Mediennutzung: "Man wird nicht Amokläufer, weil man ein brutales Computerspiel gespielt hat"

5. Teil: Mediale und reale Gewalt

"Counterstrike"-Spiel: "Amokläufe entstehen primär im familiären und sozialen Kontext" Zur Großansicht
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"Counterstrike"-Spiel: "Amokläufe entstehen primär im familiären und sozialen Kontext"

Frage: Machen gewalthaltige Spiele Jugendliche gewalttätig?

Pfeiffer: Man wird nicht Amokläufer, weil man ein brutales Computerspiel gespielt hat. So jemand hat im realen Leben solchen Hass auf bestimmte Menschengruppen entwickelt, die er für das eigene Scheitern verantwortlich macht, dass dann irgendwann ein "Tag der Rache" kommt. Aber, was Forscher zweifelsfrei aufzeigen können, ist: Das Spielen von gewalthaltigen Spielen erhöht bei Gefährdeten, die ohnehin schon auf dem Weg Richtung Gewalt sind, das Risiko, dass sie tatsächlich gewalttätig werden. Es führt zu Empathieverlusten, es desensibilisiert, es erhöht das Risiko, das zeigen Längsschnittstudien. Es gibt einen eindeutigen Verstärkungseffekt.

Aufenanger: Das ist aber weniger eine Kausalität. Die Hypothese ist eine Selektionshypothese: Diejenigen, die aggressiv sind, wählen dann auch die entsprechenden Computerspiele. Es gibt da in den USA eine Auseinandersetzung zwischen zwei Arbeitsgruppen, die in Metaanalysen versuchen, nachzuweisen, dass es einen hohen Effekt gibt oder eben schwache Effekte. Das ist ein methodischer Konflikt über die richtige Auswahl der Studien, aber der Trend ist: Je komplexer das Design ist, je vielfältiger die Faktoren, die man berücksichtigt, desto niedriger sind die Signifikanzen. Wenn man auf wenige Faktoren reduziert, bekommt man höhere Signifikanzen. Herr Pfeiffer, Sie sind da in der Vergangenheit vielleicht missverstanden worden bei der Frage der Kausalität …

Frage: Sie sind sich also einig, dass es keine Kausalität zwischen gewalthaltigen Spielen und gewalttätigem Verhalten gibt?

Pfeiffer: Keine Alleinkausalität, sondern einen Verstärkungsfaktor. Es erhöht das Risiko von Gewalt.

Aufenanger: Die Wahrscheinlichkeit steigt, ein Risikoverhalten zu zeigen. Zur Frage der Kausalität: Ich kann mich erinnern, dass ein Kollege mal zu Ihnen kam, Herr Pfeiffer, und sagte: "Mein Sohn will einen Fernseher haben." Sie haben geantwortet: "Dann gibt es schlechte Noten." Diese Kausalität mit prognostischem Charakter würde ich bestreiten.

Frage: Solche Spiele sind innerhalb der deutschen Gesellschaft ja immens verbreitet und zwar in wachsendem Maß. Erleben wir denn auch einen Anstieg der Jugendgewalt?

Pfeiffer: Nein, Gott sei Dank nicht, weil andere Belastungsfaktoren deutlich sinken, wie etwa die häusliche Gewalt. Mediale Gewalt verstärkt nur bei Gefährdeten das Risiko. Gefährdet sind Kinder, die geprügelt werden. Wir haben aber eine deutliche Abnahme des Prügelns von Kindern. Das hat mit früheren Scheidungen zu tun, aber auch mit dem Gewaltschutzgesetz, mit der Polizei, die früher und effektiver einschreitet, mit Information der Öffentlichkeit. Die Bedingungen des Aufwachsens sind eindeutig konstruktiver als früher. Das große Problem sind die wachsenden Armutsbelastungen. Da könnte die Ganztagsschule vieles retten. Bildung als Ausgleich von Armut funktioniert bei vielen Gruppen besser als vor zehn Jahren. Das sind die Gründe, warum die Jugendgewalt nicht mehr steigt und in vielen Gebieten sogar rückläufig ist. Gewalthaltige Medien sind da nur ein Faktor unter vielen: falsche Freunde, Gewalt in der Familie, Bildungsnachteile, Alkohol, Schulschwänzen und so weiter.

