Computerspiel "Orwell" Der Überwachungsstaat bin ich!

In den USA wird diskutiert, ob die Social-Media-Accounts Einreisender geprüft werden sollten. Im Spiel "Orwell" sind Profil-Checks Alltag: Hier wird fast jede Online-Aktivität überwacht - vom Spieler.

Von


Was, die Frau will ausgehen? Hat sie nicht irgendwann mal behauptet, dass sie das gar nicht mag?! Wer "Orwell" spielt, ist schnell versucht, noch in der kleinsten Ungereimtheit den Beleg für eine große Verschwörung finden zu wollen.

Als Angestellter eines fiktiven Staats namens "The Nation" wird man in dem Computerspiel beauftragt, eine Überwachungssoftware namens "Orwell" zu testen - jedoch unter Realbedingungen. Mit dem Programm lässt sich mehr oder weniger Legales anstellen: Man kann Zeitungsmeldungen und soziale Netzwerke auswerten, Chats und Telefonate mitschneiden, Smartphones und Computer durchstöbern. Aber wen jucken Datenschutz und Privatsphäre, wenn es Bombenanschläge in der Hauptstadt zu verhindern gilt?

Fotostrecke

10  Bilder
Spiel "Orwell" für PC: Alles ist verdächtig

"Orwell" gibt es bereits seit Ende Oktober für den PC zu kaufen, das Spiel passt perfekt zu den aktuellen Ereignissen - zumal die Handlung im April 2017 spielt. In den USA etwa wird angesichts der neuen Einreiseregeln von Donald Trump gerade wieder diskutiert, ob und wie bei Einreisenden auch die Social-Media-Profile kontrolliert werden sollten.

Ist jede Spur wichtig?

Der Spieler recherchiert in "Orwell" über Verdächtige von einem virtuellen Arbeitsplatz aus. Die Spielumgebung kommt daher wie ein Mix aus Facebook und den Browsern Chrome und Windows Explorer. Einen Teil der entdeckten Informationen - idealerweise nur relevante Dinge - stellt man einem Ermittler zur Verfügung, der die Informationen meistens kommentiert und später etwa für Verhöre verwendet. So stellt sich immer wieder die Frage: Ist jede Netzspur einer Person auch berichtenswert?

Entwickelt wurde das Spiel von der kleinen Hamburger Firma Osmotic Studios. Die Idee kam dem dreiköpfigen Kernteam 2014, ein Jahr nach den ersten Snowden-Enthüllungen. Man habe sich beim Konzipieren des Spiels aber nicht allzu sehr an realen Überwachungssystemen wie XKeyscore orientiert, erzählen die Entwickler bei einem Studiobesuch. Auch der Landname "The Nation" sei bewusst allgemein, damit man "Orwell" eben nicht als Spiel etwa nur für die NSA-Überwachung wahrnimmt. "Wir wollten das Problem Überwachung als solches herausstellen", heißt es.

"Die Realität ist zum Teil noch extremer", meint außerdem Mitentwicklerin Melanie Taylor. "Denn in 'Orwell' kann man nur zu Zielpersonen Daten sammeln, nicht zu jedem Bürger." Außerdem gebe es zum Beispiel keine Stichwortsuche im System.

Nicht so kompliziert, wie es zunächst wirkt

Da "Orwell" vor allem eine spannende Geschichte erzählen soll, sind Metadaten - die Informationen, wer wann mit wem kommuniziert hat - im Spiel weniger wichtig. Entscheidend sind viel mehr Kommunikationsinhalte wie Chatnachrichten, Blogeinträge und abgespeicherte Notizen, denn vor allem durch sie lernt man die verschiedenen Charaktere kennen.

"Orwell" ist im Kern ein Suchspiel. Es geht darum, per Mausklick in einem Haufen Informationen die richtigen zu erwischen und weiterzugeben. Das ist jedoch weniger kompliziert, als es klingt: Übermittelbare Information stechen optisch hervor, man gerät also nicht in Gefahr, wirklich jedes gefundene Detail festhalten zu müssen.

