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Klingelton-Abos: Was wurde eigentlich aus dem Crazy Frog?

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Jamba und das Spar-Abo: Hier tanzt der "Crazy Frog" Fotos
YouTube

Nerviger ging es kaum: Mitte der Nullerjahre terrorisierte Jamba TV-Zuschauer mit schrillen Werbespots für Klingelton-Abos. Ein fettes Geschäft, viele Kinder luden sich "Partybiene" und "Crazy Frog" millionenfach aufs Handy. Und heute?

Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


"Hier gibt's die Super-Charts, hol dir die MP3-Hits der angesagtesten Artists auf dein Handy. Für 'Gummystyle' sende eine SMS mit dem Bestellwort M10 an fünfmal die Drei, für 'Lila Wolken' sende M11, 'Everything at once' erhältst du mit M12, 'Hall of Fame' mit M13, an fünfmal die Drei."

Na? Wieder genauso genervt wie damals? Und Sie haben nicht einmal die Musik dazu gehört! Dieser Jamba-Spot stammt nicht aus der Blütezeit der Klingelton-Verkäufe um 2005 herum, sondern ist jüngeren Datums: von 2012.

Ja, tatsächlich: Die Klingelton-Abos existieren noch, trotz Elternbeschwerden, YouTube-Mitschneide-Software und Aufnahmegeräten im Smartphone. Bis heute laufen Werbespots der Marke Jamba.

So funktioniert ein modernes Klingelton-Abo

Wer ein "TopMusic-Paket" von Jamba aufs Handy lädt, erhält derzeit sechs MP3s oder Musikvideos. Wer das "TopTon-Paket" bestellt, bekommt zwei Töne, drei Funvideos, dazu zehn Jamba-SMS und - ja, das wird ernsthaft beworben - "unbegrenzte Newsletter". 4,99 Euro kostet das Abo, nicht mehr pro Monat wie vor zehn Jahren, sondern sogar pro Woche. Lieder und Videos einzeln herunterladen funktioniert nicht, im Abo sind die Inhalte aber frei wählbar.

Doch der Weg zum Lieblingsklingelton ist überraschend mühsam: Ist das TopTon-Sparabo abgeschlossen, beginnt das Geräte-Hopping: Per SMS kommt der Downloadlink zum gewählten Klingelton aufs Smartphone. Nach dem Klick öffnet sich ein Fenster, in das die E-Mail-Adresse getippt werden soll. Per E-Mail kommt dann der nächste Downloadlink an.

Ein zusätzlicher Hinweis: Ein Download direkt aufs Smartphone ist nicht möglich. Stattdessen muss man die MP3-Datei auf dem PC abspeichern und das Telefon via iTunes mit dem Computer synchronisieren.

Dann die Überraschung: Der Klingelton ist gerade mal 30 Sekunden lang. Vielleicht hätte man den Song doch lieber direkt bei iTunes oder anderswo kaufen sollen?

Wie viele Handybesitzer sich heute noch ein solches Klingelton-Abo leisten, verrät die Jamba-Mutterfirma Freenet nicht. Klingeltöne würden aber "auch von Smartphone-Nutzern noch nachgefragt."

Die Werbung war eine Qual

Das wundert, denn viele potenzielle Interessenten dürfte Jamba schon vor Jahren mit seiner Werbung vergrault haben. Diese Clips waren oft minutenlang: zig verschiedene Lieder, gnadenlos durchexerziert, erst einstimmig, dann mehrstimmig, aber immer aggressiv, laut und überzüchtet.

Der SPIEGEL berichtete 2005, dass die Klingeltonreklame auf MTV und Viva zeitweise mehr als 40 Prozent der Werbeeinnahmen ausmachte. An manchen Tagen war ein einziger Spot 150-mal am Tag zu sehen.

"Hast du nix zu tun? Hast du Lust auf Party?", fragte damals die sogenannte Partybiene mit französischem Akzent, und noch heute rezitieren die Zuschauer von damals gern das Fragen-Tennis. "Biene4" an fünfmal die Drei und zack - Klingelton und Abo sind auf dem Weg.

Über die Jahre erfand Jamba eine Reihe skurriler Animationsfiguren. Die bekannteste ist wohl der "Crazy Frog", der "Axel F" im Stil eines Zweitakters darbietet. Ebenso gibt es Sweety, das Küken mit Liedtexten wie "And when I start to move my feet, I just gotta move my feet, baby give me what I need." Auch das tanzende und Flip-Flops-tragende Nilpferd und der Hase Schnuffel sind einem Millionenpublikum ein Begriff - weil man ihnen nicht entgehen konnte.

Klingeltöne waren ein Millionengeschäft

Als die Handy-Individualisierung Mitte der 2000er boomte, gaben die Deutschen Millionen für Klingeltöne aus. 183 Millionen Euro waren es allein 2004. Im Laufe der Zeit ließ sich mit Klingeltönen aber immer weniger Geld verdienen: 2007 luden sich die Deutschen nach Informationen des Branchenverbands der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche (Bitkom) noch 23 Millionen Klingeltöne herunter, 2009 waren es nur noch 11 Millionen. Aktuelle Verkaufs- und Umsatzzahlen nennt Freenet nicht.

