Durchgespielt: "Papo & Yo" ist das bewegendste Spiel des Jahres

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Der eigene Vater als Monster mit unkontrollierbaren Wutausbrüchen. Für Carsten Görig ist "Papo & Yo" das wichtigste Spiel des Jahres. Es ist mehr als nur ein Spiel, es ist die Lebensgeschichte des Entwicklers.

Durchgespielt: "Papo & Yo" Fotos
Minority Media

Das Spiel ist berührend, das weiß auch Vander Caballero, schließlich hat er "Papo & Yo" entwickelt. "Weil es echt ist", sagt er. Echt, das heißt, dass im Spiel seine Geschichte erzählt wird. Seine Kindheit in Kolumbien mit seiner Familie und seinem alkoholkranken Vater. Echt heißt aber nicht, dass Caballero exakt diese Geschichte erzählt. Er erzählt eine andere. Die von Quico, Lula und dem Monster. Und die trifft ins Herz.

Quico ist ein kleiner Junge, Lula sein Spielzeugroboter, der ihm beim Fliegen hilft, und das Monster ein verfressenes und schläfriges Wesen mit einer Schwäche für Frösche. Ist ein Frosch in der Nähe, verfolgt und frisst das Monster ihn und verwandelt sich in eine Feuerkreatur, die auf alles und jeden einschlägt.

Gerade hier wird deutlich: "Papo & Yo" ist der Versuch Caballeros, mit seiner Vergangenheit klarzukommen, wie er sagt. Die Angst, die er vor seinem Vater und dessen Wutausbrüchen hatte, übersetzte er in ein Monster, das seine Aggressionen unkontrolliert auslebt.

Vander Caballero hat vorher andere Spiele gemacht. Er hat in seiner Wahlheimat Montreal für den Branchenriesen Electronic Arts gearbeitet, ein Spiel wie "Army of Two" mitgestaltet, das wegen seiner Brutalität in Deutschland keine Alterseinstufung bekam und deshalb nur unter dem Ladentisch gehandelt wurde. "Ich wollte diese Spiele nicht mehr machen", sagt er.

Nicht nur wegen der Gewalt, sondern vor allem, weil jeder Schritt, jedes Element mit dem Marketing abgestimmt werden müsse. "Ich möchte nicht die Leute schlechtmachen, die dort arbeiten. Es gibt dort viele kreative und schlaue Menschen. Aber sie dürfen nur noch stromlinienförmige Spiele abliefern", resümiert Caballero. Alles, was aus der Norm falle, sei schlecht. Also gründete Caballero sein eigenes Studio, Minority Media. "Papo & Yo" ist das Erstlingswerk. Ein Spiel, das keiner der großen Spielehersteller angefasst hätte. Einfach und komplex zugleich. Ein Spiel über Kindheit, aber nicht unbedingt ein Kinderspiel.

Kindliche Phantasie wird greifbar gemacht

Quico liebt und hasst das Monster, freut sich über ihn und hüpft auf seinem Bauch und flüchtet im nächsten Moment vor blinden Wutanfällen. Quico fühlt sich verantwortlich und will helfen - ist aber hilflos. Diese Hilflosigkeit übersetzt Caballero in das Spielprinzip und verlässt sich nicht wie andere Entwickler darauf, die Geschichte in Zwischensequenzen zu erzählen.

Er orientiert sich an Klassikern wie "Ico". Das heißt, der Spieler hat wenig Funktionen: Quico kann springen, Schalter umlegen und laufen. Mehr nicht. Aber mit diesen geringen Fähigkeiten kann er ganze Welten manipulieren, kann Häuser laufen lassen, stapeln und biegen. Er kann Öfen durch die Luft fliegen lassen und daraus Brücken bauen. Und er kann Monster mit Früchten locken und wieder beruhigen, wenn der an Fröschen genascht hat.

Es geht nicht um Beherrschung, sondern ums Überleben. "In Mario lernt man nur, dass man lange genug üben muss, bis man etwas schafft, " sagt Caballero, "aber das Leben ist nicht immer so. Manchmal ist es egal, wie sehr man sich bemüht. Man wird es trotzdem nicht schaffen." Weshalb es am Ende auch kein klassisches Happy End gibt. Aber das Ende muss so sein, es schließt das Spiel passend ab.

"Papo & Yo" ist kein perfektes Spiel. Manche Animationen wirken ungelenk, die Steuerung spielt immer mal wieder nicht mit, und die Grafik kann mit den Blockbustern nicht mithalten. Aber das macht nichts. Es ist trotzdem das bewegendste und wichtigste Spiel des Jahres. Caballero hat es geschafft, die Traumwelt eines kleinen Jungen in ein Spiel zu übersetzen, kindliche Phantasie greifbar zu machen. Träume, Ängste und Hoffnungen in kleinen Gesten zu zeigen.

Das mögen einige vielleicht zu dick aufgetragen oder zu simpel finden. Wer sich darauf einlassen kann, wird mehr leiden und Trauer spüren als bei allen anderen Spielen des Jahres. Und allein für den Mut, seine eigene Geschichte so offen auszubreiten und dafür ein Medium wie das Videospiel zu wählen, gebührt Vander Caballero großer Respekt.


"Papo & Yo" von Minority Media, als Download für Playstation 3, 14,99 Euro

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Zum Autor
  • Carsten Görig liebt obskure Bands, seine Gitarre und seine Familie. Seit vielen Jahren schreibt er außerdem über Videospiele. Für Angespielt bei SPIEGEL ONLINE probiert er die wichtigsten Titel aus - immer genau eine Stunde lang.

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