Kawasaki Warehouse: In der Spielhölle
In Japan reiht sich eine Spielhalle an die nächste - wie lockt man da Kunden an? Die Gründer des Kawasaki Warehouse hatten da eine Idee: Dort stehen Automaten im originalgetreuen Nachbau eines Elendsviertels. Ein Riesenerfolg.
Ein enger Flur, rostiges Metall, Rohre und Kabel hängen von der Decke, in kleinen Drahtkäfigen ein paar Glühbirnen. Man könnte sich eine Hand vor die Augen halten und würde kaum weniger sehen. Eine Treppe führt nach oben, dort ist es ein bisschen heller: Kleine Wohnungen sind zu erkennen, Balkone, Brücken. Überall ist Rost, an den Mauern hängen Schmutz und Plakate in chinesischer Schrift. Willkommen in Hak Nam, der Stadt der Dunkelheit.
Allerdings blinken zwischen maroden Briefkästen und zum Trocknen aufgehängter Unterwäsche Arcade-Automaten: Hier gibt es Autorennen und Prügelspiele für ein paar hundert Yen. Der chinesische Slum ist nur Kulisse, nachgebaut in einer Spielhalle in Kawasaki, südlich der japanischen Hauptstadt Tokio.
Japan ist berühmt für seine Spielhallen, die Betreiber müssen sich schon etwas einfallen lassen, um die Kunden in ihre Häuser zu locken. Im Kawasaki Warehouse, einem großen Klotz in der Nähe des Bahnhofs, finden die Besucher nicht bloß eine weitere knallbunte Spielwelt, sondern eine Elendskulisse, die sich über zwei Stockwerke erstreckt (siehe Fotostrecke).
"Wir hatten schon Besucher aus China, die weinen mussten"
Auf einem der vielen Schilder steht in lateinischen Schriftzeichen: Kowloon Walled City. Die "ummauerte Stadt" gab es wirklich: Vor 20 Jahren lebten rund 40.000 Menschen in Hongkong, auf gerade Mal 210 mal 120 Metern Grundfläche, in einem Viertel mit diesem Namen. Ein Slum, der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und damit dem Ende der japanischen Besatzung Hongkongs in den Himmel wuchs, in dessen Tiefen nur selten Licht drang. So kam die Elendsgegend zu ihrem zweiten Namen: die Stadt der Dunkelheit. Sie galt als unregierbares Territorium, Rückzugsort für Kriminelle, die dort Opiumhöhlen und Bordelle betrieben. Bis 1993 die Abrissbagger kamen.
Der Chef des Kawasaki Warehouse, Tatahashi Yuji, führt durch seinen kleinen Nachbau der Kowloon Walled City. Er rüttelt zum Beispiel an einer Tür, woraufhin eine aufgebracht Frauenstimme zu hören ist. Wir sind hier nicht willkommen, die Tür bleibt verschlossen. Sieben Jahre gibt es das Kawasaki Warehouse bereits. "Wir hatten schon Besucher aus China, die weinen mussten, weil sie das hier an ihr altes Zuhause erinnert hat", sagt Yuji.
Massageplätze und ein nachgebautes Kellerlokal im fünften Stock
Gleich neben der chinesischen Kulisse reihen sich Arcade-Automaten und Spielmaschinen auf weichem Teppich, das Rauchen ist erlaubt, Fenster gibt es keine. "Wir wollen, dass die Gäste hier auf jedem Stockwerk eine neue Atmosphäre erleben und die Zeit vergessen", sagt Yuji. Im fünften Stock, eingerichtet wie ein Kellerlokal in Rosa, gibt es einen große Manga-Buchladen, Massageplätze und ein Internetcafé mit 120 Plätzen.
Kleine Wohnzimmer sind das, Hausschuhe stehen bereit, es werden Speisen und alkoholische Getränke gereicht. Für umgerechnet acht Euro kann man hier drei Stunden verbringen. "Einfache Internetcafés gibt es schon zu viele", sagt Yuji, "außerdem hat doch jeder sein Internet in der Hosentasche dabei." Doch auch um in den plüschigen fünften Stock zu gelangen, müssen die Besucher erst durch die Katakomben der düsteren Stadt finden.
Auch eine Herrentoilette im Kawasaki Warehouse soll an Kowloon Walled City erinnern, die Spiegel sind stumpf, es ist dunkel, irgendwo in der Ferne klingelt ein altes Telefon. Doch spätestens hier fällt auf: Es riecht viel zu gut. Noch auf der Toilette würde man bedenkenlos vom Boden essen, so sauber hier selbst die hinterste Ecke.
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