Gegründet worden war Jamba 2000, von den Internetunternehmern Marc, Alexander und Oliver Samwer, die im vergangenen Jahr ihre Firmen Zalando und Rocket Internet an die Börse brachten. 2004 verkauften sie das Unternehmen für 273 Millionen Dollar an einen US-Kommunikationskonzern, blieben aber zunächst Geschäftsführer.

Die Sparabos brachten Negativschlagzeilen

Dem Ruf der Samwer-Brüder war das Projekt Jamba nicht unbedingt zuträglich. Vor allem die sogenannten Sparabos gerieten in Verruf, weil viele Jugendliche bei der Bestellung per SMS nicht bewusst war, dass sie überhaupt ein Abonnement abschlossen. Vielen buchte die Firma monatlich Geld ab, ohne dass die Jugendlichen genau wussten, was passiert.

Da viele Nutzer damals Prepaidkarten benutzten, erhielten sie keine Telefonrechnung, auf der die Abrechnung sichtbar gewesen wäre. War die Karte leer, stauten sich die Schulden bis zur nächsten Aufladung.

Auf den Vorwurf einer Abofalle angesprochen, sagte der damalige Jamba-Chef Oliver Samwer 2005 SPIEGEL ONLINE: "Gehen Sie doch mal zu Aral und kaufen Sie einen Mars-Riegel; da werden Sie ja auch nicht gefragt, ob Sie sich sicher sind."

Unerwähnt ließ Samwer, dass man bei einem Schokoriegel-Kauf an der Tankstelle auch 2005 nicht mit Kleingedrucktem wie diesem konfrontiert wurde: "3 mono Töne €2,99/Monat bzw. 5 poly Töne bzw 4 Reals je € 4,99/Monat + 3 bzw. 5 bzw. 4 Logos zzgl. Musiknews + WAP-Inhalte als Guthaben im Jamba! Gold Sparabo (+Transport). Abo-Kündigung per SMS mit "Stopgoldton" (mono Gold Ton) bzw. "Stopgoldpoly" (poly Gold Ton) bzw. "Stopgoldreal" (Gold Reals) an 33333 (€0,20/SMS. Tel: 0180-5554890 (€0,12/Min.) Minderjährige Besteller benötigen die Einwilligung eines Erziehungsberechtigten."

2008 entschied das Amtsgericht Berlin Mitte übrigens, dass die Vertragsabschlüsse durch Minderjährige ungültig sind.

Mittlerweile sind Abos ein Nischenphänomen

Heutzutage sind die Klingelton-Abos kein Thema mehr in den Verbraucherzentralen dieses Landes. "Klingelton-Abos spielen schon einige Jahre keine relevante Rolle mehr in unserer Beratungstätigkeit", heißt es etwa aus der Verbraucherzentrale Thüringen. Ähnliche Antworten kommen aus anderen Bundesländern.

Zusammengefasst: Die Marke Jamba mitsamt Klingelton-Sparabos gibt es noch immer, sie gehört mittlerweile zu Freenet. Jamba schaltet noch immer Fernsehwerbung, allerdings nicht mehr so viel wie zur erfolgreichsten Zeit um 2005 herum. Ein Sparabo kostet derzeit 4,99 Euro pro Woche und enthält unter anderem zwei MP3-Dateien als Klingelton à 30 Sekunden.

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insgesamt 58 Beiträge
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1.
Das Pferd 03.03.2015
puh, wenigstens ein Unfug, den es nicht mehr gibt. Mir stellen sich noch beim Lesen die Nackenhaare auf.
2. Warum heißt das Sparabo so?
noalk 03.03.2015
Weil man es sich sparen kann/sollte.
3. Damals schon nicht verstanden
dapete89 03.03.2015
Ja ich kenne Jamba Werbung nur zu gut...immerhin war es genau zu meiner Jugendzeit. Jedoch habe ich damals nie verstanden wieso man für Klingeltöne und Videos Geld ausgeben musste. Dies war wohl überwiegend ein Teil, der keine Ahnung von Technik hatte. Immerhin konnte man damals schon Videos vom PC aufs Handy Convertieren....mein Sony Erricson mit 64MB SD Karte war voll mit Bildern, Videos und Musik :) Die Gute "alte" Zeit :D
4. In einem funktionierenden Justizwesen ...
fridericus1 03.03.2015
... hätte man die Geschwister, die Unmengen von Kindern mit diesem hanebüchenen Unsinn und einer extrem miesen Masche um ihr Taschengeld gebracht haben, mindestens eingebuchtet. Das ist und war die müffelnde Achselhöhle der Internet- und Entertainmentbranche, in der der nur ganz besonders dreckresistente Lebewesen existieren.
5. Nicht ganz richtig
clara1337 03.03.2015
Freenet ist da schon lange wieder raus. Zwischendurch gehörte Jamba Fox (Ja von Herrn Murdoch). Und ganz vorbei ist die Sache immer noch nicht. Es tummeln sich immer noch hunderttausende "Leichen" in der Datenbank. Auch wenn diese nur auf dem Papier noch Geld bringen machen sie einen Teil des Firmenwertes aus. Dazu ist Jamba aus Aggregator tätig, z.B. für O2. Inzwischen gehört Jamba einem kanadischen Immobilienkonzern, der dafür noch eine Stange Geld gelatzt hat.
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