Neues Computerspielemuseum Punkt, Strich, Schmerz

Hier gibt es einen Riesenjoystick, das erste Video-Game der Welt - oder ein Spiel, das bei Fehlern Stromstöße verteilt: Am Freitag öffnet nach elf Jahren Hickhack in Berlin endlich wieder ein Museum über Geschichte und Gegenwart der Computerspiele. Martin Heller hat sich schon durchgespielt.

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Eine freiwillige Folter - falls es so etwas gibt, dann hier. Das Exponat steht rechts hinten in der Ecke, fast als schäme man sich ein bisschen für das Gerät. Auf dem Kasten, so groß etwa wie ein Tischfußballspiel, befinden sich zwei Flächen zum Handauflegen, eine für jeden Kontrahenten. Statt einer Belohnung für gute Leistung, beispielsweise durch Punkte, ein neues Level, einen schöneren Avatar, funktioniert die "PainStation" durch körperliche Peinigung.

Die Teilnehmer müssen in dem auf "Pong" basierenden Spiel mit einem steuerbaren Strich einen Punkt abfangen, der - ähnlich wie beim Tennis - in ihr virtuelles Spielfeld fliegt. Verfehlt man, gibt die Maschine einen Stromstoß aus. Wer seine Hand zuerst von der vorgesehenen Fläche nimmt, hat verloren.

Pong spielt auch im vorderen Teil der Ausstellung die Hauptrolle. Es steht für die Kommerzialisierung der Computerspiele in den sechziger und siebziger Jahren. Es geht um das erste Videospiel überhaupt.

Videospiel-Erfinder als Schirmherr

Der Urvater der jungen Industrie und des berühmten Spiels ist 88 Jahre alt. Ralph Baer, in Deutschland geborener Jude, emigrierte in die USA. Er war Fernsehtechniker bei der US-Rüstungsfirma Sanders. Neben seiner eigentlichen Tätigkeit entwickelte er 1966 in Eigenregie einen Vorläufer von Pong, den er Ping Pong oder Tennis nannte.

Baer entwickelte mit der "Odyssey" die weltweit erste Spielkonsole. Später hat die Firma Atari mit dem Spiel Pong und einem Pong-Automaten Baers Idee übernommen und weiterentwickelt. Die Macher des wiedererweckten Computerspiel-Museums, das nach Erfolgen in den Neunzigern rund ein Jahrzehnt einen unfreiwilligen Dornröschenschlaf schlief, konnten Pong-Erfinder Baer als Schirmherr gewinnen, zur Eröffnung am Freitag will er kommen - in den monumentalen "Stalinbau" in Berlin-Friedrichshain. Andreas Lange und seinem Projekt eines Computerspiele-Museums ist Baer seit langem verbunden, Lange organisierte zuletzt 2006 in Stuttgart eine vielbeachtete Ausstellung zu Baers Schöpfung Pong und deren Stellenwert in der Spiele-Historie.

Auf rund 670 Quadratmetern zeigt Kurator Andreas Lange nun endlich wieder in Berlin seine Sammlung: 14.000 Spiele, 2300 Hardware-Exponate, 10.000 Zeitschriften. Vieles können die Besucher anfassen, ausprobieren, durchspielen. Die professionell präsentierte Dauerausstellung wird mit Sicherheit Anlaufpunkt Nummer eins werden für Computerspielfans, die sich nicht nur für den eigenen Highscore am heimischen Rechner interessieren.

Der Vectrex und die erste 3-D-Brille

Die Gegenstände in den Vitrinen wirken aus heutiger Sicht wie Exponate aus einem längst vergangenen Zeitalter, technisch und vor allem vom Design her. Und gleichzeitig erinnern sie an die eigene Kindheit, C64, Atari 400, Gameboy. Es waren doch genau diese Spielkonsolen, Joysticks, Tastaturen, Diskettenlaufwerke, die gerade mal vor 20 Jahren in Millionen Kinderzimmern standen.

Dazwischen findet sich ein Fach mit mausgrauen Gerätschaften, die heute wohl kein Kind mehr hinter der Playstation hervorlocken würden. Vectrex heißt die Spielkonsole aus dem Jahr 1982. Der hochformatige Schwarz-weiß-Monitor gibt eine Vektorgrafik aus. Dazu gehört ein analoger Joystick mit vier nebeneinander angeordneten Knöpfen. Als Hardware-Erweiterung gibt es einen "Lichtgriffel" und eine 3-D-Brille.

Ja, sie haben richtig gelesen, eine 3-D-Brille im Jahr 1982. Integriert ist eine mechanische Lochrasterscheibe. Wenn die sich dreht, wird abwechselnd das linke und rechte Auge freigegeben. Und weil die Scheibe auch noch farbig ist, erscheint die Vektorgrafik nicht nur dreidimensional, sondern auch bunt.

Ein paar Meter weiter entführt Automat Polyplay in die begrenzte Spielewelt der DDR. Gefertigt vom VEB Polytechnik Karl-Marx-Stadt konnte Polyplay immerhin acht verschiedene Spiele anbieten. Die heißen zum Beispiel "Hirschjagd", "Hase und Wolf" oder auch "Schießbude".

Kriegsspiele mit Strichfiguren

Neben einem mannshohen Riesenjoystick, dem ersten Bewegungsspiel und aktuellen Game-Highlights werden auch die Probleme der Branche thematisiert: Spielsucht und Gewaltverherrlichung - mit Infotafeln aber auch mit einem putzigen Beispiel.

Denn aus heutiger Sicht würde man "River Raid" beim bösesten Willen nicht als Ballerspiel bezeichnen. Die Achtziger-Jahre-Grafik lässt gerade mal erahnen, dass man mit dem Joystick ein Kampfflugzeug steuert.

Doch weil die simplen Strichsymbole, die Schiffe oder Hubschrauber darstellen sollen, abgeschossen werden, erlangte das Spiel 1984 größere Bekanntheit - als erstes in Deutschland indiziertes Computerspiel. Inzwischen ist das Verbot längst aufgehoben, "River Raid" ist freigegeben ohne Altersbeschränkung.

Kurator Andreas Lange möchte mit seinem Museum auch zeigen, welche Bedeutung Computerspiele in der Kulturgeschichte erlangt haben. "Sie sind historisch die ersten Anwendungen, die Nicht-Spezialisten befähigt haben, mit dieser zentralen digitalen Technologie umzugehen", sagt Lange. Zudem gebe es heute viele Verbindungen in die Bereiche Film und Musik.

Lange studierte Religionswissenschaften, in seiner Abschlussarbeit beschäftigte er sich mit Computerspielen. In der Folge bekam er einen Job bei der "Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle" (USK). Das Interesse war geweckt, seitdem sammelt der Mittvierziger alles aus dem Bereich Computerspiele.

Bereits von 1997 bis 2000 zeigte er eine Dauerausstellung, dann wurden die nahegelegenen Räume zu klein. Was folgte, war ein Hin-und-Her, das sich über ein Jahrzehnt zog: Mal sah es so aus, als entstehe das weltweit einmalige Museum mit öffentlicher oder privatwirtschaftlicher Unterstützung neu, mal schien wieder das endgültige Aus gekommen. Jetzt verwirklicht Andreas Lange endlich seinen Traum. Ein eigenes großes Museum in Berlin, das in seinem Themenfeld weltweit kaum Konkurrenz haben dürfte. Am Freitag wird er es fürs Publikum öffnen.



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