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Kriegsspiele: Frag(g) die Genfer Konvention

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In Computerspielen, konstatiert eine aktuelle Schweizer Studie, wird das Thema Krieg und Gewalt thematisiert, als hätte es die Genfer Konventionen nie gegeben. Gamer brechen virtuell ständig das Völkerrecht, werden mitunter sogar dafür belohnt. Muss das so sein, fragt die Studie. Eine gute Frage.

Kriegsspiel (hier: "Battlefield - Bad Company 2"): Räuber und Gendarm, Indianer und Cowboys - aber lebensecht wie im Film und ohne jeden Ethik-Modus Zur Großansicht

Kriegsspiel (hier: "Battlefield - Bad Company 2"): Räuber und Gendarm, Indianer und Cowboys - aber lebensecht wie im Film und ohne jeden Ethik-Modus

Man kann die Genfer Konventionen als großen zivilisatorischen Fortschritt sehen oder als zynischen Pragmatismus lesen, der Schadensbegrenzung anstrebt, statt zu versuchen, die Perversion des organisierten Tötens zu beenden. Beides hat wohl seine Berechtigung: Die Abkommen, seit 1864 in der Welt und seitdem mehrere Male ausgebaut, regeln das Töten im Konfliktfall. Sie definieren, wie, wen, mit welchen Mitteln und unter welchen Umständen man ein Gegenüber vom Leben zum Tod befördern kann und wann, wen und wo nicht. Sie sind eine Art Regelwerk des teilzivilisierten Krieges, in dem das Leben des Zivilisten schützenswert, das des Kombattanten aber auslöschungsfähig ist, außer er ergibt sich. Sie sollen die Kranken, Verwundeten, Schiffsbrüchigen und unbewaffneten Zivilisten schützen.

Immerhin - die Abkommen sind Zugeständnisse ans Machbare, ein Besser-als-Nichts, das Leiden zumindest vermindern wollte und aufs engste mit der Entstehungsgeschichte des Roten Kreuzes verbunden.

Und sie gehören sicher zu den meistgebrochenen Abkommen der Welt. Kriege sind nach wie vor Akte der entfesselten Barbarei, Kriegsverbrechen gehören zu ihrem Alltag. In einer Welt, die pervers genug ist, seit Jahrzehnten in die Möglichkeit des Overkill zu investieren, in der die Köpfung von Geiseln manchen als Publicity-Mittel dient, in der Militärs Waffen entwickeln, die Soldaten von innen kochen, aber die teure Maschinerie schonen, sind Spielregeln für das Töten, selbst wenn sie zu oft nicht beachtet werden, wohl wirklich ein zivilisatorischer Fortschritt.

Der, konstatiert nun eine Studie der Schweizer Initiativen Track Impunity Always TRIAL und Pro Juventute, ist in der Welt des Computerspiels aber noch nicht angekommen.

Download: Die Studie (PDF, 429 KB)

Zahlreiche kommerziell höchst erfolgreiche Kriegsspiele haben es zu einem Realismus gebracht, der an Film erinnert. Moral, Ethik oder Kultur aber haben sie nicht entwickelt: Fast durchgängig, befanden die mit der Studie beauftragten Juristen, brechen die Spieler internationales humanitäres Recht und Genfer Konventionen.

Ist das Realismus? Eben nicht!

Während der wildgewordene Massenmörder in der Realität des Krieges heute (und im Übrigen auch erst seit 2002) mit strafrechtlichen Konsequenzen vor einem internationalen Gerichtshof rechnen muss, darf sich der Spieler auf Punkte freuen, selbst wenn er auf alles ballert, was sich bewegt. Während der Soldat im Zweifelsfall die Genfer Konvention fragen sollte, kann der Spieler sie fraggen - was im Spielerjargon soviel wie metzeln, zerfetzen bedeutet. Nur in Ausnahmefällen wird ein solches Verhalten zum Beispiel durch Degradierung im Spiel bestraft, befinden die Tester.

Und fragen, warum das so sein muss.

Eine durchaus berechtigte Frage. Die Schweizer Studie hat mit ihrem rein juristischen Blickwinkel nicht nur einen originellen Ansatz, sie ist auch gänzlich unaufgeregt. Sie nimmt den Begriff des Realismus, um den Spieleentwickler ja stets bemüht sind, ernst und fragt, warum der sich nicht auch auf die paar Errungenschaffen erstreckt, die die Exzesse des sanktionierten Mordens im Krieg zumindest hier und da einschränken. Tatsächlich würde es den Schwierigkeitsgrad von Spielen ja sogar erhöhen, wenn man nicht auf alles reflexhaft mit Waffeneinsatz reagieren dürfte, sondern seine Reaktion adäquat anpassen müsste.