Zeitdruck gibt es im Spiel nicht, erst das Abgeben bestimmter Informationen führt dazu, dass es weitergeht. Mitunter frustriert dieser Ablauf ein wenig. So fühlt man sich hin und wieder doch genötigt, Dinge zu übermitteln, die man vielleicht hätte zurückhalten wollen - und sei es nur aus Neugier, wie Sabotage oder mangelnde Sorgfalt beim Auswerten das Spiel beeinflusst.

Fünf Kapitel, vier Stunden Spielzeit

Das Spiel ist in fünf Kapitel unterteilt, die man in rund vier Stunden bewältigt - wenn man nicht allzu langsam liest. Lesen muss man in "Orwell" nämlich viel - das Spiel, das es trotz deutscher Entwickler nur auf Englisch gibt, hat keine Sprachausgabe. Stattdessen wird man mit eintöniger, aber gut zur Atmosphäre passender Musik beschallt. Man muss diesen Fokus auf Details, auf das geschriebene Wort mögen, ein Spiel für nebenbei ist "Orwell" eher nicht. Wer sich aber auf das Konzept einlässt, der wird trotz trockener Thematik gut unterhalten.

Obwohl die Geschichte von "Orwell" vor allem gegen Spielende packend ist, ist der Reiz des Spiels rückblickend ein anderer: Es ist der Perspektivwechsel, den es anbietet. Die Chance - und sei es nur in einem Spiel, samt der etwas anderen Logik einer Spielwelt - die Sicht derer einzunehmen, für die Überwachung zumindest auf den ersten Blick kein Problem ist, sondern ihr Job.

Die "Orwell"-Entwickler wurden von der hervorragenden Simulation "Papers Please" von 2013 inspiriert. Darin konnte man erfahren, wie es sich anfühlt, als Grenzbeamter Pässe zu kontrollieren und angesichts des Zeitdrucks und der Komplexität der Aufgabe schnell nur noch nach Bauchgefühl statt nach Fakten zu entscheiden.

In "Orwell" merkt man, dass es auch problematisch sein kann, wenn jemand ohne zeitliche und gesetzliche Einschränkung in den Digitalspuren anderer Menschen versinkt: Irgendwann findet man über jeden irgendetwas Verdächtiges.


"Orwell" von Osmotic Studios, für Windows, Mac OS X, SteamOS und Linux, alle fünf Kapitel für 9,99 Euro auf Steam, kostenlose Demoversion verfügbar

Hintergrund: Produkttests im Netzwelt-Ressort
Über welche Produkte wird im Ressort Netzwelt berichtet?
Über welche Produkte wir in der Netzwelt berichten und welche wir testen oder nicht, entscheiden wir selbst. Für keinen der Testberichte bekommen wir Geld oder andere Gegenleistungen vom Hersteller. Es kann aus verschiedenen Gründen vorkommen, dass wir über Produkte nicht berichten, obwohl uns entsprechende Testprodukte vorliegen.
Woher kommen die Testprodukte?
Testgeräte und Rezensionsexemplare von Spielen bekommen wir in der Regel kostenlos für einen bestimmten Zeitraum vom Hersteller zur Verfügung gestellt, zum Teil auch vor der offiziellen Veröffentlichung. So können unsere Testberichte rechtzeitig oder zeitnah zur Veröffentlichung des Produkts erscheinen.

