EA-Spitzenmanager Peter Moore: "Nintendo schreibt man nicht einfach ab"

Die Gamescom ist Europas größte Videospielmesse. Vor dem Start erklärt Peter Moore vom Branchenriesen Electronic Arts, was er von Xbox One und Playstation 4 erwartet, warum sein Konzern jetzt Spiele verschenkt - aber vorerst keine Spiele mehr für die Wii U entwickelt.

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Peter Moore: Der EA-Chef will nicht mehr für Nintendos Wii U entwickeln

SPIEGEL ONLINE: Die Spielemesse Gamescom steht vor der Tür, die Branche wartet gespannt auf die neuen Konsolen von Microsoft und Sony. Nintendos nicht einmal ein Jahr alte Wii U aber enttäuscht die Branche mit schwachen Verkaufszahlen. Sind Sie als unabhängiger Spielehersteller zufrieden mit dem Erfolg Ihrer Wii-U-Titel?

Moore: Wir haben vier Titel ausgeliefert, unsere Sportmarken, "Mass Effect" und "Need for Speed". Es ist kein Geheimnis, dass die Verbreitung der Konsole unter unseren Erwartungen liegt. Ich vermute, bei Nintendo sieht man das genauso. Wir planen derzeit keine weiteren Titel. Aber wir reden hier von Nintendo, und die schreibt man nicht einfach ab. Wir beobachten, was passiert. Schließlich steht das Weihnachtsgeschäft vor der Tür, und es sieht aus, als ob von Nintendo endlich eigene Spiele kommen. Wir selbst konzentrieren uns aber auf die Playstation 4 und die Xbox One.

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Wii U: Das Fisher-Price-Tablet
SPIEGEL ONLINE: Ist das Schicksal der Wii U ein schlechtes Omen für Microsoft und Sony?

Moore: Vor der Electronic Entertainment Expo (E3) im Juni war ich besorgt, dass die Konsumenten womöglich von spezialisierten Spielkonsolen abrücken. Seit der E3 sind aber keine Fragen mehr offen. Es geht nicht mehr darum, ob man sich eine neue Konsole kauft, sondern nur noch darum, welche. Manche Kunden sagen sogar, sie wollen beide kaufen. Das zeigen auch die Vorbestellungen. Unsere weltweiten Einzelhandelspartner flehen um größere Hardware-Zuteilungen, weil die Nachfrage so groß ist.

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Xbox One, Playstation 4: Die neuen Spielkonsolen im Überblick
SPIEGEL ONLINE: Microsoft hat mit seiner ursprünglichen Ankündigung, den Verkauf von Gebrauchtspielen zu erschweren, für einigen Wirbel gesorgt. Hat Sie das gestört? Was ist EAs Haltung zum Secondhand-Handel?

Moore: Vor Jahren hat es mich als Vertreter eines Software-Hauses eher gestört, dass wir von Gebrauchtverkäufen nichts hatten. Jetzt betrachten wir sie als wichtigen Teil des Ökosystems, weil sie Fachgeschäfte wie GameStop in Schwung halten. Die sind ein wichtiger Teil unserer Vermarktungsstrategie. Wir haben die Herausforderung in eine Chance verwandelt, vor allem mit der Ankunft des "downloadable content" (DLC), also herunterladbaren Zusatzinhalten zur Erweiterung von Spielen. Nehmen Sie "Battlefield 3": Wir können einem Kunden, der dieses Spiel gebraucht erwirbt, jetzt ein Angebot machen, ihm einen Premiumdienst verkaufen, wenn wir attraktiven DLC haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Umsatz machen Sie denn mit solchen Download-Inhalten?

Moore: In den zurückliegenden zwölf Monaten haben wir mit digitalen Inhalten 1,7 Milliarden Dollar umgesetzt. Als ich 2007 zu EA kam, waren es nur gut 200 Millionen. Darin ist DLC enthalten, Mikrotransaktionen, und natürlich ist der Mobilbereich enorm gewachsen. Weiter schlüsseln wir diese Zahl nicht auf.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, das Apple jetzt Ihr wichtigster Einzelhandelspartner ist?