Der Reiz des Fraggens

"Computerspiele", meint dazu Martin Lorber, Sprecher und Jugendschutzbeauftragter des Spielekonzerns Electronic Arts, "nehmen wie der Film Dinge auf, die in der Welt nun mal passieren. Dazu zählen viele schöne Dinge und Themen wie Natur, Sport oder Musik, aber eben auch Krieg und Gewalt. Problematisch wird das, wenn eine Grenze überschritten, wenn Gewalt verharmlost oder verherrlicht wird."

Das sieht auch der Gesetzgeber so, die Frage ist aber: Wo fängt das an?

"Das", sagt Lorber richtig, "muss man im Einzelfall prüfen." So wie beim Film: Auch dort gibt es gewalthaltige, und mitunter trotzdem als wertvoll empfundene Werke und andererseits Metzelorgien, die Gewalt zu einem reinen Mittel des Entertainment machen. Altersfreigaben und - im Extremfall - Indizierungen oder sogar Vertriebsverbote regeln bei Medien wie Spielen, dass Konsumenten keine für ihr Alter unangemessene Inhalte in die Hand bekommen.

Dabei wollen die das durchaus. Kriegs- und Shooter-Games beziehen ihren Reiz aus der kontinuierlichen Adrenalindusche, der sie die Spieler aussetzen: Es ist der anhaltende hohe Stresslevel, in dem "Frags" - Abschüsse - kurze Erleichterungen bringen, bis am Ende des Levels die Belohnung eines Momentes der Entspannung folgt. Das ist psychologisch so einfach gestrickt wie ein "Die Hard"-Film, der auch kaum anders funktioniert.

Moral ist auch für viele Gamer eine Kategorie

Die Debatte um solche Inhalte wird von Gegnern wie Fans in der Regel mit viel zu viel Schaum vor dem Mund geführt. Auch im aktuellen Fall steht zu befürchten, dass die Schweizer Studie wieder Futter liefert für die Befürworter von Verboten.

Dabei wollen die Fans solcher Inhalte nur spielen. Sie verweisen auf das Surreale, das eben nicht Realistische ihrer Spiele. Darauf, dass diese Spaß machen, dass man sich austobt, Gruppenerlebnisse damit verbindet. Darauf, dass man den virtuellen Akt doch bitteschön nicht gleichsetzen sollte mit echter Aggression.

Interessanterweise sind sie dabei anscheinend nicht so enthemmt, wie ihnen oft vorgeworfen wird: Die exzessive, zynische Gewalt der sogenannten Airport-Szene des gerade erschienenen Spiels "Call of Duty: Modern Warfare 2" führte zu Protesten aus und heftigen Diskussionen in der Gamer-Szene.

Zugleich machte die Aufregung darüber das umstrittene, in Deutschland erst ab 18 Jahre freigegebene Spiel zum aktuell weltweit meistverkauften Entertainment-Produkt (bisher allerdings nicht in Deutschland). In der ersten Verkaufswoche setzte Entwickler Activision damit weltweit 550 Millionen Dollar um - und knackte damit die Erstverkaufsrekorde, die bisher von Filmen wie "Harry Potter und der Halbblutprinz" (394 Millionen Dollar) oder "The Dark Knight" (knapp 204 Millionen Dollar) gehalten wurden.

Selbst Fans aber fragen angesichts der inzwischen im Spiel mit einem Warnhinweis versehenen Gewaltexzess-Szene: Muss das wirklich sein?

Die durchaus konstruktive Kritik der Schweizer Studienorganisatoren ist da ganz pragmatisch: Ihnen würde es schon reichen, wenn sich die Entwickler von Kriegs- und Shooterspielen an die Genfer Konventionen hielten. Warum eigentlich nicht? Beim Film empfinden wir fast alle das als Qualitätsmerkmal, während wir die reine, sinnentleerte Metzelorgie, die auf keine Verluste Rücksicht nimmt, als schlecht, als unangenehm empfinden und abschalten. Das ist das eigentlich Interessante an dieser Kritik: Sie ist konstruktiv, würde zur Verbesserung der Produkte beitragen.

