Literatur-Verspielung Hölle aus dem Osten

Der Atomkrieg hat die Menschen in Moskaus Metronetz getrieben. Sie kämpfen, fliehen vor Mutanten - "Metro 2033" ist ein gespenstisches Spiel. Düstere Geschichten sind die Spezialität von Programmierern aus dem einstigen Ostblock, die mit ihren Werken die Welt erobern wollen.

Von Oliver Klatt


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Computerspiel: Romanadaption "Metro 2033"
Der Tunnel scheint kein Ende zu nehmen. Die in festen Abständen an der Wand hängenden Lampen sind ausgeschaltet. Nur die Notbeleuchtung hüllt uns in dämmriges Zwielicht. An den gewölbten, rostroten Stahlwänden läuft Wasser viel zu nah an brüchigen Stromkabeln vorbei und fließt als Rinnsal ins Dunkel. Vorsichtig setzen wir einen Fuß vor den anderen. Auf einmal dringt aus der Ferne ein massiges Grollen heran. Wir bleiben stehen. Das Grollen wird lauter. Es kommt direkt auf uns zu. Wir beschleunigen unseren Schritt. Jeder würde das tun.

Dies ist das Verlies des russischen Atombunkers SCP Taganskiy, einem architektonischen Relikt aus der Zeit des Kalten Krieges. Das Grollen ist das durch meterdicken Beton dringende Rumpeln der Moskauer U-Bahn, die im Minutentakt an uns vorbeidonnert. 65 Meter über unseren Köpfen friert und pulsiert das Herz Russlands: Moskau, die Millionenmetropole zwischen in Gold und Beton gegossener Vergangenheit und ungewisser Zukunft. Hier unten ist die Zukunft bereits angekommen.

Überleben in der Moskauer Metro

Zumindest jene bedrückende Vision, die der russische Schriftsteller Dmitry Glukhovsky in seinem Roman "Metro 2033" beschreibt: Nach einem mit Atomwaffen ausgetragenen Weltkrieg hausen die wenigen Überlebenden im verzweigten Netzwerk des Moskauer Metro-Systems, haben sich in den Stationen zu teils verfeindeten Dorfgemeinschaften zusammengeschlossen und trauen sich nur noch selten an die radioaktiv verseuchte Oberfläche, da dort verstrahlte Mutanten leben.

Das Buch wurde in Russland ein Bestseller, nachdem Glukhovsky eine erste Fassung kostenlos im Internet veröffentlicht hatte. Auch in Deutschland verkauft es sich gut. "Die jahrelangen Gerüchte über ein Videospiel zu' Metro 2033' waren am Erfolg meines Romans sicherlich nicht ganz unschuldig", sagt der 30-Jährige. Um dieses Videospiel, das im kommenden Frühjahr erscheinen soll, erstmals der Öffentlichkeit zu präsentieren, haben der Schriftsteller, der Creative Director des ukrainischen Entwicklerstudios 4A, Andrey "Prof" Prokhorov, und Produzent Dean Sharpe in den Moskauer Untergrund geladen. Kein Ort könnte passender sein.

Nach dem Erfolg der in der Ukraine entstandenen "Stalker"-Spiele, die auf dem Roman "Picknick am Wegesrand" der Gebrüder Arkadi und Boris Strugazki basieren, entsteht nun also mit "Metro 2033" eine weitere Literaturverspielung.

Utopien über den technischen Fortschritt

Haben die Videospieler des Ostens eine besondere Affinität zum geschriebenen Wort? "Wir sind eine Nation, die gern liest", sagt Prokhorov, der Lead Designer des ersten "Stalker"-Spiels war, bevor er zu 4A wechselte, "zu Sowjetzeiten war das allerdings noch ausgeprägter, da die übrige Medienlandschaft der UdSSR einseitig und nicht sonderlich attraktiv war."

