"Infamous - Second Son" Superhelden für alle!

Der neue Teil der "Infamous"-Reihe hätte der erste wirklich große Wurf für die Playstation 4 werden können. Das klappte nicht. Trotzdem macht das Spiel Spaß, auch deshalb, weil es sich in einem wichtigen Punkt von den Vorgängern abhebt: Es hat Humor.

Sony

So fängt ein schwieriger Tag an: Er wollte nur eine Plakatwand illegal besprühen. Kurz darauf hat er Superkräfte, die er nicht will, Streit mit seinem Bruder und wird vom Militär gejagt.

Die Idee zu "Infamous" ist von der Comic- und Filmreihe "X-Men" ausgeliehen: Einige Menschen entwickeln übernatürliche Fähigkeiten, martialische natürlich. Was bei "X-Men" die Mutanten sind, heißt hier Conduits, und dort wie hier werden sie von der Staatsgewalt gejagt. Es darf sie nicht geben. Der Spieler ist natürlich einer davon, auf der Flucht, und er benutzt diese Kräfte, saugt aus Schornsteinen oder Neonreklamen Energie und kann dann mit Feuer oder Licht kämpfen. Und mehr, etwa wie ein Blitz eine Fassade hochrennen, schneller als Spider-Man.

Schöner schriller Unsinn also, der außerhalb der Comic- oder Gameswelt kaum denkbar wäre. Delsin Rowe, ein sportlich-cooler Sprayer und Skatertyp, wird hier auf eine Reise geschickt, sich so viele Kräfte wie möglich von anderen Begabten zu holen, um später sein Volk zu retten, eine Art Indianerstamm.

Nach "GTA V" hat die Welt nun wieder ein Open-World-Spiel, man kann hier tun, was man will. Leider gibt die Welt nicht allzu viel her, die meisten dürften sich an die Spielgeschichte halten. Doch die ist gut. Auch wenn die Wahl zwischen einem guten und einem bösen Weg aufgesetzt wirkt. Dass die Story sieben Jahre nach "Infamous 2" angesiedelt sein soll und die USA wie ein totalitäres Regime alle Conduits verfolgen (Viele Grüße von "Half-Life", "Blade Runner" oder "Mirror's Edge") - das alles darf einem sogar egal sein, denn dieses Spiel ist eher eine Actionkomödie. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern hat "Second Son" tatsächlich Humor.

Übernatürliche Kräfte sind etwas sehr Komisches

Deswegen sind die Parallelen zu "Prototype 2", einem mittelguten Spiel des Jahres 2012, das sehr ähnlich aussah, nur oberflächlicher Natur: Prototype hatte keinen Humor. Infamous schon: Etwa wenn mitten in einer brenzligen Situation das Handy klingelt und die besorgte Tante anruft. In den Straßen von Seattle stehen Straßenmusiker mit roten Gibson-Gitarren und spielen Grunge. Und einmal verpennt der Held fast seinen Einsatz, als er auf einen feindlichen Militärkonvoi wartet, weil er am iPhone daddelt und abgelenkt ist.

Übernatürliche Kräfte sind etwas sehr Komisches. Sie sorgen dafür, dass Menschen sich in ihrem Körper unwohl fühlen - oder viel zu wohl, und sich überschätzen. Sie sind wie die Pubertät. "Second Son" lässt einen an den jungen Keanu Reeves denken. Nicht nur wegen der Physiognomie und der Slacker-Mütze, sondern auch weil der Filmstar anfangs Filme wie "Bill and Ted's excellent Adventure" drehte, in denen es um nichts als Science Fiction und lässige Sprüche ging.

"Infamous - Second Son" geht ähnlich humorig mit seinem Gegenstand um. Große Teile des Spiels finden in Kooperation des Helden mit einer wütenden jungen Dame statt, Fetch. Auf dem guten Weg (ehrlich: man kann das Spiel nur so mit Freude spielen) bekämpfen sie Dealer und das DUP, die Staatsgewalt, flirten und ziehen einander in guten Dialogen auf. Das ist trotzdem nicht der große Wurf für die inzwischen vier Monate alte Konsole. Es gibt noch keinen.

Kunstvolle Cutscenes im Street-Art-Stil

"Infamous - Second Son" ist trotzdem interessant. Es sieht hervorragend aus. Es zieht einen in den Bann, wegen der starken Hauptfiguren - und weil - hier haben Spiele endlich vom Kino gelernt - hinter der ganzen Action auch noch Persönliches steht: der Konflikt zwischen zwei sehr ungleichen Brüdern. Der Konflikt mit der hübschen Begleiterin, die ihren Hass auf Dealer kaum kontrollieren kann. Es geht um Recht, Gesetz und Moral. Spielt man den bitteren bösen Weg zu Ende, hat man ein hässliches Gesicht bekommen und alle enttäuscht, selbst die Freunde von früher.