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Forum - Grenzen für Gewalt?
insgesamt 163 Beiträge
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1. Lächle...
Mocs, 24.11.2009
Zitat von sysopEine aktuelle Studie regt an, dass virtuelle Kriegsspiele die Genfer Konventionen beachten sollten. Eine gute Idee?
Kommt das jetzt auch von der Augsburger Stadtverwaltung ? ;-) Und gilt es auch für Kriegs- oder Cowboy und Indianerspiele von Kindern (hoher Schulungsaufwand). Und was ist mit Schach ? Lächle und sei froh... es könnte schlimmer kommen. Und ich lächelte und war froh ...und es kam schlimmer!
2.
M@ESW, 24.11.2009
Fragen über Fragen: Spiele die nach deren Entstehung spielen oder auch Spiele die vor deren Entstehung spielen (z.B. Medieval 2 vs. Operation Flashpoint 2?) Sollte die Möglich sie zu brechen einfach gänzlich unmöglich gemacht sein oder lediglich mit unangenehmen Konsequenzen verbunden werden? (der Nuklearschlag auf eine Stadt ist gar nicht erst möglich vs. tut man es wird man nach der Mission automatisch abgesetzt) Generell nur gegen Menschen oder auch in Fantasykriegen gegen Orcs und Co? Und was wenn man selbst die Orks spielt?
3.
freqnasty, 24.11.2009
als konsument solcher spiele, der sich normalerweise mit grausen von irgendwelchen idiotischen verbotsdebatten abwendet, halte ich die idee in bezug auf shooter, die vor einem realen hintergrund spielen, evtl für bedenkenswert. die moralischen botschaften, die speziell von der Call of Duty reihe transportiert werden, sind reaktionär und mitunter schlichtweg menschenverachtend. wenn bspw wie in CoD4 der einsatzleiter einer spezialtruppe der us-army den befehl ausgibt, ein schiff zu entern und dabei keine gefangenen zu machen(während des einsatzes, darf man sich dann an einer cut-scene "laben", in der die lieben kameraden mit ihren bajonetten schlafende "terroristen" in ihren kojen abstechen, alles in namen des guten, der freiheit, demokratie, und human rights...), egal ob die gegner sich ergeben oder nicht, ist das schon ziemlich ekelhaft, vor allem weil das spiel einem tatsächlich suggeriert, man tue hierbei das richtige. im endeffekt wäre das ganze eine "lex infinity ward", weil andere kriegsspiele in dieser hinsicht eigentlich untadelig sind. das hinrichten unschuldiger/nichtkombatttanten mit angehängter, "USA, fuck yeah" botschaft ist eine spezialität dieser einen spielreihe, die dummerweise aber die mit abstand erfolgreichste ihres genres ist.
4.
takeo_ischi 24.11.2009
Zitat von sysopEine aktuelle Studie regt an, dass virtuelle Kriegsspiele die Genfer Konventionen beachten sollten. Eine gute Idee?
Dann müssten das Kriegsfilme strenggenommen ja auch tun. Das würde in der Konsequenz dann zu Geschichtsverfälschungen führen. Die Verbrechen sollten schon dargestellt werden dürfen, wie sie waren. Nichts ist bessere Antikriegswerbung. Sie dürfen halt nicht glorifiziert oder als richtiger Weg dargestellt werden.
5.
M@ESW, 24.11.2009
Zitat von freqnastyals konsument solcher spiele, der sich normalerweise mit grausen von irgendwelchen idiotischen verbotsdebatten abwendet, halte ich die idee in bezug auf shooter, die vor einem realen hintergrund spielen, evtl für bedenkenswert. die moralischen botschaften, die speziell von der Call of Duty reihe transportiert werden, sind reaktionär und mitunter schlichtweg menschenverachtend. wenn bspw wie in CoD4 der einsatzleiter einer spezialtruppe der us-army den befehl ausgibt, ein schiff zu entern und dabei keine gefangenen zu machen(während des einsatzes, darf man sich dann an einer cut-scene "laben", in der die lieben kameraden mit ihren bajonetten schlafende "terroristen" in ihren kojen abstechen, alles in namen des guten, der freiheit, demokratie, und human rights...), egal ob die gegner sich ergeben oder nicht, ist das schon ziemlich ekelhaft, vor allem weil das spiel einem tatsächlich suggeriert, man tue hierbei das richtige. im endeffekt wäre das ganze eine "lex infinity ward", weil andere kriegsspiele in dieser hinsicht eigentlich untadelig sind. das hinrichten unschuldiger/nichtkombatttanten mit angehängter, "USA, fuck yeah" botschaft ist eine spezialität dieser einen spielreihe, die dummerweise aber die mit abstand erfolgreichste ihres genres ist.
Wobei ich gar nicht sicher bin das das auch gegen die Genver Konventionen verstößt solange der Kampf noch im vollem Gange ist. Wenn das gemacht würde nachdem das Schiff völlig unter Kontrolle gebracht wurde ist das eine Sache, aber solange das Gefecht noch läuft und die nur einen Alarmruf ihrer Wachen Kameraden vom aus der Koje springen und nach dem AK greifen entfernt sind, ist es nach der Genver Konvention durchaus nicht verboten (ansonsten wäre generell jeder Überraschungsangriff verboten). Wenn man alle Wachen Terroristen bereits unter Kontrolle und die Waffen der Schlafenden eingesammelt hat, dann wäre es eine gänzlich andere Situation. Interessant ist im Vergleich dazu die SWAT-Reihe, wo man, etwas überspitzt gesagt, Ärger für jeden Terroristen bekam den man ausschaltete bevor man ein ordentliches "Polizei! Hände Hoch!" gerufen hatte
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