Von Jenny Purt
Toronto - Maya Hoye ist dreieinhalb Jahre alt. Wenn sie gemeinsam mit ihrem Vater "Zelda: The Wind Waker" spielt, schlüpft sie in die Rolle der jungen Hauptfigur Link. "Das bin ich, das bin ich!" ruft sie, wenn sie sich als Heldin des Spiels durch Verließe, Tempel und über die hohe See kämpft, um Links Erzfeind Ganondorf zu besiegen.
Eins weiß Maya nicht, wenn sie sich in die Rolle einer schwertschwingenden Heldin in Grün versetzt: Dass die Heldin, wie so viele in der Welt der Videospiele, eigentlich männlich ist.
Mayas Vater, der 37-jährige Kanadier Mike Hoye, hält das männlich ausgerichtete Heldentum in der "Zelda"-Serie und sonst überall in der Spielebranche für eine Ungerechtigkeit. Auch junge Mädchen wollen sich schließlich als unbesiegbare Heldinnen, als weltrettende Kriegerinnen fühlen dürfen. "Man kann den Namen der Figur in 'Wind Waker' ändern, aber die Dialoge behandeln einen immer als Jungen, was ich Maya gegenüber unfair fand", sagt Hoye.
"Drei durchgearbeitete Tage"
Die Texte in "Zelda"-Spielen werden nicht gesprochen, man muss sie vom Bildschirm ablesen. "Sie wird bald lesen können", sagt Vater Hoye, "aber sie versetzt sich eben in die Heldenrolle. Ich wollte, dass sie beides tun kann." Zunächst ging er dazu über, die Geschlechtszuweisungen ad hoc zu ändern, wenn er die Texte beim Spielen mit Maya vorlas. Dann entschied der in Toronto lebende Unternehmer, den Text so umzuschreiben, dass das Lieblingsspiel seiner Tochter eine Heldin bekommt. Dazu allerdings musste er etwas tun, was in Deutschland illegal wäre: Den Programmcode des neun Jahre alten "Zelda: The Wind Waker", erschienen für den ziemlich veralteten Nintendo GameCube, auslesen und am Rechner modifizieren.
Hoye änderte Begriffe wie "Schwertkämpfer" und "Herr" in die weiblichen Entsprechungen "Schwertkämpferin" und "Dame", indem er mit einem Editor die Dialoge im Spiel bearbeitete. Drei Wochen Nebenbeiarbeit kostete ihn das, allerdings hätte er es auch "an drei durchgearbeiteten Tagen" schaffen können, glaubt Hoye. Die "unbequeme und lästige" Aufgabe, den Text ständig abzuändern, während seine Tochter und er von Insel zu Insel reisen, entfällt nun.
"Schwer zu sagen, ob es das Spiel für Maya zugänglicher gemacht hat", sagt Hoye, "jedenfalls ist sie begeistert und mich selbst erfüllt das mit einem gewissen handwerklichen Stolz." Wären die Dialoge in dem 2003 erschienenen Spiel allerdings gesprochen, nicht nur geschrieben, hätte die Veränderung jenseits von Hoyes Möglichkeiten gelegen. "Eine 'Wind Waker'-Modifikation liegt in dem schmalen Bereich dessen, was Maya gefällt und was ich tatsächlich umsetzen kann", sagt Hoye. Er glaubt, dass in der männlich dominierten Welt der Videospiele "jeder dieses Problem hat".
"Nur eine Handvoll Spiele mit starken weiblichen Hauptfiguren"
Es gebe nur "eine sehr kleine Handvoll Spiele mit starken weiblichen Hauptfiguren, aber die sind meistens für Kinder ungeeignet und selbst wenn, werden diese Figuren von den Entwicklern regelmäßig schrecklich behandelt", sagt Hoye. Und zwar "nur aufgrund der stillen Frauenfeindlichkeit, die darin steckt, anzunehmen, dass männliche Teenager ihr einziges Publikum sind".
