Kneipentrend Barcraft Public Viewing für Computerspiele

Freitagabend in der Kneipe: Anderswo läuft Bundesliga, in einer Studentenbar in München kommt "Starcraft". 150 Gäste verfolgen live eine Meisterschaft des Strategiespiels - wie beim Fußball gibt's Bier und Besserwisser-Kommentare.

Markus Böhm

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Garching - "This is so epic", schwärmt der Kommentator mit langgezogenem O, während Dutzende Kampfeinheiten übereinander herfallen. Als eine Armee die andere geplättet hat, applaudiert das Kneipenpublikum respektvoll, wie nach einem Befreiungsschlag beim Fußball. An vielen Tischen wird über das Gesehene diskutiert. Es fallen Managementbegriffe, man spricht über "Rushs"(überfallartige Angriffe) und "Transitions" (Strategiewechsel). Unterbrochen wird der Starcraft-Jargon von Thekenzufrufen: "Einmal große Nachos."

Rund 150 junge Menschen haben sich an diesem Freitagabend Ende November in der "Campus-Cneipe" der Technischen Universität München versammelt, um beim ersten Münchner Barcraft dabei zu sein. Ein Barcraft ist eine Form des Public Viewings, bei der Kneipen keine Sportpartien übertragen, sondern Spiele von "Starcraft-2"-Profis. Entstanden sein soll das Konzept im vergangenen Sommer im Chao Bistro in Seattle. Mittlerweile werden die Online-Kämpfe zwischen den fiktiven "Starcraft"-Rassen der Protoss, Zerg und Terraner in mehreren amerikanischen Städten gezeigt, etwa in Pittsburgh und San Francisco.

Seit Mitte 2011 gibt es auch in Deutschland Versuche, E-Sport-Übertragungen in der Kneipenszene zu etablieren. Barcrafts fanden bereits in Hamburg, Berlin und Darmstadt statt, eine Übersicht bietet die Facebook-Seite "Barcraft Germany". Doch nicht immer lief bei den Premieren alles wie geplant: In Nürnberg kamen zwar 40 Besucher nur wegen Starcraft in die Bar "Schleuder" - der angekündigte Livestream funktionierte allerdings erst, als alle wieder gegangen waren. "Dann habe ich das Spiel mit zwei "Starcraft"-Fremden geschaut", erzählt der Organisator.

Mehr Gäste als erwartet

In München bringt Michael Albertshauser, 25, das Strategiespiel auf die Leinwand. "Ich organisiere oft 'Starcraft'-Turniere", erzählt der Sonderpädagogik-Student, "ein Barcraft-Event schien mir eine gute Ergänzung zu sein". In den vergangenen Wochen hatte Albertshauser mehrere Kneipen gefragt, ob sie das im schwedischen Jönköping ausgetragene Dreamhack-Turnier per Beamer zeigen würden. Die Suche nach einer Location war schwierig: Ihre samstägliche Fußballübertragung - die "Starcraft"-Finalpartien hätten zeitgleich stattgefunden - wollten die Barbetreiber lieber nicht für einen "Starcraft"-Livestream opfern.

Zumindest für die Dreamhack-Gruppenspiele am Freitag konnte Albertshauser dann aber doch die Campus-Cneipe gewinnen, eine Bar, die an diesem Tag sonst kaum besucht wird. Entsprechend überrascht ist Kneipenchef Michael Thumm, als an diesem Abend plötzlich Dutzende "Starcraft"-Fans auftauchen. "Um mit dem Bedienen nachzukommen, musste ich gerade zwei weitere Mitarbeiter anrufen", sagt Thumm. "Ich hätte nicht gedacht, dass es in München eine so große 'Starcraft'-Szene gibt."

Volkssport "Starcraft"

Das Public-Viewing-Konzept wirkt wie ein neuer Höhepunkt des "Starcraft"-Hypes, den spätestens das Erscheinen des zweiten Teils im Juli 2010 auslöste. Zehntausende Nutzer schauen sich mittlerweile sogenannte Shoutcasts an, "Starcraft-2"-Duelle von Topspielern, die professionell kommentiert werden. Zu den Fans dieses Formats zählt Sabrina Schmalholz, eine von rund zehn Frauen beim Münchner Barcraft. "Die Kommentatoren sind besser und lustiger als im Fußball", findet sie. "Beim Fußball werden doch oft nur die Namen der Spieler genannt."

Besonders ausgeprägt ist die "Starcraft"-Fankultur in Südkorea. Dort wurde schon der erste Teil zu so etwas wie einem Volkssport. Wichtige Spiele werden von Fernsehsendern übertragen, Profis können vom Spielen leben. Auch bei europäischen Events lässt sich Geld verdienen. Beim Dreamhack etwa locken knapp 22.000 Euro Siegprämie. Schauplatz des Finales ist ein umgebautes Eishockeystadion mit 4000 Zuschauern.

Übertragung ohne Lizenz

Wie viele Zuschauer ein derartiges Event zeitgleich auf Kneipenleinwänden verfolgen, erfasst bisher niemand. In DSL-Zeiten genügen ein Internetanschluss und ein Beamer, um den Livestream zu zeigen. Lizenzen wie bei Sportübertragungen werden nicht vergeben. "Unsere Streams sind vollkommen kostenlos", antwortet der Dreamhack-Pressevertreter auf die Frage, ob die offizielle Übertragung bei Barcrafts gezeigt werden darf.

Dass es langfristig bei dieser Rechtesituation bleibt, kann sich der Münchner Organisator Albertshauser kaum vorstellen. "Im Netz gibt es bereits Diskussionen über Lizenzverkäufe", erzählt er. "Als Schritt der Professionalisierung fände ich Lizenzen okay, solange die Bars die Gebühren übernehmen. Eintritt sollten die Fans für ein Barcraft nicht zahlen müssen."

"Kein oder ein gutes Image"

In der Campus-Cneipe sind diese Fans vor allem Männer, die meisten zwischen 20 und 30 Jahre alt. Viele haben schon das erste "Starcraft" gespielt. Für sie zählt an diesem Abend die Unterhaltung, das Erlebnis mit Gleichgesinnten. "Ich wollte mir so ein Barcraft einfach mal anschauen", sagt etwa Matthias Pescheck, 21, der mit zwei Freunden aus Landsberg angereist ist. Fragt man die Besucher nach dem Reiz der "Starcraft"-Serie, wird das Spiel oft mit Schach verglichen. "Ich sehe 'Starcraft' als eine Art Teamschach", sagt Physik-Doktorand Ralf Heidemann, "es geht vor allem um Taktik und logisches Denken."

Heidemann, 32, hält es für gut möglich, dass sich die "Starcraft"-Übertragungen etablieren: "Durch das Altern der ersten Spielergeneration sind Computerspiele mittlerweile in großen Teilen der Gesellschaft verankert", sagt er. Förderlich für "Starcraft" sei zudem, dass das Spiel nicht so umstritten ist wie etwa "Counter-Strike, an dem der Begriff "Killerspiel" haftet. "'Starcraft 2' hat entweder kein oder ein positives Image in den Medien", sagt Heidemann, dann beklatscht er ein gelungenes Manöver auf der Leinwand.

Applaudiert wird beim Barcraft übrigens auch beim Spielstart und beim Game Over. Und manchmal geht ein Raunen durchs Publikum - wenn für wenige Sekunden der Stream stockt.

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