Frage: Wenn in Deutschland aber Kinder oder Jugendliche mit extremen Gewaltausbrüchen auffallen, wird stets überall intensiv über Computerspiele diskutiert und wenig über Anderes. Läuft die Debatte falsch?

Pfeiffer: Als ich nach dem Amoklauf von Winnenden im Fernsehen saß, bei "Hart aber fair", war mein erster Satz: "Amokläufe entstehen nicht durch Computerspiele." Da war Frank Plasberg überrascht, weil er mir zugeschrieben hatte, ich würde das Gegenteil sagen. Meine These war damals: Amokläufe entstehen primär im familiären und sozialen Kontext, und das hat sich ja sowohl in Winnenden als auch in Erfurt mittlerweile gezeigt. Spiele sind immer nur ein Verstärkungsfaktor, und man geht jedes Mal reflexartig auf Computerspiele als Hauptursache ein, was schlicht nicht stimmt und durch ständige Wiederholung nicht richtiger wird. Die Debatte sollte viel mehr die Leistungskrise der Jungen ins Auge fassen. Für mich ist die Gewaltthematik völlig über- und die Leistungskrise völlig unterschätzt.

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insgesamt 51 Beiträge
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1. Wer hat denn da
Lupi 16.01.2011
Zitat von sysopDigitale Medien sind aus dem Alltag vieler Kinder und Jugendlicher nicht mehr wegzudenken. Überwiegen dabei Gefahren oder Chancen? Für die Zeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschichte" sprach Christian Stöcker mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer und dem Medienpädagogen Stefan Aufenanger. http://www.spiegel.de/netzwelt/games/0,1518,739509,00.html
den Herrn Pfeiffer geläutert ? Der war doch noch bis vor Jahresfrist dafür, die Gamer auf dem virtuellen Scheiterhaufen zu verbrennen ? Ansonsten bitte nicht wieder ein Diskussion mit 1000 Beiträgen. Das Pferd ist schon totgeritten.
2. Ist er nicht.
der_durden 16.01.2011
Zitat von Lupiden Herrn Pfeiffer geläutert ? Der war doch noch bis vor Jahresfrist dafür, die Gamer auf dem virtuellen Scheiterhaufen zu verbrennen ? Ansonsten bitte nicht wieder ein Diskussion mit 1000 Beiträgen. Das Pferd ist schon totgeritten.
Er ist nicht geläutert. Er sieht noch immer den Grund für schlechtes schuliches Abschneiden im Medienkonsum alleine begründet und lässt keine Studie und Erfahrungen zu, die besagen, dass diese Menschen eben auch andere pathologische Auffälligkeiten haben. Zudem gibt es mittlerweile Tendenzen in der Forschung, die benennen, dass der Aufbau des Unterrichts immer weniger auf die Belange junger männlicher Schüler zugeschnitten sind. Pfeiffer macht es sich leider noch immer zu einfach.
3. ...
Peter Werner 16.01.2011
Zitat von Lupiden Herrn Pfeiffer geläutert ? Der war doch noch bis vor Jahresfrist dafür, die Gamer auf dem virtuellen Scheiterhaufen zu verbrennen ? Ansonsten bitte nicht wieder ein Diskussion mit 1000 Beiträgen. Das Pferd ist schon totgeritten.
Jedeer wird halt mal vernünftig... ... bis auf das bayrische Sozialministerium: dieses hat kürlich noch versucht, die Veröffentlichung eines eh nur für Erwachsene erlaubten Computerspiels auch für eben diese Erwachsenen zu verhindern. (siehe auch http://www.schnittberichte.com/news.php?ID=2488). Eine Lektüre des Grundgesetzes ("Eine Zensur findet nicht statt") sei Frau Haderthauer angeraten - und all jenen die immer noch nach Verboten und Zensur auch für Erwachsene schreien.
4. Gefahren oder Chancen?
vantast64 16.01.2011
