nur aus einer Landkarte mit symbolisch markierten Raketeneinschlägen bestehen.

Besonders kurios liest sich auch die Indizierungsentscheidung zur Panzersimulation "Battlezone" für den Atari 2600. Zunächst wird darin der Antragsteller, ein Jugendamt, zitiert. Laut BPS hieß es in dem Antrag von 1984: "Durch die Vision, dass der Spieler über mehrere Leben verfüge, vermittele das Spiel dem Spieler eine Scheinwelt, die mit der Realwelt nicht mehr in Einklang zu bringen ist." Und: Das Spiel sei "eine paramilitärische Ausbildung."

Die BPS entschied schließlich, "Battlezone" in die Liste der jugendgefährdenden Medien aufzunehmen. Das Spiel verherrliche und verharmlose den Krieg. Weil der Hersteller später ein neues Verfahren beantragte, wurde das im Jahr 1999 angesiedelte Spiel schließlich doch vom Index gestrichen - im Jahr 1997.

Drei Entscheidungen im Volltext

Bilder aus den einst indizierten Spielen finden sich in der Fotostrecke. Mit Genehmigung der BPjM hat SPIEGEL ONLINE zudem drei Indizierungsentscheidungen aus den achtziger Jahren als PDF-Dateien hochgeladen. Einige Angaben wie die Namen der Antragsteller wurden von der BPjM im Vorfeld anonymisiert:

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insgesamt 137 Beiträge
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1. Es fehlt...
Schmudo 12.09.2011
Es fehlt das gleichermaßen lustige, wie überflüssige "Spiel" Stroker ;o)
2. Pixel-Pazifisten machen Sitzblockade auf Farmville
HalloKinder 12.09.2011
Zitat von sysop"Rambo", "River Raid", "Beach Head" - reihenweise landeten pixelige, alberne*Computerspiele in den achtziger Jahren auf dem Index, weil sie als Gefahr für die Jugend galten.*Heute wirken die Begründungen der Jugendschützer von damals amüsant. Eine Auswahl. http://www.spiegel.de/netzwelt/games/0,1518,784721,00.html
Die Begrüdungen der Jugendschützer von heute sind nicht mehr amüsant, sie sind einfach nurnoch lächerlich. Nach über 30 Jahren Computerspielen werden diese immernoch wie Pornohefte in den 50er Jahren behandelt.
3. .
AFH 12.09.2011
Spätestens, als ein Spiel, bei dem man auf Nazis schiesst, mit der Begründung, es würden rechtsextreme Symbole verwendet, indiziert wurde, nahm ich die BPS nicht mehr ernst.
4. ...
Crom 12.09.2011
Zitat von AFHSpätestens, als ein Spiel, bei dem man auf Nazis schiesst, mit der Begründung, es würden rechtsextreme Symbole verwendet, indiziert wurde, nahm ich die BPS nicht mehr ernst.
Nachdem Schema werden auch heute noch Spiele indiziert. Sobald ein Hakenkreuz zu sehen ist, landet es auf dem Index. Dank Internet kann man sich aber heutzutage die Spiele aber auch in Österreich oder der Schweiz beschaffen.
5. --------------------
boeseHelene 12.09.2011
Zitat von HalloKinderDie Begrüdungen der Jugendschützer von heute sind nicht mehr amüsant, sie sind einfach nurnoch lächerlich. Nach über 30 Jahren Computerspielen werden diese immernoch wie Pornohefte in den 50er Jahren behandelt.
leider wahr, dass der Index der Bestellkatalog der Jugendlichen ist weil indiziert muss ja interessant und toll sein haben die sogenannten Jugendschützer bis heute nicht kapiert.
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