"Life is Strange 2" im Test Ein Spiel, das zu 2018 passt

"Life is Strange 2" erzählt die Geschichte zweier Brüder auf der Flucht - und konfrontiert den Spieler mit amerikanischem Alltagsrassismus und Polizeigewalt. Viele Momente sind unangenehm, aber das ist gut so.

Daniel und Sean
Square Enix

Daniel und Sean

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Spoiler-Hinweis: Diese Rezension verrät grob, worum es in der ersten Episode des Spiels geht.

Ist Sean ehrlich zu seinem Vater und sagt ihm, dass er das geliehene Geld für Alkohol und Marihuana ausgeben wird? Oder erwähnt er das lieber nicht? Fragen wie diese muss der Spieler im neuen Videospiel "Life is Strange 2" beantworten - indem er immer wieder per Tastendruck entscheidet, wie die Geschichte weiterläuft.

Später, im Rückblick, wirkt die Entscheidung rund ums Geld fast lächerlich simpel. Denn dann überlegt man zum Beispiel, wie Sean seinem kleinen Bruder Daniel nahebringen soll, dass ihr Vater erschossen wurde, dass sie seitdem auf der Flucht sind.

Leiten lassen vom Schriftzug

"Life is Strange 2", dessen Auftakt-Episode Donnerstag erscheint, ist ein Spiel für PlayStation 4, Xbox One und PC, es wurde vom Studio Dontnod entwickelt. Ein Spieler der Vorgänger - "Life is Strange" und der Vorgeschichte "Life ist Strange: Before the Storm" - wird nicht lange brauchen, um sich zurechtzufinden. Denn spielmechanisch wird er überhaupt nicht gefordert.

Wie zuvor bewegt sich der Spieler durch eine recht begrenzte Spielumgebung - mal durch das Wohnhaus der Brüder, dann durch einen Waldabschnitt oder eine kleine Tankstelle samt Lädchen. Noch immer gilt es, die Gegend zu erkunden, jene Gegenstände, Türen oder Personen zu finden, die per Schriftzug als interaktionsfähig deklariert werden. Dann öffnet man den Kühlschrank, entzündet im Wald ein Feuer oder spricht eine Familie an, die vor der Tankstelle ein Mahl zu sich nimmt.

Daniel
Square Enix

Daniel

Der Reiz von Spielen wie "Life is Strange 2" ist jedoch nicht das Absuchen von Interaktionsmöglichkeiten. Es sind die Interaktionen selbst, die fordern können. Dann nämlich, wenn es darum geht, zu entscheiden. Wie verhält sich Sean seinem Bruder gegenüber? Ist er verständnisvoll, gereizt, gleichgültig? Diese Entscheidungen summieren sich und verändern den Lauf des Spiels, der sich auch dieses Mal wieder über mehrere Episoden erstreckt, die nach und nach veröffentlicht werden.

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Die Geschichte macht es neu

Wirklich neu an "Life is Strange 2" sind letztlich einzig die Geschichte und die Direktheit, mit der aktuelle politische Themen verhandelt werden. Die Prämisse der Geschichte ist kurz erzählt. Sean und sein Bruder Daniel wachsen in Seattle auf. Er ist im Teenager-Alter, Daniel noch ein Kind. Der Vater wurde in Mexiko geboren, wanderte in die USA ein und erzieht die beiden nun allein.

Durch einen unglücklichen und unverschuldeten Umstand wird der Vater von Sean und Daniel von einem Polizisten erschossen. In Bruchteilen einer Sekunde ist zu sehen, dass der Polizist daraufhin von einem kraftvollen Stoß weggefegt wird - es sind also übernatürliche Kräfte im Spiel. Daraufhin sind die beiden Brüder auf der Flucht.

Beide auf einem Felsen
Square Enix

Beide auf einem Felsen

Bereits in der ersten Episode entfaltet diese Geschichte eine Brisanz, die die bisherigen "Life is Strange"-Teile nicht boten. Diese handelten von der persönlichen Geschichte einer jungen Frau, die zwischen Uni, Verliebtheit und ihren zeitverändernden Kräften hin und her tapste. Zwar hat "Life is Strange 2" diese persönliche Komponente auch, doch wird diese gerahmt von einer Erzählung über Polizeigewalt und Rassismus in den USA.

Momente, die großes Unbehagen hervorrufen

Mit einer von Videospielen eher ungewohnten Direktheit treffen die beiden Brüder auf ihrer Flucht auf rassistische Menschen und müssen mit diesen umgehen - wie auch der Spieler. Es ist die Rede von Trumps Mauer; der Hass auf Menschen mexikanischer Herkunft starrt aus den Augen vieler Menschen. Die beiden erfahren durch Zeitungen, dass der Tod des Vaters Proteste ausgelöst hat. Dass in ihrer Heimatstadt Seattle nunmehr die Polizeigewalt an nicht weißen Menschen die Schlagzeilen bestimmt. Diese Momente können ein großes Unbehagen hervorrufen. Diese Momente sind die wichtigsten des Spiels. Das Neue daran.

Zeitung
Square Enix

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"Life is Strange 2" ist ein starkes Beispiel dafür, wie Videospiele eine aufwühlende und herausfordernde Geschichte erzählen können - jedoch auf ziemlich konventionelle Art, die aus dem Film stammt. Zwar hat der Spieler eine gewisse Entscheidungsfreiheit und in einigen Situationen ist genau diese Freiheit auch die Stärke des Spiels, da so eine Reibung entsteht, die Filme nicht kennen. Hier kann man unangenehme Momente nicht nur anschauen, sondern beeinflussen. Dennoch geschehen diese Interaktionen des Spielers eher im Kleinen, oft bleibt er passiv.

