Angespielt: "Need for Speed: Most Wanted"
Das Studio, das für die Unfallspiel-Reihe "Burnout" veranwortlich war, macht jetzt "Need for Speed". Der letzte Teil der Serie war ein Flop, macht "Most Wanted" es besser? Ja, bis auf einen Wermutstropfen: das elende Gummiband.
Mein Ford Mustang ist in den Gegenverkehr geraten, hat sich mit einem Kleinlaster angelegt und verloren. Dabei hatte ich doch gerade drei Plätze gut gemacht. Immerhin: Der Unfall sah spektakulär aus. Jetzt dürfte ich wieder Letzter sein. Und das mit großem Abstand. Doch meine Gegenspieler warten, bis mein Mustang wieder mit allen vier Rädern auf der Straße steht, ich Gas geben kann und das Rennen schließlich doch noch gewinne. Das Gummiband hat wieder zugeschlagen. Diesmal zu meinen Gunsten.
Das Gummiband ist essentieller Bestandteil eines "Need for Speed"-Autorennspiels. Es beschreibt einen Mechanismus, der dafür sorgen soll, dass Rennen spannend bleiben, niemand zu weit davon zieht und niemand total abgehängt wird. Wie an einem Gummiband hängen die Autos zusammen. Fällt jemand zurück oder prescht vor, zieht er die Gegner mit. Das Feld bleibt enger zusammen, als es nach den Gesetzen der Physik möglich wäre. Manchmal ist das Gummiband sehr dehnbar, manchmal ist es sehr straff, manchmal nervt es. Bei "Need for Speed: Most Wanted" nervt es.
"Need for Speed: Most Wanted" ist eine Art Remake eines alten "Need for Speed"-Teils. Bis auf den Namen und den Schauplatz hat es allerdings wenig mit dem alten Spiel gemein. Verwirrend? Egal, Hauptsache, es steht "Need for Speed" auf dem Cover. Die seit 1994 laufende Reihe hat inzwischen unzählige Teile für nahezu alle Spieleplattformen hervorgebracht. Schon vor zwei Jahren hat " Need for Speed" die Marke von 100 Millionen verkauften Spielen überschritten und ist damit eine der erfolgreichsten Spielemarken überhaupt. Was nicht zwangsläufig heißt, dass jeder Teil ein gutes Spiel ist. Gerade in den letzten Jahren waren einige Ausfälle zu verzeichnen. "Need for Speed: The Run" zum Beispiel, das ein Roadmovie sein wollte, aber mit mauem Gameplay und einer faden Story scheiterte. Zum Glück aber gibt es immer wieder Highlights.
Auto-Crashs sind visuell perfekt umgesetzt
"Need for Speed: Hot Pursuit" von 2010 gehört dazu, "Most Wanted" auch. Selbst wenn es einige Macken hat. Beide Spiele sind von Criterion entwickelt worden, einem englischen Studio, das vor allem für seine "Burnout"-Reihe bekannt geworden ist. Spiele, in denen es darum ging, seine Autos möglichst formvollendet zu Schrott zu fahren und spektakuläre Unfälle zu verursachen. Einige Elemente aus dieser Reihe finden sich in "Most Wanted" wieder. Die Zeitlupe vor allem, in der die Spielekamera direkt auf das Unfallgeschehen hält. Und die das Spiel von 200 km/h auf null herunterbremst und damit die perfekte visuelle Umsetzung eines Crashs ist. Weil es genau den Moment zelebriert, in dem man jäh aus dem Geschwindigkeitsrausch herausgerissen wird. Man spürt es fast körperlich.
Zwischen Hafenanlagen und Bergstrecken finden Rennen statt, auf Highways und alten Bahnstrecken. Im Dunkeln flackern die Blaulichter der verfolgenden Polizei gefährlich, selbst bei Tag sprühen die Funken noch deutlich, wenn man es mal wieder nicht geschafft hat, einem Nagelband auszuweichen, und auf den Felgen weiterrast. Eigentlich also könnte alles gut sein bei "Need for Speed: Most Wanted".
Wenn da nicht das Gummiband wäre. Das sorgt bei Rennen für haarsträubende Szenen. Vor allem in Kombination mit dem immer vorhandenen Verkehr. Habe ich mich weit abgesetzt, schalten die Gegner den Nachbrenner ein und erreichen annähernd Flugzeuggeschwindigkeiten, um mich kurz vor der Ziellinie wieder zu attackieren. Fieserweise schickt das Spiel jetzt einen querenden Lastwagen, dem die Gegner mit unglaublichen Haken ausweichen. Ich aber nicht. Was bleibt, ist der letzte Platz. So etwas passiert nicht nur einmal, sondern oft. Zu oft. Weshalb ich inzwischen am liebsten durch die Gegend fahre, die in der Landschaft versteckten Autos suche und mir ab und an Verfolgungsjagden mit der Polizei liefere. Das macht nämlich richtig Spaß.
"Need for Speed: Most Wanted" von Electronic Arts, u.a. für PC, Playstation 3 und Xbox 360, ab 40 Euro; USK: Ab 12 Jahren
Das sagen die anderen: Überwiegend positiv sind die Kritiker gestimmt. Eine vielseitige Spielewelt und gutes Fahrgefühl werden gelobt. Zudem gibt es unzählige Multiplayer-Rennen und ein ausgefeiltes Ranglisten- und Freunde-System, das für langen Spaß sorgen soll.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Sonntag, 18.11.2012 – 10:20 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 10 Kommentare
- Carsten Görig liebt obskure Bands, seine Gitarre und seine Familie. Seit vielen Jahren schreibt er außerdem über Videospiele. Für Angespielt bei SPIEGEL ONLINE probiert er die wichtigsten Titel aus - immer genau eine Stunde lang.

- Fotostrecke: Need for Speed: Most Wanted
- "Halo 4" angespielt: Der Krieger und die Nackte (07.11.2012)
- Videospiel "Uncharted 3": Der bessere Actionfilm (11.11.2011)
- Angespielt: "The Unfinished Swan" betört und enttäuscht (03.11.2012)
- Angespielt: Eine Stunde zu viel mit "007 Legends" (01.11.2012)
- Spiele-Entwickler Michel Ancel: "Die großen Games sehen alle gleich aus" (04.06.2011)
MEHR AUS DEM RESSORT NETZWELT
-
Best of Web
Netz-Fundstücke: Was Sie im Internet unbedingt sehen müssen -
Silberscheiben
Das lohnt sich: Die besten CD- und DVD-Schnäppchen -
Bilderwelten
Bessere Fotos: So holen Sie ganz einfach mehr aus Ihren Bildern raus -
Angefasst
Gadget-Check: Handys und anderes Spielzeug in Matthias Kremps Praxistest -
Angespielt
Game-Tipps: Spiele für Computer und Konsole im SPIEGEL-ONLINE-Test