Selbst Kinderspiele würden stets Geschlechtsstereotypen folgen, sagt Hoye: Spiele für Mädchen konzentrierten sich auf "Ponys und pinkfarbenen Glitzer", während Spiele für Jungen "Autos, Sport und Waffen" enthielten. Spiele für Mädchen seien zudem häufig "einfach schlecht".
Wegen der Platzbeschränkungen, die das Spiel enthält, musste Hoye beim Übersetzen erfinderisch sein, um auch der Heldin "den verdienten Respekt zuteil werden zu lassen". Einfach "Junge" durch "Mädchen" zu ersetzen, hätte beispielsweise nicht funktioniert, weil das Wort Mädchen (girl) auch im Englischen länger ist als Junge (boy). Und etwa guy durch gal zu ersetzen, "hätte nicht den heroischen Ton vermittelt, den ich erreichen wollte", sagt Hoye. Also übersetzte er komplette Sätze neu. Aus "nicht so hastig, Junge" wurde "lass dir Zeit, oh Feind", aus "was kann ich für dich tun, junger Mann" wurde "kann ich dir heute helfen, junge Dame".
Das verweiblichte Zelda funktioniert nur am Rechner
Hoye veröffentlichte die Skripte zur Geschlechtsänderung in seinem Blog, für den Fall, dass andere das gleiche tun möchten. Er weist darauf hin, dass man das Spiel mit dem neuen Text nur spielen kann, wenn man statt der offiziellen Disk für Nintendos alte Konsole GameCube einen Emulator verwendet, der auf einem PC läuft. Diesen Emulator zu besitzen, wäre in Deutschland zwar nicht verboten - aber Spiel-Disks auszulesen ist es sehr wohl. Die Software-Kopie würde als illegale Raubkopie behandelt - das gilt, zumindest theoretisch, für alle derartigen sogenannten Mods von Konsolenspielen.
Für Nintendo ist die Angelegenheit zwiespältig - einen so glühenden Fan, der sich so viel Mühe macht, ein familienfreundliches Spiel noch familienfreundlicher zu machen, will man vermutlich nicht verprellen. Bei Hoye jedenfalls hat sich Nintendo nicht gemeldet. Anfragen von SPIEGEL ONLINE zum Thema ließ die kanadische Niederlassung des Unternehmens unbeantwortet, und auch zum rechtlichen Status des Dolphin Emulators wollte man sich bei Nintendo nicht äußern.
"Überraschende Menge Sexismus"
Hoye wünscht sich eine Veränderung in der Spielebranche. Das Studio Bioware sei mit gutem Beispiel vorangegangen, als es erlaubte, in "Mass Effect" den Helden Commander Shepard auch als Frau spielen zu können - tatsächlich bieten diese Möglichkeit viele Rollenspiele. Das Revolutionärste an der weiblichen Shepard-Figur sei, "dass die anderen Figuren im Spiel sie als Frau keinen Deut anders behandeln. Commander Shepard wird gleichermaßen respektiert und gefürchtet, egal ob die Rolle als Frau oder Mann ausgestaltet wird".
Hoye diagnostiziert einen "tiefsitzenden konservativen Zug" in der Spielkultur, mit einer "überraschenden Menge Sexismus und Klassendiskriminierung". Wenn sich daran etwas ändern sollte, dann wohl nur langsam.
Und was wird er tun, wenn seine Tochter lesen lernt und feststellt, dass ihre universumsrettende Heldin eigentlich männlich sein soll? "Ich will, dass sie am Ende glaubt, dass die Software-Kultur nicht in Stein gemeißelt ist, genausowenig wie die Software selbst", sagt Hoye. "All das lässt sich ändern, wenn man schlau, methodisch und entschlossen vorgeht."
Er habe nicht vor, "sie von allen Spielen mit männlichen Hauptfiguren abzuschirmen, ebensowenig wie ich plane, ihr alle Bücher mit männlichen Hauptfiguren vorzuenthalten". Aber vorerst möchte er eins sicherstellen: "Dass sie daran glaubt, dass es ihr zusteht, die Heldin der Geschichte zu sein."
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