Online-Spiel "Fallout 76" Sinnsuche im Ödland

Das neue "Fallout 76" schickt den Spieler in den Online-Überlebenskampf. Unser Autor hat die Postapokalypse-Welt bereist - und sich mit anderen Gamern über ihre Erlebnisse ausgetauscht.

Bethesda

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Ich stapfe durch ein dichtes Gebüsch dieser verstrahlten Welt. Um mich herum ist alles grau, braun und rot, alles wirkt verdorrt, knochig und vor allem leblos. Die Welt wird kurz lebendiger, als mir Miss Nanny entgegenschwirrt, ein Hausroboter aus der Zeit vor der Atom-Apokalypse. Ich lausche, während sie mir eine bizarre Geschichte von "Goldlöckchen" erzählt, das von den drei Bären gefressen wird. Die zufällige Begegnung wird so ein kleiner, charmanter Moment in "Fallout 76", ein kurzes Aufflackern einer Narration, die dieser Welt Sinn gibt.

Leider gibt es nicht viele solcher Momente. Das neue "Fallout 76" ist keine direkte Fortsetzung der beliebten Rollenspiel-Reihe, die für ihre offene Postapokalypse-Spielwelt und die darin erzählten Geschichten bekannt ist. "Fallout" zeichnet ein Bild von Amerika nach einem Atomkrieg, von den Überlebenden, die gerade so über die Runden kommen. Es geht um neue gesellschaftliche Strukturen, um Verbände, um Feindschaften, um rostige Siedlungen, die den nun Wenigen eine Heimat bieten.

"Fallout 76" hat noch immer dieses Szenario, das Spiel verzichtet jedoch größtenteils auf die Geschichte. Der neue Teil ist ein Survival-Spiel, das online gespielt wird, ausgelegt auf Multiplayer-Erlebnisse.

Es geht ums Überleben

Die Struktur des Spielens wird dabei von menschlichen Bedürfnissen bestimmt. Angelehnt an andere Survival-Spiele gilt es auf Hunger, Durst und die Ausdauer zu achten. Dementsprechend besteht ein großer Teil des Spielens aus der Suche nach Nahrung oder Getränken, die möglichst nicht verstrahlt sind.

Der Spieler kann an bestimmten Stationen Wasser abkochen und filtern, er kann Essen zubereiten, eigene Rüstungen oder Waffen aus Teilen zusammenbauen, die er in der Spielwelt gefunden hat. Und genauso viel Zeit wie mit solchen Aktivitäten verbringt er wohl damit, sich zu überlegen, was er hier eigentlich tut.

Während ich durchs Ödland zog, habe ich auch einige andere Spieler befragt, was sie in "Fallout 76" erlebt haben. Hier ist eine Auswahl ihrer und meiner Erlebnisse:

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Online-Rollenspiel: Spieler berichten über "Fallout 76"

Sie winken und ziehen ihres Weges

Rundum zufrieden mit dem Spiel wirkt kaum einer der Spieler. "Bei der Ankündigung wurde versprochen, dass auch Einzelspieler auf ihre Kosten kommen", erzählt mir beispielsweise Sabrina. Die 27-jährige spielt "Fallout 76" bisher allein. "Ich mag es nicht, mit Fremden zu spielen und meine Freunde zocken alle nicht", sagt sie.

Sie wandere nun schon seit einigen Stunden durch die Spielwelt, erzählt Sabrina - es ist ihr Versuch, einer Geschichte zu folgen, die nur in Fragmenten vorhanden ist. "Schon nach kurzer Zeit habe ich mich ziemlich gelangweilt", sagt sie dann auch. Für Einzelspieler wird ihrer Meinung nach nicht genug geboten.

Ein zweiter Spieler, der wie ich Matthias heißt, ist zwiegespalten. Er hat das Spiel schon etwa 25 Stunden gespielt - vom Erlebnis für Einzelspieler ist er nicht überzeugt. Das liegt auch daran, dass es in diesem Spiel keine Nebencharaktere gibt, die die Welt interessanter machen würden, Figuren, die etwas zu erzählen hätten. Mit dem Multiplayer-Aspekt des Spiels hat der 31-jährige dafür durchaus Spaß: "Bisher sind mir nur zwei aggressive Spieler aufgefallen", sagt er. "Einer hat Camps demoliert, der andere im Startgebiet andere Spieler gejagt." Sonst seien in "Fallout 76" alle menschlichen Mitspieler kooperativ und freundlich gewesen.

Eine begeisterte Spielerin hat "Fallout 76" immerhin in Sophia gefunden. "Die riesige Welt als einer der ersten Menschen wieder zurückzuerobern, der Gedanke gefällt mir sehr", erzählt die 26-jährige. Sie habe "enorm Spaß" und bisher ebenfalls kaum Probleme mit anderen Spielern gehabt, im Gegenteil: "Bei einem Kampf gegen ein viel zu starkes Monster kam mir ein Spieler mit höherem Level zur Hilfe, zusammen haben wir die Bestie dann erlegt", sagt Sophia.