Schriftsteller Glukhovsky hingegen hält die im Osten angeblich besonders enge Beziehung von Game-Design und Literatur für konstruiert: "Man denke nur an all die amerikanischen Spiele, die den Romanautor Tom Clancy im Namen tragen. Das ist in anderen Ländern viel ausgeprägter als bei uns." Auch der Hang zum Düsteren, zur atomaren Apokalypse, der beide Spiele verbindet, sei nicht typisch osteuropäisch. "Im Gegenteil", sagt Glukhovsky, "die sowjetische Science-Fiction war geprägt von Utopien über den technischen Fortschritt, die Raumfahrt und friedliche Begegnungen mit außerirdischen Kulturen. Die dunklen Seiten kamen aus dem Westen: Meine Freunde und ich sind stark von den ersten 'Fallout'-Spielen geprägt. Die zeigen den Überlebenskampf in einer postnuklearen Welt, wurden aber im sonnigen Kalifornien entwickelt" - in einem Land, in dem es kein Tschernobyl gegeben hat.

Die traurige Wirklichkeit

Dennoch drücken in den ehemaligen Ostblockstaaten entstehende Titel wie "Stalker" oder "Metro 2033" etwas aus: das Lebensgefühl der dort Lebenden. "Anscheinend wirken die postsowjetischen Verhältnisse auf die Gefühlslage der Menschen", sagt Prokhorov. "Das Schreckliche überwiegt gegenüber dem Fröhlichen." Die wirtschaftliche Situation ist in weiten Teilen der ehemaligen UdSSR immer noch schwierig bis katastrophal. Wo vormals Aufbruchstimmung aufkam, herrscht vielerorts nun Resignation und Verzweiflung. Und das zeigt sich in Spielen, die eine Welt nach dem Untergang zum Schauplatz haben, mag die Hand-lung auch in ein fantastisches Zukunftsszenario eingebunden sein.

Oleg Yavorsky wird noch deutlicher. Sein 760 Kilometer weiter westlich in Kiew gelegenes Entwicklerstudio GSC Game World hat mit "Call Of Pripyat" gerade das dritte Spiel der "Stalker"-Reihe veröffentlicht und dafür einhellig gute Kritiken bekommen. Für ihn ist Spieleentwicklung nicht nur eine Möglichkeit, in die eigene Zukunft zu investieren, sondern auch ein Weg, aller Welt zu zeigen, wie schön und wie schrecklich es in seinem Heimatland aussieht. "Das Szenario in 'Stalker' ist ein Spiegelbild des ehemaligen russischen Imperiums, das nun in Trümmern daniederliegt", sagt Yavorsky. "Abgesehen von einigen leichten Übertreibungen zeigt 'Stalker', wie es in der Ukraine heute aussieht. Es mag schockierend sein, aber die meisten Kleinstädte, Fabrikanlagen und Militärstellungen befinden sich hier wirklich in jenem desolaten Zustand, den wir im Spiel einer radioaktiven Katastrophe zuschreiben."



insgesamt 3 Beiträge
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alfred_e_neumann, 30.12.2009
1. literatur-verspielung: hölle aus dem osten
im osten nichts neues? schade, ganz offensichtlich handelt es sich hierbei um einen billigen fallout abklatsch. mit schmunzelndem blick auf die amerikanischen ideenschmieden: "same sausage - different size!"
nurEinGast 30.12.2009
2. 1
Zitat von sysopDer Atomkrieg hat die Menschen in Moskaus Metronetz getrieben. Sie kämpfen, fliehen vor Mutanten - "Metro 2033" ist ein gespenstisches Spiel. Düstere Geschichten sind die Spezialität von Programmierern aus dem einstigen Ostblock, die mit ihren Werken die Welt erobern wollen. http://www.spiegel.de/netzwelt/games/0,1518,667767,00.html
Hmm, werd ich auf alle Fälle im Auge behalten. Könnte ein interessantes Spiel werden- mal schaun wie die Demo aussieht. Hoffentlich wirds nicht wieder so ein Desaster wie bei Stalker. btw: ich bin mir sicher dass es kein Fallout-abklatsch ist. FO1+2 sind ein anderes Genre und FO3 ist, nunja, einfach nur peinlich. Ein billiger FO3 abklatsch würde sich wohl auf dem Niveau von Hugo oder den Sims bewegen, schätze ich.
kanadasirup 30.12.2009
3. Recht so
Stalker war für mich das einzige wirklich gute Spiel der letzten Jahre. Trotz Kinderkrankheiten. Anspruchsvolle Literatur, gelungene Atmosphäre und erwachsenes Spielniveau, das kann man in westlichen Titeln lange suchen. Deshalb: Mehr davon!
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