"Spec Ops: The Line" Wahnsinn in der Wüste

Ein intelligenter Kriegs-Shooter, geht das? Ein Berliner Entwicklerstudio will mit "Spec Ops: The Line" den Beweis antreten. In einem von der Wüste verschluckten Dubai wird geschossen und ein monströses Rätsel gelöst - fragwürdige Entscheidungszwänge inklusive. Ein Spiel zum Schlechtfühlen.

2K Games

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Dubai ist versunken. Ein Wüstensturm hat die Stadt begraben, bis hoch zu den Wolkenkratzern türmt sich der Sand. Die Herrscher haben die Stadt als erste verlassen, längst nicht alle Einwohner konnten sich in Sicherheit bringen. Ein Bataillon der US-Armee, eigentlich auf dem Heimweg aus Afghanistan, versucht eine Rettungsmission und kehrt nicht zurück.

Monate später werden drei Elitekämpfer zum Nachschauen an den Persischen Golf geschickt. Vor der Stadt entdecken sie die Leichen von US-Soldaten, als bewaffnete Männer auftauchen. Dann geht das Geschieße los. Erst ballern, dann Fragen stellen - so beginnt der Militär-Shooter "Spec Ops: The Line", der gerade für Playstation 3, Xbox 360 und PC erschienen ist. (Mit den Vorgängern der "Spec Ops"-Reihe hat es praktisch nichts zu tun.)

In Begleitung der virtuellen Sidekicks Adams und Lugo stapft der Spieler als Captain Martin Walker in Richtung Geisterdubai, sieht die sandige Welt in bekannter Third-Person-Shooter-Perspektive. Die Begegnung mit der eigenen Truppe verläuft alles andere als freundlich, die Krieger in Camouflage eröffnen das Feuer. Aufständische kämpfen gegen das Bataillon von Colonel John Konrad. Der sollte eigentlich die verbliebene Bevölkerung retten, scheint aber den Verstand verloren zu haben und herrscht nun überaus gewaltsam über das, was von der Stadt übrig ist.

Verstörende Bilder, ständige Aggression

Wenig subtil verfrachtet "Spec Ops: The Line" die Geschichte des prototypischen Antikriegsfilms "Apocalypse Now" vom vietnamesischen Dschungel in die Wüste. Die Romanvorlage zum 1979 erschienenen Film, "Herz der Finsternis", stammt von Joseph Conrad. Die Querverweise beschränken sich jedoch nicht auf Namensähnlichkeiten.

Das Spiel soll ein ebenso wahnhafter Fiebertraum sein. "Wir wollen, dass der Spieler sich hin und wieder schlecht fühlt", sagte Leveldesigner Jörg Friedrich dem Eins-Plus-Spielemagazin "Reload". Der Spieler trifft, wenn nicht gerade ein Sandsturm die Sicht behindert, auf niedergemetzelte Zivilisten und von Phosphor verbrannte Soldaten. Im Verlauf der zunehmend düsteren Geschichte, die das Berliner Studio Yager erzählt, wird der Spieler vor schwerwiegende Entscheidungen gestellt.

Soll er in eine Geiselnahme eingreifen? Einem CIA-Agenten vertrauen? Wie man sich auch entscheidet, es folgen brachiale Gewalt und drastische Kriegsbilder. Die ständige Aggression und die ausweglosen Situationen sorgen für wachsende Spannungen in der Dreiergruppe. Schließlich droht die Hauptfigur, dem Wüstenkoller zu verfallen. Der Elitekämpfer in der schmucken Uniform, den man da anfangs spielt, verkommt im Laufe des Spiels zum rachsüchtigen, zerlumpten Dreckskerl. "Spec Ops: The Line" ist ein Feel-Bad-Game.

Wenig Freiraum, wichtige Entscheidungen

Im Gegensatz zu detailverliebten Shootern wie "Battlefield" oder "Call of Duty: Modern Warfare" kümmert sich Yager in den 15 Kapiteln der Kampagne weniger um lustvolles Geballere und mehr um das zunehmende Kriegstrauma der Hauptfigur. Damit die sorgsam ausgearbeitete Geschichte vom Spieler nicht zu sehr gestört wird, haben die Entwickler genau vorgegeben, wie man ein Level abzuarbeiten hat, viel Freiheit gewährt "Spec Ops: The Line" nicht. Bis auf gelegentliche Entscheidungen über Leben und Tod.

Das meist menschenleere Dubai, die unter Sand begrabenen Türme mit ihrer Luxuseinrichtung sind manchmal beklemmend hübsch, auch wenn die Grafik mit internationalen Highend-Produktionen nicht ganz mithalten kann. Manche Level wirken mit ihrer kargen Ausstattung etwas verlassen, Gegenstände und Gebäude lassen sich nicht beliebig demolieren - das aber gilt heute als Qualitätskriterium. Auch die Kampfsequenzen sind solide, auch sie können aber nicht mit aktuellen Blockbustern mithalten. Die Steuerung ist manchmal Glückssache: Mal können Hindernisse übersprungen werden, dann wieder nicht, mal geht Walker wie gewünscht in Deckung, mal bleibt er einfach im Kugelhagel stehen.

Lässt man sich auf die Wüstenwelt mit ihren Beschränkungen ein, ist "Spec Ops: The Line" ein durchaus interessantes Spiel. In diesem Genre will das schon etwas heißen.

Hat man sich bis zum Ende durchgequält, mit einer Mischung aus Neugier auf die Geschichte und Abscheu vor den eigenen Handlungen, steht man noch einmal vor einer dramatischen Entscheidung. Dann endlich hat "das Grauen, das Grauen" ein Ende. Und man ist froh, dass es vorbei ist.


"Spec Ops: The Line" von 2K Games für Playstation, Xbox und PC, rund 50 Euro, USK: ab 18 Jahren



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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
JCR 10.07.2012
1. ...
Das hört sich an wie Lindenstraße mit Sturmgewehren. Made in Germany halt...
MacGeifer 10.07.2012
2. auf sowas haben wir gewartet
auch wenn das spiel grafisch angestaubt ist nicht mit einer zerstörung ala battlefield 3 punkten kann so ist es doch endlich ein "shooter" der zeigt was krieg aus menschen macht und nicht so eine rosarote decke über das patriotische töten legt. nur wenige spiele verdienen das prädikat kunst weil sie mehr als bloße zerstreuung bieten und dieses gehört dazu.
quatre_vingt_quinze 10.07.2012
3. ...
ich habe den artikel überflogen, und die bilder nur schnell durchgeklickt, aber ich frage mich doch immer wieder weshalb leute den unterschied zwischen third- und first- person- shooter nicht erkennen.. und auch nicht, wo call of duty: modern warfare detailverliebt sein soll. davon ganz abgesehen ist dieses ganze psycho- entscheidungs- eigentlichwillichsienichttöten- gedöns doch wieder nur ein argument der hersteller, den verkauf eines bösen ballerspiels (in deutschland) zu rechtfertigen
relajo 10.07.2012
4. First-Person-Shooter-Perspektive?
...Moment mal, das ist aber nicht 1st-Person, sondern 3rd-Person und damit nicht so "bekannt" wie Spiele a la CoD usw.
Jacques Mesrine 10.07.2012
5. ....
hätte der iran dieses spiel rausgebracht, wäre es a.) propaganda und b.) nicht im westen erhältlich. einfache sache...
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