Wie eine alte, rostige Fabrik

Ich selbst habe mir meine Zeit in der Postapokalyse-Welt spannender vorgestellt. Ich möchte dieses Spiel eigentlich gernhaben - es macht mir das aber sehr schwer. Ein wenig fühlt sich "Fallout 76" an wie eine alte Fabrik, in der Holz verarbeitet wird. Die Maschinen ächzen, Späne fallen, Rost an vielen Stellen. Irgendwie riecht es hier gut und die Umgebung kommt mir vertraut vor - aber nun soll diese Fabrik plötzlich Mikrochips herstellen. Das funktioniert nicht.

Das Spiel ist, dank der schlecht verwalteten Engine, die schon bei "Fallout 4" nicht mehr so recht wollte, technisch fehlerhaft. Vor allem in Kämpfen gibt es Ruckler, immer wieder ploppen Texturen oder Gegenstände plötzlich ins Bild. Es kommt zu Abstürzen, Server sind nicht mehr erreichbar. Kurzum, bei diesem ambitionierten Projekt scheint schon das Fundament modrig.

Und dennoch gibt es diese charmanten Momente. Kleine Geschichtchen, die ich in verlassenen Herrenhäusern oder Fabrikgeländen finde. Tonbänder, Schriftstücke oder quakende Roboter, die etwas über diese verstrahlte Welt erzählen wollen. Und natürlich gibt es andere Spieler, die mir im besten Fall beim Erkunden helfen. Die mit mir Missionen lösen, mir die Haut retten. Oder auch auf mich schießen. Aber gibt es diese Spieler nicht auch in so vielen anderen Spielen?

Als vor über zwei Jahren "No Man's Sky" erschien, waren viele Spieler entsetzt. Kaum ein Versprechen, das im Vorfeld gegeben wurde, wurde gehalten. Leere Welten, kaum Aufgaben - die wenigsten Käufer fanden im Spiel einen Sinn. Doch dann begannen die Entwickler mit der Korrektur. Immer wieder gab es Updates, die neue Features, Möglichkeiten, Inhalte brachten. Die Welt war irgendwann nicht mehr leer, sie hatte Sinn - und man hatte endlich einen Grund, dort Zeit verbringen. Diesen Weg hat "Fallout 76" noch vor sich - und los geht er vielleicht schon gerade: mit einem 48-GB-Update, das am Montag erschienen ist.


"Fallout 76" von Bethesda, für PC, Playstation 4 und Xbox One, ab 18 Jahren, circa 60 Euro