Vorabversionen oder Geräte aus Vorserienproduktionen testen wir nur in Sonderfällen. In der Regel warten wir ab, bis wir Testgeräte oder Spielversionen bekommen können, die mit den Verkaufsversionen identisch sind. In einigen Fällen kaufen wir Produkte auch auf eigene Kosten selbst, wenn sie bereits im Handel oder online verfügbar sind.
Dürfen die Netzwelt-Redakteure die Produkte behalten?
In der Regel werden Testgeräte nach dem Ende des Tests an die Hersteller zurückgeschickt. Die Ausnahme sind Rezensionsexemplare von Spielen und sogenannte Dauerleihgaben: So haben wir zum Beispiel Spielekonsolen und Smartphones in der Redaktion, die wir über längere Zeit nutzen dürfen. So können wir beispielsweise über Softwareupdates, neues Zubehör und neue Spiele berichten oder Langzeiturteile fällen.
Lassen sich die Netzwelt-Redakteure von Firmen auf Reisen einladen?
Die Kosten für Reisen zu Veranstaltungen, egal ob sie in Deutschland oder im Ausland stattfinden, trägt SPIEGEL ONLINE stets selbst. Das gilt auch dann, wenn beispielsweise aufgrund kurzfristiger Termine ein Unternehmen die Reiseplanung übernimmt.

Veranstaltungen, zu denen wir auf eigene Kosten reisen, sind unter anderem die Messen Ifa, CES, E3 und Gamescom sowie Events von Firmen wie Apple, Google, Microsoft oder Nintendo. Auf Konferenzen wie dem Chaos Communication Congress oder der re:publica bekommen wir in der Regel, wie auch andere Pressevertreter, kostenlose Pressetickets, da wir über die Konferenz berichten und keine klassischen Teilnehmer sind.
Was hat es mit den Amazon-Anzeigen in manchen Artikeln auf sich?
Seit Dezember 2016 finden sich in einigen Netzwelt-Artikeln Amazon-Anzeigen, die sogenannte Partner-Links enthalten. Besucht ein Nutzer über einen solchen Link Amazon und kauft dort online ein, wird SPIEGEL ONLINE in Form einer Provision an den Umsätzen beteiligt. Die Anzeigen tauchen in Artikeln unabhängig davon auf, ob ein Produkttest positiv oder negativ ausfällt.


insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
.freedom. 04.02.2017
1. Das ist nicht gut. ...
Mit der Überwachung spielt man nicht. Die Überwachung ist kein Spiel.
Furchensumpf 04.02.2017
2. @1
Doch....denn die "spielerische" Art führt ebenso dazu, das einem die Konsequenzen vor Augen gehalten wird. Das kann oftmals mehr bewirken als jeder Vortrag.
SarahMue 04.02.2017
3. kein Account, keine Einreise
Irgendwann wird jemand auf die Idee kommen, dass man verdächtig ist wenn man keinen (a)social media account hat. Wer also nicht aktiv an seiner Selbstüberwachung beiträgt, darf nicht einreisen. All die Informationen die ihr heute abgebt, werden euch in Zukunft das Genick brechen. Wer es noch nicht getan hat, sollte sofort seinen Account löschen. Aber wahrscheinlich muss es erst einmal richtig schmerzhaft werden damit Menschen begreifen was sie damit selbst antun - doch dann ist es zu spät...
juliaz 04.02.2017
4. tolles Spiel
Ich hab es gespielt und es ist viel, viel mehr als nur ein Spiel. Es regt zum Denken an, zum Beurteilen von Zusammenhängen und eben Dingen, die aus dem Zusammenhang gerissen werden. Es macht deutlich, daß mit der richtigen Software *alles*, was man online hinterläßt, zusammengeführt werden kann. Es zeigt, wie gute Vorsätze Schlimmes bewirken können. Das Spiel sollte als Hausaufgabe in Schulen gespielt werden!
taglöhner 04.02.2017
5. unheimlich wichtige Wichte
Zitat von FurchensumpfDoch....denn die "spielerische" Art führt ebenso dazu, das einem die Konsequenzen vor Augen gehalten wird. Das kann oftmals mehr bewirken als jeder Vortrag.
Eine Erkenntnis könnte sein: Irrelevante Daten sind in der Realität für Ermittler völlig uninteressant und näheres Befassen damit reine Zeitverschwendung.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.