Moore: Das traf für das erste Quartal 2013 zu. Apple lag auf Platz eins, gefolgt von traditionellen Partnern wie GameStop, Walmart in den USA oder Media Markt und Saturn in Deutschland. Das hat für Aufsehen gesorgt, aber es war bislang nur in diesem einen Quartal so.

SPIEGEL ONLINE: Das zweite große Mobilbetriebssystem Android von Google treibt nicht nur Smartphones und Tablets an, sondern auch neue Konsolen wie Shield von Nvidia und die Ouya. Außerdem gibt es neue Hardware wie die SteamBox von Valve. Macht Ihnen dieser fragmentierte Markt zu schaffen?

Moore: Das könnte sich als Chance erweisen, wenn diese Geräte von vielen Kunden angenommen werden. Aber wir sehen das im Fall von Shield und Ouya bislang nicht. Wir behalten im Auge, was etwa Valve mit der SteamBox macht. Und wir stellen natürlich längst Android-Spiele her, also sind wir in einer guten Ausgangslage, wenn diese Geräte es in den Massenmarkt schaffen sollten. Aber im Moment sehen wir davon nichts.

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Ouya: Android-Konsole für 99 Dollar
SPIEGEL ONLINE: Seit vielen Jahren verdient EA Geld mit dem Verkauf von Spielen, jetzt verschenken Sie im Mobilbereich alle Ihre Titel und generieren Umsatz mit Verkäufen im Spiel selbst. Warum dieser drastische strategische Schwenk?

Moore: Wir tun immer noch beides. Wir erwarten ein sehr starkes Jahr im Konsolenbereich, angetrieben natürlich von einem Ereignis, das es in dieser Branche so nie zuvor gegeben hat: Zwei große Konsolen kommen wohl praktisch parallel auf den Markt. Wir werden noch viele Jahre Datenträger verkaufen. Gleichzeitig fordern die Gamer Free-to-Play-Spiele für ihre Tablets und Smartphones. Oft sind das sogar die gleichen Konsumenten. Sie haben schon "Battlefield 4" vorbestellt, eine PS4 und eine Xbox One, und sie spielen "Real Racing 3" auf ihren iPads oder iPhones.

SPIEGEL ONLINE: Seit Jahren hören wir jetzt, dass heute jedermann spielt, Männer, Frauen, Jung und Alt. Ist der Hardcore-Gamer, den Sie da beschreiben, wirklich immer noch die wichtigste Marketingzielgruppe?

Moore: Sie müssen den Core-Gamer gleich am Anfang erwischen. Sie müssen ihm ein so gutes Angebot machen, dass er oder sie sagt: "Das ist so viel besser als das, was ich im Moment auf meiner aktuellen Hardware spiele, das muss ich haben." Wenn Sie das nicht schaffen, wird es sehr schwierig, Ihre Plattform im Lauf der Jahre in den Massenmarkt hinein zu entwickeln, hin zu den Hunderten von Millionen weltweit verkaufter Geräte, die wir in dieser Branche erwarten. Sie brauchen diese Mitternachtswarteschlangen vor den Läden in den Abendnachrichten, die Gamer, die sich anstellen, um die neue Hardware zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie es für möglich, dass entweder Sony oder Microsoft am Ende des Lebenszyklus dieser Konsolengeneration aus diesem Geschäft aussteigt? Dass eines der beiden Unternehmen scheitert?

Moore: Für Microsoft ist das Xbox-Geschäft ihr Zugang zur Welt der Endverbraucher. Es ist wichtig für sie, um mehr als nur eine Firma für Geschäftskunden zu sein. Ich kenne viele aus dem Team dort, ich sehe, was sie investieren, wie sehr sich das ganze Unternehmen auf dieses Thema konzentriert. Für Sony gilt das Gleiche: Sie gehören zu den besten Hardware-Herstellern der Welt, sie haben mit Playstation eine Marke, die besonders in Europa praktisch synonym für Gaming steht. Sie haben ein phantastisches Portfolio eigener Studios, die Exklusivtitel für ihre Plattform machen, und sie sind seit vielen Hardware-Zyklen in dieser Branche. Sony wird in seinem Kerngeschäft überall angegriffen, sei es von Samsung im Bereich TV-Geräte oder von Apple im Bereich Musik. Gaming wird deshalb wichtiger für sie. Kaz Hirai leitet das Unternehmen jetzt. Er kommt aus dem Playstation-Geschäft, er ist ein Gaming-Manager. Kaz wird Sonys Marktposition nicht durch zögerliche Investitionen gefährden. Ich kann mir kein Szenario vorstellen, in dem einer der beiden Konzerne aus dem Spielegeschäft aussteigt. Es ist für ihren Produktmix einfach zu wichtig.