Dieses Spiel ist auch wieder ein Beweis dafür, wie kraftlos die in Fachmagazinen immer noch übliche Prozentbewertung ist. Denn erwartet man ein ästhetisches Ereignis, ein wahrhaft neues Spiel, dann bekäme dieses Spiel nur lasche 40 Prozent, es erfindet gar nichts neu. Will man aber einfach ein solides Action-Abenteuer mit Erzählung, ist dieses Spiel eine sehr akzeptable 90. Sogar die deutsche Synchronisation ist gelungen. Auf seine Art ist es sehr gut. Vielleicht ist seine Art nur etwas zu unambitioniert.

Trotzdem ist es ungerecht, wenn einzelne Kritiker in den USA es nun schon sehr mittelmäßig fanden. "Infamous - Second Son" ist keine Revolution, aber ein gelungenes Spiel.

Man sollte nur aufpassen, wenn man nach dem Spielen wieder die Straßen von Berlin, Hamburg oder Köln betritt: Nicht versuchen, wie ein Blitz die Fassade hochzurennen. Das ist so schön, dass der Impuls zurückbleibt, nachdem man den Controller weggelegt hat.


"Infamous Second Son", Sony Computer Entertainment, für Playstation 4, ab 16 Jahre, ca. 65 Euro

insgesamt 5 Beiträge
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HerrIntelligentigkeit 24.03.2014
1. Danke...
Wenn Erzählart und Story die Stärken dieses Spiels sein sollen, dann danke ich vielmals, dass Sie das Ende verraten haben und ich somit keinen Anreiz mehr habe, die Story zu erkunden...
derkaiser66 24.03.2014
2. Sehr schöner Artikel
Mal nicht das übliche 08/15-Geschreibsel der sog. Fachpresse, sondern ein schöner Eindruck zu diesem Spiel, den ich in allen wesentlichen Punkten teilen kann. Second Son erfindet absolut nichts neu, macht aber mit seiner tollen Technik und dem rasanten Gameplay trotzdem einen Heidenspaß.
RenegadeOtis 25.03.2014
3.
Zitat von HerrIntelligentigkeitWenn Erzählart und Story die Stärken dieses Spiels sein sollen, dann danke ich vielmals, dass Sie das Ende verraten haben und ich somit keinen Anreiz mehr habe, die Story zu erkunden...
Puh. Da haben Sie recht. Also sind wir doch einfach froh, dass die auf Gibson Grunge spielenden Straßenmusiker nicht das Ende der Story sind.
barit 25.03.2014
4.
Zitat von HerrIntelligentigkeitWenn Erzählart und Story die Stärken dieses Spiels sein sollen, dann danke ich vielmals, dass Sie das Ende verraten haben und ich somit keinen Anreiz mehr habe, die Story zu erkunden...
Wo wird im Artikel denn das Ende verraten ? Ich sehe davon nichts. Muss sogar den Autor loben weil er nicht die anderen beiden Kräfte spoilert so wie manch anderer in der sog. "Fachpresse". Habe jedenfalls eine Menge Spaß mit dem Spiel und muss zugeben das es einfach spektakulär aussieht. Allein die ganzen Partikeleffekte wenn Delsin seine Kräfte benutzt sind wahre Wow Momente. Der Spielumfang ist zwar etwas kürzer geraten als bei den beiden Vorgängern aber ich finde es nicht schlimm das Sucker Punch (Die Entwickler) sich mehr auf Story und Charaktere konzentriert haben anstatt eine aufgeblasene Open-World zu bieten a la GTA5.
kein_gut_mensch 25.03.2014
5. Genau
Zitat von derkaiser66Mal nicht das übliche 08/15-Geschreibsel der sog. Fachpresse, sondern ein schöner Eindruck zu diesem Spiel, den ich in allen wesentlichen Punkten teilen kann. Second Son erfindet absolut nichts neu, macht aber mit seiner tollen Technik und dem rasanten Gameplay trotzdem einen Heidenspaß.
Da schließ ich mich an. Ich hab auch nichts Neues erwartet und wenn man mit dieser Erwartungshaltung daran geht macht es sehr viel Spass (ich weiß auch nicht warum es immer was Neues geben muss). Und was ich auch gut an diesem Artikel finde ist das Herborheben des Humors. Der ist wirklich gelungen in dem Spiel. Das Spiel sieht sehr gut aus und die Action ist sehr gut eingearbeitet. Die Dialoge sind spritzig und die Story ist solide. Das Gameplay mit den Superkräften ist 1a. Also ich hab wirklich viel Spass mit dem Spiel und ich kann Teile der Fachpresse auch nicht verstehen warum das Spiel dort so schlecht abschneidet. Sind aber zum Glück nicht alle so. Und ich freue mich in jedem Viertel von Seattle wieder eine Reklametafel besprühen zu dürfen um anschließend wieder mit der DUP-Telefonhotline telefonieren zu dürfen ;-)
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