Welche Chancen? Ich sehe keine. Dagegen sehe ich eine zunehmende Verrohung und Abstumpfung unter Jugendlichen, die AUCH durch diese Spiele gefördert werden, weil die Hemmschwelle sinkt, da wir ständig automatisch dazulernen, es nicht zu verhindern ist, auch das Abknallen zu lernen, gerade bei jungen Menschen, die noch im Prozeß des stetigen Lernens stecken. Wir lernen als Kinder aus unserer Umwelt, was üblich und "normal" ist. Und wenn Abknallen normal wird, ist die Akzeptanz und das Einverständnis mit CIA- und Mossadkillern bald auch nicht mehr weit und die Erkenntnis, daß man zur Verteidigung der eigenen Interessen seine Stärke beweisen muß, auch mit der berühmten "Coolness", die nichts anderes ist als Gefühlsarmut, gepaart mit dem Fehlen jeglicher Emphatie.
5. Wissen sie es wirklich nicht?
venicius 16.01.2011
Man könnte langsam aber sicher den Eindruck gewinnen, Politik und Wissenschaft wüssten tatsächlich nicht, wie ein Mensch zum Amokläufer wird. Die Wahrheit ist natürlich viel simpler: Man weiß es, will aber die Ursachen vertuschen und möglichst nicht zum Gegenstand eines gesellschaftlichen Diskurses machen. Denn die Konsequenzen wären vermutlich verheerend. Es würde das gesamte aktuell gelebte Gesellschaftsmodell explodieren. Einfacher ist es da doch, von geistig verwirrten oder psychisch gestörten zu sprechen. So ist die Gesellschaft und die Politik erstmal aus der Verantwortung und das dumme Volk begnügt sich damit, wenn an ein paar Stellschrauben gedreht und eine Politik der Prohibition betrieben wird. Die Krankheit wird nicht dadurch kuriert, dass die Symptome behandelt werden, und noch weiger wird dadurch ihre Verbreitung eingedämmt. Aber man kann und wird vermutlich wie so häufig die Probleme solange zu ignorieren versuchen, wie es möglich erscheint und hoffen, dass sie sich von selbst regeln und lösen. Wird dabei denn auch einmal bedacht, dass Menschen nicht aus fre3ien STücken den Freitod durch Suizid oder erweiterten Suizid wählen, sondern dass sie durch die Schizophrenie dieser Gesellschaft dazu gedrängt, ja gezwungen werden? - Nein! Niemand glaub doch heute noch die Märchen vom American Dream und vom Schmied, der sein eigenes Schicksal schmiedet. Solche Märchen sind ein Opium des Volkes. Doch ewig kann niemand den Konflikt zwischen Wunsch und Wille und Wirklichkeit aufrecht erhalten. Die Wahrheit wird sich durch die erfahrene Realität unaufhaltsam ihren Weg in die Köpfe der Menschen schließlich bahnen. Und niemand kann siche selbst bis an sein Lebensende belügen, weil die Gesellschaft es so verlangt. Letztlich wird sich erneut bewahrheiten, dass eine Gesellschaft, die nicht in der Lage ist, sich selbst zu reformieren und zum Besseren zu wandeln, schließlich untergehen muss. Das hat uns die Geschichte vielmals gelehrt. Aber gerne kann man sich auch vor der Erkenntnis verschließen und jedem Lernerfolg verweigern. Was man nicht wahrhaben will, kann eben so nicht sein. Bliebe daher natürlich noch die Frage, ob das System Krank ist oder ob das System selbst die Krankheit ist... Kein Mensch ist allein.
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Aus Politik und Zeitgeschichte
Die Beilage zur Wochenzeitung "Das Parlament"

Heft 3/2011

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Zu den Personen
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Uni Mainz

Christian Pfeiffer (l.) ist Professor für Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug und Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen.
Stefan Aufenanger ist Professor für Erziehungswissenschaft und Medienpädagogik an der Universität Mainz.

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