Daher stellt sich dann auch die Frage, wie lange es noch dauert, bis sich dieses Spielprinzip selbst überholt hat. Bis diese Entscheidungsmomente nicht mehr spannend sind, sondern nur noch gewohnt. Gerade erst wurde das Aus des Spielestudios Telltale Games bekannt, das Spiele herstellt, die ähnlich funktionieren wie die von Dontnod. Die Verkäufe blieben aus, die Spieler waren wohl gelangweilt.

Insgesamt passt "Life is Strange 2" in ein Jahr, in dem schon Spiele wie "Far Cry 5" oder "Spider-Man" auf den aktuellen politischen Diskurs reagierten. Es passt in eine Zeit, in der persönliche, interaktive Geschichten wohl mehr bewirken können als trockene Mahnungen und Apelle. "Life is Strange 2" lohnt, gespielt zu werden. Mit der Hoffnung jedoch, dass diese Art Spiel schnell wieder aus der Sackgasse herausfindet.

insgesamt 7 Beiträge
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Thomäs 26.09.2018
1. Erster Teil war auch mehr als nur Teeny Kram
Also im ersten Teil ging es auch um weit mehr als nur um ein Mädchen das durch die Zeit reisen kann. Es ging um verschwundene Mädchen, missbrauch, psychischer Folter, Mord... nach und nach wurde man immer tiefer in die Abgründe gezogen. Gleichzeitig aber auch um Freundschaft und persönliche Probleme. Ich glaube das macht die Spiele auch so interessant. Neben den großen Problemen sind die Charaktere eben auch menschlich. Ich würde Life is Strange auch in einer anderen Liga sehen als Teltale. Diese haben in den letzten 10-15 Jahren so unglaublich viele Spiele herausgebracht. Walking Dead, Game of Thrones, Sam and Max, Back to the Future und noch so viele mehr. Zwar waren einige davon echt gut aber sie haben auch ihren eigenen Markt übersättigt :(
minay55 27.09.2018
2. Mindblowing
Die Spielmechaniken von Life is Strange und Life is Strange before the Storm sind keine große Herausforderung. Dabei geht es jedoch auch gar nicht. In den Geschichten steht zwar das Leben von zwei Teenagern im Mittelpunkt, dich die Geschehnisse mit denen der Spieler konfrontiert wird, haben mit Teenie Kram nichts mehr zu tun. Je weiter die Episoden Fortschreiten, desto mehr überschlagen sich die Ereignisse und sie werden immer heftiger. Der Spieler wird mit Mobbing, Selbstmord, Vergewaltigung und Mord konfrontiert. Selbst simple Alltagereignisse zeigen, wie unfair das Leben laufen kann und die Entscheidung das Leben einer einzelnen Person gegen das von vielen zu opfern oder nicht, hat mich persönlich sehr mitgenommen. Die Themen werden von den Entwicklern nur Oberflächlich behandelt, mehr Mut den Spieler noch mehr auf diese Art der Ungerechtigkeiten hinzuweisen erhoffe ich mir von Life is Strange 2. Das Spiel wird hoffentlich noch tiefgründiger und mitreißender als die Vorgänger, auch wenn es unangenehm ist, sich damit auseinander zu setzen.
aha47 27.09.2018
3. Telltale
Die Verkäufe bei Telltale bieben aus, weil Telltale (a) seit Jahren quasi das gleiche Spiel verkauft mit (b) einer schlechten technischen Basis und sich (c) die angepriesenen Entscheidungsmöglichkeiten nie wirklich auf den Spielverlauf auswirkten. Wenn Entscheidungsmomente als Farce entlarvt werden, dann ist der Spieler gelangweilt.
Dark Agenda 27.09.2018
4. Vorurteile
Spoiler für Life is Strange 1 Das Spiel hatte diverse Probleme mit Klischees. Zwei Mädels, Punk = gut, Ex-Militär und "Prepper" = böse, religiöses Mädchen = psychisch instabil. Trotzdem haben die interessanten Charaktere und der Plot die Story noch gerettet also insgesamt ein nettes Spiel. Aus dem Text oben kann ich schon mal entnehmen: Polizei = Mörder, Mexikaner = gut. Muss in einem politisch aufgeladenen Klima ein Spiel eine so simple Sichtweise präsentieren? Den Kommentarbereich der NY Times kann ich lesen ohne 30€ dafür zu berappen. Nun bin ich kein Trump-Fan aber für Manipulationen ob rechts oder links zahle ich nichts. Gute Stories sind überraschend und hintergründig, sie sollen keine simple politische Botschaft transportieren, die bekomme ich jeden Tag in den ör Nachrichten vorgekaut.
philipp_jay 27.09.2018
5. Far Cry 5 und politisch?
Was auch immer Far Cry 5 in der Auflistung von "politischen Games" zu suchen hat. In dem Spiel waren einfach alle bekloppt. Zum Teil war mir die Sekte lieber als die übrigen NPCs. Das Spiel konnte sich nicht zwischen GTA artiger Satire und Ernsthaftigkeit entscheiden. Dazu noch spielerische Mängel. Ich war froh das am Ende alle draufgegangen sind.
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