Das Interview führte Christian Stöcker

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insgesamt 24 Beiträge
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1. Endlich mal
Millie Cash 20.08.2013
was Gescheites zum Thema Gaming. Danke!
2. EA wäre gut beraten...
inovatech 20.08.2013
wenn es Titel auf den Markt bringen würde die nicht nur die Optik-Verbesserung berücksichtigt. Für den Spieler sind auch andere Dinge wichtiger. Wenn ich mir die letzten NFS-Titel so angucke - zum Abgewöhnen!! Hat mit dem guten Handling/Gameplay von früher nichts mehr zu tun. Leider muss man sagen!!!
3.
_stordyr_ 20.08.2013
ein wirkliich gutes und objektives Interview, was einen guten Einblick in den Markt und die Branche bietet. Natürlich aus Sicht eines grossen Distributors, aber gleichwohl gut.
4. Liebe
ColynCF 20.08.2013
Zitat von sysopEADie Gamescom ist Europas größte Videospielmesse. Vor dem Start erklärt Peter Moore vom Branchenriesen Electronic Arts, was er von Xbox One und Playstation 4 erwartet, warum sein Konzern jetzt Spiele verschenkt - aber vorerst keine Spiele mehr für die Wii U entwickelt. http://www.spiegel.de/netzwelt/games/interview-mit-ea-manager-peter-moore-nintendo-schreibt-man-nicht-ab-a-917018.html
Auch die 3DS war anfänglich eher enttäuschend, inzwischen aber ist sie fest etabliert und verkauft sich sehr gut. So erwarte ich das auch bei der wii U. Man muss erst mal abwarten, ob es bei MS und Sony wirklich besser läuft. Bekanntlich war sowohl PS3 als auch xbox 360 anfänglich nur sehr schleppend an den Mann zu bringen und wurde oft schon (voreilig) als Flop abgeschrieben. Nacch Preissenkungen, Designverbesserungen und 2-3 Jahren am Markt ging es dann aber doch stark aufwärts. Es ist nun mal auch so, dass viele Gamer funtkionierende Konsolen haben. Eine neue kauft man dann eben, wenn die alte kaputt geht. Es ist wahr, dass Nintendo eher in neue Spielkonzepte und weniger in Hardwareschlachten investiert. Von daher fehlt halt der Boah-ey Effekt für die Core Gamer. Aber Nintendo Konsolen werden meistens von Eltern verschenkt, oder von älteren (>25) selbst gekauft. Der pubertierende Coregamer wendet sich eher von seiner "Kinderkonsole" ab, kehrt aber Jahre später grade wegen der Kindheitserinnerungen gerne wieder zu Nintendo zurück. Man sieht eben: Nintendo ist in ihrer über 100-jährigen (!) Geschichte lange vor dem Computerzeitalter immer ein SPIELEkonzern gewesen. Sony und MS sind (seelenlose) Technikkonzerne. Nintendo hat Seele und liebt Spiele. Das ist ihr Geheimnis. Dafür werden sie geliebt.
5.
toffyfe 20.08.2013
Ich lese schon seit ca 1 Jahr die BerichtErstattungen auf Spiegel-online und habe mir jetzt endlich einen Account erstellt um diesen Beitrag zu kommentiere. Ein sehr gelungener Artikel, würde mir mehr in diese Richtung wünschen
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Zur Person
Peter Moore gehört zu den erfahrensten Managern der Videospielbranche. Er hat schon in leiternder Funktion in der Xbox-Sparte von Microsoft gearbeitet, davor leitete er das US-Geschäft von Sega. 2007 übernahm er die Führung des wichtigen "Sports"-Labels bei Electronic Arts, seit 2011 ist er Chief Operating Officer des Unternehmens, das seit vielen Jahren zu den größten unabhängigen Spieleherstellern der Welt gehört.


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