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Lan-Party im Bundestag: Wenn Politiker Computerspiele lernen

Von Mathias Hamann

Waffen im Bundestag? Undenkbar. Dennoch hallen Gewehrschüsse durch den Reichstag. Unter der Kuppel zockten Politiker gestern probeweise Ego-Shooter und wagten ein Tänzchen. Viele kamen - aber nicht alle. Die Grünen fehlten und wurden auch noch falsch informiert.

Berlin - Im Bundestag sind Waffen verboten. Logisch, hier soll debattiert und nicht geballert werden. Außer am vergangenen Mittwoch. Da war es sogar erwünscht, dass Abgeordnete wie Burkhardt Müller-Sönksen (FDP) mit Pistolen, Gewehren und Handgranaten, aber auch mit Tennisschlägern, hantieren - wenn auch nur virtuell. Denn am Mittwochabend waren die Abgeordneten zur Lan-Party in den Bundestag eingeladen. Es war das erste Mal, dass Politiker ganz offiziell am Arbeitsplatz daddeln durften.

Einige taten das mit großem Vergnügen, andere zumindest mit großem Interesse. Und das Interesse der Medien war nicht minder groß. Als Müller-Sönksen sich von einem der Profi-Spieler, die zu diesem Anlass eingeladen wurden, Tipps geben lässt, wie er seine Trefferquote erhöhen kann, sind beide von Mikrofonen und Kameras umzingelt.

Es ist halb acht und die Abgeordnete zocken seit einer Stunde Computerspiele, mitten unter der Reichstagskuppel. Ex-Justizministerin Brigitte Zyries schwingt den virtuellen Tennisschläger, andere lassen die Computer-Colts qualmen beim Mitmach-Western-Epos " Red Dead Redemption". Müller-Sönksen spielt probeweise Ego-Shooter: "Ich bin 51, IT-affin, administriere die Rechner in meiner Kanzlei und daheim - und spiele erst heute zum ersten Mal 'Counter-Strike'." Aus den Boxen hallen Schüsse aus einer digitalen Kalaschnikow.

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Lan-Party im Bundestag: Daddeln bis zur Wiederwahl
Die als virtuelle Gegenspieler antretenden Profis berichten ihm und seinen Kollegen, dass "Counter-Strike" für sie ein Sport ist, mit dem sie Geld verdienen. Der FDP-Mann sagt erwartbare Sätze: Er fühle sich nach der Probeschießerei nicht aggressiver, wisse aber, dass Games negative Effekte hervorrufen könnten - Einsamkeit und falsche Belohnung. Natürlich würden Verbote nicht helfen, weil sie sich leicht umgehen lassen. So weit, so wenig überraschend.

Vorurteile abbauen

Die abendliche Veranstaltung im Bundestag ist nicht die erste Lan-Party für Politiker; die Electronic Sports League (ESL) veranstaltet seit Jahren am Rande ihre Computerspiel-Turniere pädagogische Einführungen in die virtuelle Spielwelt. Eingeladen werden Lehrer, Jugendamtsmitarbeiter und Lokalpolitiker.

Dem Ausschuss zum Amoklauf in Winnenden demonstrierten Gamer ihr Hobby im Stuttgarter Landtag, allerdings hinter verschlossenen Türen. "Ich wurde von einer ähnlichen Veranstaltung im bayerischen Landtag zur Bundestags-Lan-Party inspiriert" sagt Dorothee Bär, CSU-Bundestagsabgeordnete und gemeinsam mit Jimmy Schulz (FDP) Initiatorin der abendlichen Veranstaltung.

"Es geht darum, bei den Kollegen die Skepsis abzubauen", sagt Schulz. Der IT-Unternehmer machte Schlagzeilen, weil er sein iPad mit in den Plenarsaal nahm. Dem Rüffel vom Juni folgte die offizielle Erlaubnis im Oktober. So selbstverständlich wie MdB Schulz nun sein iPad in die Plenarsitzungen nimmt, so selbstverständlich sollen Computerspiele auch als Medium von seinen Kollegen wahrgenommen werden, findet er.

Die Grünen wollen nicht mitspielen

Damit die Skeptiker ihre Scheu verlieren, dürfen die Parlamentarier sich eine Stunde lang unter Ausschluss der Presse warmzocken. Einige gehen, bevor die Journalisten zugelassen werden. Sie wollen sich nicht fotografieren lassen, wenn sie Ego-Shooter testen oder ein Tänzchen vor der Xbox wagen.

Die Grünen wollen gar nicht kommen. "Dort wird weder etwas Neues diskutiert, noch wären mir die vorgeführten Spiele neu," erklärt Tabea Rößner. Die medienpolitische Sprecherin der Grünen findet es zwar "schön, wenn die Regierungskoalition Wissensdefizite bei Computerspielen bemerkt", vermutet aber hinter der Veranstaltung reine PR und wünscht sich stattdessen tiefergehende Beschäftigung mit dem Thema.

Werbung ist verboten

Vielleicht sorgt die Veranstaltung ohnehin noch für Ärger. Sven Mey von der Bundestagspressestelle erklärt, dass Werbung im Bundestag grundsätzlich verboten ist. "Daraus ergibt sich, dass Veranstaltungen von der Industrie, um ihre Produkte oder Dienstleitungen im Bundestag vorzuführen, nicht zugelassen werden." Dem widerspricht aber, dass Abgeordnete an Ständen mit Logos von Wii oder Playstation beim Spielen von Journalisten fotografiert wurden. Bisher hat es so etwas noch nicht gegeben.