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metzelkater 20.11.2018
1. Schuster, bleib bei deinen Leisten.
Die bisherigen Fallout Spiele waren alles reine Singleplayer Spiele mit einer riesigen Spielwelt voller Abenteuer und interessanten, vom Computer gesteuerten Personen und ihren Geschichten. Es gab verschiedene Fraktionen, denen man sich anschließen konnte und die oft untereinander in Konflikt standen. Von diesen Personen bekam man seine Aufgaben und Missionen und konnte so tief in die Geschichte eintauchen. Mit Fallout 76 hingegen wird ein reines Multiplayer Spiel geliefert, das viele der vorhandenen Fans vor den Kopf stößt. Die vom Computer gesteuerten Personen sind verschwunden, an ihre Stelle sind Spieler gestellt, die zum teil doppelt für das Spiel bezahlen müssen: Auf Konsolen fällt neben dem Preis des Spieles auch noch eine Multiplayer Abo Gebühr (Playstation Plus, XBOX Gold) an, damit überhaupt man im Multiplayer antreten kann. Man weis natürlich nicht, was aus dem Spiel im Laufe der nächsten Jahre werden mag, aber ich denke es wird viel zeit vergehen, bis sich ein Besuch dort lohnt und es gibt keine Garantie, das sie geschichte von No Man's Sky wiederholt. Als großer Freund der Singleplayer Fallout Spiele werde ich bis auf Weiteres jedenfalls einen großen Bogen um Fallout 76 machen.
jhea 20.11.2018
2. Nunja...
was erwartet man? Fallout 76 wollte kein Fallout mehr werden, sondern ein Battle Royal, wie Players Unknown Battlegrounds oder Fortnite... Dabei vergessen natürlich die lustigen Devs, dass die Leute fallout spielen wollen und nicht Battle Royal. Ich hab bisher jeden Fallout Titel den es gibt, die beiden lustigen isometrischen aus den 90ern, sowie 3 und 4... und ich vergöttere sie. (wobei 1 und 2 mehr als 3 und 4 ;) ) Wer die einschlägigen Foren liest, bemerkt schnell dass es viele so sehen wie ich. Wenn ich dann nebenher gerade noch sehe dass die Neuauflage Spyro the Dragon mehr Exemplare verkauft hat als Fallout 76 kann ich nur sagen
okrogl 20.11.2018
3. Fallout MMO
Mit Microtransaktionen und der erste Patch mit wenigen Änderungen ist fast 50GB groß. Ich war immer ein großer Fan der Reihe, aber das Machwerk bleibt im Online-Regal.
geisterle 20.11.2018
4. Man kann ein Spiel auch schlecht reden...
Ich bin seit Fallout 1 ein begeisterter Fan der Reihe und nachdem Fallout 3 ein ziemlicher Umbruch und wie viele Bethesda Spiele erst eine Liebe auf den zweiten Blick war, habe ich auch in die 3D-Teile der Reihe inzwischen mehrere 100 Stunden gesteckt. Ist Fallout 76 ein Rollenspiel mit toller Hauptquest, vielen bunten NPCs und epischem Ende gemäß Drehbuch? Nein. Will es auch gar nicht sein. Fallout 76 ist auch kein PUBG oder Fortnite, wie immer gerne mal erwähnt wird. Fallout 76 ist ein "Ark", "The Forest" oder "Conan Exiles". Und macht es das gut? Oh, Ja! Die wenigstens Survival Spiele schaffen es eine gute Balance zu schaffen und zu verhindern das Spieler zu Griefern werden (also anderen Spielern das Spiel zu vermiesen). Als Negativbeispiel sei hier nur das toxische Rust zu nennen. Und wer einmal versucht hat mit Freunden stabil in The Forest zu überleben, wir von Fallout 76 positiv überrascht sein. Es spielt sich wie der erste richtige Triple A-Survival Titel. Sowohl alleine als auch als Team bin ich dank langem Wochenende inzwischen gut 50 Stunden im Ödland der Appalachen unterwegs und bis jetzt hat noch keine Enttäuschung eingesetzt. Auch die Engine (obwohl nicht mehr die jüngste) macht ihren Job gut und die verstrahlten aber herbstlich blühenden Wälder sind genau so überzeugend und (post-apokalyptisch)schick wie die Schlacke-Landschaft im Norden oder der unheilvoll nachglimmende Tagebau im Süden der Karte. Die Aussage von grau und leblos vom Autor kann ich daher nicht ganz navchvollziehen. So lebendig wie die Appalachen, mit verstrahlten Eichhörnchen, Bienen und giftig leuchtenden Fröschen, war noch kein Fallout zuvor. Und obwohl die NPCs fehlen, finden sich genügend Holo-Tapes die einem die Geschichte der fehlenden Menschen näherbringen. Und hier bin ich auch wieder begeistert, denn alle Geschichten die ich bis jetzt gehört habe sind viel trauriger, mitreißender und ernster als in den vergangenen Teilen. Ohne zu Spoilern empfehle ich hier z.B. das "Geständnis der Drogensüchtigen" südlich von Flatwood oder die Bänder im Whitesprings Hotel. Aber auch der Humor der alten Teile ist mit den Cryptid-Holotapes noch da. Ich gebe außerdem zu bedenken, dass man ja in den alten Teilen nach Abschluss der Handlung weiter gesammelt, gelootet und gelevelt hat. Irgendwo müssen die 100+ Stunden ja herkommen. Und hier ist Fallout 76 ein absolut würdiger und toller Nachfolger. Das Feeling ist also auf jeden Fall da. Ich denke mal, dass viele Spieler der alten Teile sich trotzdem nicht mit dem Spiel richtig anfreunden werden können. Das ist Schade für diese Spieler, aber gut für uns Vault 76 Bewohner die das Ödland wieder einnehmen: Mehr Resourcen und Bauplätze für uns.
jhea 20.11.2018
5.
Zitat von jheawas erwartet man? Fallout 76 wollte kein Fallout mehr werden, sondern ein Battle Royal, wie Players Unknown Battlegrounds oder Fortnite... Dabei vergessen natürlich die lustigen Devs, dass die Leute fallout spielen wollen und nicht Battle Royal. Ich hab bisher jeden Fallout Titel den es gibt, die beiden lustigen isometrischen aus den 90ern, sowie 3 und 4... und ich vergöttere sie. (wobei 1 und 2 mehr als 3 und 4 ;) ) Wer die einschlägigen Foren liest, bemerkt schnell dass es viele so sehen wie ich. Wenn ich dann nebenher gerade noch sehe dass die Neuauflage Spyro the Dragon mehr Exemplare verkauft hat als Fallout 76 kann ich nur sagen
Ei ei ei! da hat er mir doch den letzten Teil des Satzes abgeschnitten. bzgl Spyro bleibt nur zu sagen I am not even mad!
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