Ohnehin muss jede Fraktion im Vorfeld über die geplante Nutzung des Bundestags für eine Veranstaltung informiert werden und dem zustimmen. Genau das aber haben die Grünen nach ihrer Ansicht nicht getan. Ein Sprecher der Fraktion erklärte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, dass die FDP von einer Informationsveranstaltung zu neuen Medien gesprochen habe, die auf der Fraktionsebene und in den Räumen der FDP stattfinden solle. Die Grünen hätten sich dann erkundigt, ob auch auf der Fraktionsebene Computerspiele gezeigt würden. "Das wurde verneint", erklärt der Sprecher - also erteilten die Grünen ihre Zustimmung.

Doch gerade weil die Games nun eben doch mitten auf der Fraktionsebene auf die Politiker warten, erscheinen so viele. Sie laufen quasi auf dem Heimweg daran vorbei - und viele nutzen die Gelegenheit und daddeln eine Runde. Jimmy Schulz ist begeistert: "Ungefähr 70 Abgeordnete sind gekommen und viele fanden es super". Auch Dorothee Bär freut der Zuspruch.

Wirtschaftsfaktor Spiele-Industrie

Die Politikerin macht klar, wie unterschiedlich Spiele noch gesehen werden: "Viele Filme wären verboten, wären sie Computerspiele." Beispielsweise Quentin Tarantinos Nazi-Metzelstreifen "Inglourious Basterds", der 6,8 Millionen Euro aus dem Deutschen Film-Förderfonds des Kulturstaatsministers erhielt. Die Abgeordnete Bär will bei der Förderung gleiche Maßstäbe für beide Medien angelegt wissen: "Wenn ich die Budgets der Film- mit der Gamesförderung vergleiche, sehe ich noch große Ungleichgewichte."

Zudem sieht sie Games als Wirtschaftsfaktor. Kein Wunder, die Spieleindustrie erzielte laut ihrem Dachverband BIU 1,56 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2010, mehr als die Filmindustrie. "Früher saß in meinem Nachbarwahlkreis Coburg die Firma Crytec", sagt Dorothee Bär. Dann zog der Hersteller des Bestsellers "Crysis" nach Frankfurt, nun fürchtet sie gar den Abzug des Unternehmens, weil Deutschland nicht das richtige Umfeld sei.

Neben fehlenden Entwicklern trägt auch das politische Klima dazu bei. Laut dem Koalitionsvertrag von 2005 sollten Spiele wie "Crysis" als Killerspiele verboten werden, seit 2009 erkennt sie die Schwarz-Gelbe Koalition immerhin als Alltagskultur an. Der nächste Schritt wäre von einer Duldung zur Förderung mit Subventionen oder Infrastrukturhilfen wie Studiengängen oder gar speziellen Hochschulen. Vielleicht bedarf es dazu Politikern, die Games auch kennen und nicht verkennen.

Die Politiker-Lan-Party im Bundestag mag ein Schritt in diese Richtung gewesen sein.

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insgesamt 11 Beiträge
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1. .
static_noise 24.02.2011
Bereits der erste Satz lässt Qualitätsjournalismus erwarten: "Gewährschüsse" Rechtschreibprüfung in Word kaputt?
2. Ach jetzt verstehe ich das erst.
si_tacuisses 24.02.2011
Zitat von sysopWaffen im Bundestag? Undenkbar. Dennoch hallen Gewährschüsse durch den Reichstag. Unter der Kuppel zockten Politiker gestern probeweise Ego-Shooter und wagten ein Tänzchen. Viele kamen*- aber nicht alle. Die Grünen fehlten und wurden auch noch falsch informiert. http://www.spiegel.de/netzwelt/games/0,1518,747394,00.html
Sorry für meine "lange Leitung". Das waren Eignungstests zur Personalfindung für das neue Anti-Cyberwar-Zentrum der ReGIERung.
3. Na dann hoffen wir einmal
Nonvaio01 24.02.2011
Das die Politiker jetzt nicht zu Amok laeufern werden da ASie einmal Counterstrike gespielt haben. Ich finde die idee gut, da viele Politiker diese spiele noch nie gespielt haben sich aber anmassen ein urteil darueber abzugeben.
4. Hat die Nachricht promoviert, um einen Titel tragen zu dürfen??
Duran_D 24.02.2011
Zitat von static_noiseBereits der erste Satz lässt Qualitätsjournalismus erwarten: "Gewährschüsse" Rechtschreibprüfung in Word kaputt?
War auch das Erste, was mir aufgefallen ist! Nicht, dass ich keine mache, aber als Journalist, so ein Fehler....... Aber an sonsten tolle Aktion! Danke ESL! Und der Satz, dass manche Filme verboten wären, wenn sie Computerspiele wären, ist ja auch mal ein Anfang!
5. .
frubi 24.02.2011
Zitat von sysopWaffen im Bundestag? Undenkbar. Dennoch hallen Gewährschüsse durch den Reichstag. Unter der Kuppel zockten Politiker gestern probeweise Ego-Shooter und wagten ein Tänzchen. Viele kamen*- aber nicht alle. Die Grünen fehlten und wurden auch noch falsch informiert. http://www.spiegel.de/netzwelt/games/0,1518,747394,00.html
Die Spiele in der Praxis zu testen ist zwar löblich, aber ob der Großteil der Politiker nun fähig ist, sich in die Köpfe der Gamer reinzudenken, ist eher unwahrscheinlich. Zudem beruht manche Äußerung eines Politiker eher darin, Wählerstimmen aus dem konservativen Lager zu ergattern. Die Ü60 Fraktion ist mit populistischen Anti-Videospiel-Äußerungen (Killerspiel ist der falsche ausdruck, man tötet ja niemanden) durchaus zu ködern.
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