Virtuelle Tierquälerei Darum kämpft Peta gegen Videospiele

1. Die Tierrechtsorganisation Peta kritisiert ein Nintendo-Spiel. 2. Die Fans regen sich auf. 3. Peta ist im Gespräch. Die PR-Masche funktioniert - immer wieder.

Von


Bei Nintendo dürfte man sich wundern, dass "1-2-Switch" noch einmal Schlagzeilen macht. Schließlich handelt es sich um eine simple Spielesammlung für die neue Konsole Switch. In deren Mini-Games kann man zum Beispiel so tun, als ob man sich mit dem Controller das Gesicht rasiert. Das ist beim Zuschauen lustiger als beim Selbstspielen.

Seit Ende letzter Woche ist "1-2-Switch" also wieder Gesprächsthema - und zwar wegen eines weiteren Minispiels namens "Wettmelken". In dem Spiel zieht man per Controller-Bewegung an virtuellen Comic-Zitzen. Die Schlagzeilen, die man dazu gerade auf vielen Videospielseiten liest, sind Variationen von "Peta kritisiert Nintendo", denn der US-Ableger der Tierrechtsorganisation hat dem Spielekonzern einen Brief geschickt, der auch auf Facebook veröffentlicht wurde.

"Können wir ein wenig Realismus haben?", fragt Peta in dem Brief und plädiert dafür, dass Nintendo das Melken weniger harmlos darstellen sollte. Nintendo könne die Spieler zum Beispiel daran erinnern, dass man durchs Milchtrinken eine Industrie unterstütze, die Kuhmütter von ihren Babys trenne.

In vielen Kommentarspalten ist nun die Aufregung groß - nicht über das Spiel, sondern mehrheitlich über Petas Einwurf. "War ruhig um Peta", heißt es etwa auf Facebook, mit 136 Likes. "Wird ja mal wieder Zeit, dass die mit irgendetwas Lächerlichem wieder Aufmerksamkeit wollen." Und jemand anderes schimpft, ohne weitere Ausführung, aber mit 15 Likes: "Peta sind Fotzen (die sich nebenbei gesagt einen Mist um Tiere kümmern)".

Nicht die erste Games-Kritik

Es ist nicht das erste Mal, dass Gamer sich an einer Peta-Kritik abarbeiten. Die Tierrechtsorganisation hat schon oft öffentlichkeitswirksam etwas an bekannten Videospielen ausgesetzt, von "Final Fantasy" über "Pokémon" bis "Super Mario", wie unsere Fotostrecke zeigt. Die Organisation hat sogar einige eigene Minispiele veröffentlicht.

Zu den jüngsten Gamer-Äußerungen heißt es von Peta Deutschland, Kommentarspalten im Internet seien "grundsätzlich empört": Die kritische Reaktion sei daher keine Überraschung. Es werde aber deutlich, "dass zu viele Menschen noch nicht wissen, wie sehr Kühe für Milch missbraucht werden und sie in der Landwirtschaft nur Milch geben, weil sie von Bauern zwangsweise künstlich befruchtet werden."

Fotostrecke

16  Bilder
Peta versus Videospiele: Immer dasselbe Spiel

Petas Strategie, auf populäre Games-Themen aufzuspringen, ist clever: Die ohnehin diffuse Zielgruppe "Spielefans" ist wohl kaum direkter zu erreichen, als mit selbst erfundenen skurrilen Spielen oder mit kritischen Anmerkungen zu möglichst bekannten Titeln.

Kontakt mit der Zielgruppe

Denn ihr Lieblingsspiel - in dem die angebliche virtuelle Tierquälerei oder deren Verharmlosung meist nur ein Nebenaspekt ist - wollen viele Gamer gern verteidigen, gegen jede Kritik. Wie viele Spieler von "1-2-Switch" hätten ohne den Peta-Brief wohl auch nur eine Sekunde nachgedacht, wie es um Milchkühe steht?

Die Tierrechtsorganisation sieht sich auch nicht als Dauernörgler. "Viele von uns sind mit Nintendo aufgewachsen", heißt es von Peta Deutschland: "Wir lieben Spiele wie 'Nintendogs'." Ein Ziel von Peta sei es, Spielefirmen zu ermutigen, "Produkte zu kreieren, die Tiere feiern - und nicht welche, in denen man dazu ermutigt wird, sie zu quälen oder zu töten". Für Spieler sei es - wie im Kontext des Melkspiels - außerdem entscheidend zu wissen, wo in Spielen die Fantasie anfängt und wo sie aufhört.

Ein Forennutzer bringt den Mechanismus "Peta versus Games" am Montag in einem Online-Forum gut auf den Punkt - und sieht sogar für Nintendo einen Vorteil. "Diese Aktion ist sehr sinnvoll für alle Beteiligten", kommentiert er bei der Spielezeitschrift "Gamestar": "1. Peta generiert Aufmerksamkeit für sich 2. Peta generiert Aufmerksamkeit für Nintendo 3. Der gemeine Forumposter kann sich darüber auslassen und zeigen, wie überlegen er ist."

Interesse selbst von Kritikern

Tatsächlich sind Spielefans, die sich regelmäßig über die Peta-Äußerungen zu Spielen ärgern, für deren Präsenz mitverantwortlich: Schließlich entstehen wohl auch die meisten Medienberichte zum Thema nicht, weil die Peta-Kritik inhaltlich so wichtig und treffend ist, sondern weil sie oft angeklickt wird - auch von Menschen, die so etwas angeblich nie wieder lesen wollten.

Im aktuellen Fall, pünktlich zum Switch-Hype, lässt sich Peta sogar eine gewisse Zurückhaltung attestieren: Für einen noch lauteren Aufschrei im Netz hätte die Gruppe wohl das neue "The Legend of Zelda: Breath of the Wild" kritisieren müssen, dessen Fangemeinde um ein Vielfaches größer ist als die von "1-2-Switch".

Zudem gibt es auch in "Zelda" vieles, was Peta nicht gutheißen dürfte: vom Umfunktionieren eines Huhns zum Wurfgeschoss bis zum Im-Vorbeigehen-Aufsammeln lebender Krabben. Wer auf ein Wildtier einschlägt, hat Sekunden später ein verzehrtaugliches Stück Fleisch in der Hand. Man munkelt, ganz so leicht geht das im echten Leben nicht.


Lesetipp: Die PR-Tricks von Pornhub

Übrigens weiß nicht nur Peta, welche Inhalte man liefern muss, um online Interesse oder Aufregung zu erregen. Das Pornoportal Pornhub etwa ist seit Jahren geschickt darin, Pressemitteilungen zum Nutzerverhalten in die Medien zu bringen, wie wir Mitte 2016 in einem Artikel dokumentiert haben:

Wie Medien über Pornhub berichten

Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil



insgesamt 29 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
luziferx 06.04.2017
1. Peta eben
Das ein Videospiel auch nur ein Videospiel ist leuchtet den Leuten bei PETA wohl nicht ein. Es gibt viele fragwürdige videospieltitel, man denke an pregnancy... aber sich wegen diesem Minispiel aufzuregen nutzt nichts außer PR. Die PETA setzt ohnehin nicht auf Dialog sondern bedient sich auch nur an Punchlines ähnlich wie andere argumentativ schwache Gruppierungen...
Olaf 06.04.2017
2.
Natürlich funktioniert diese Masche und zwar nicht nur bei PETA, auch bei anderen NGO. Schließlich ist Aufmerksamkeit deren Lebenselixier oder noch kürzer gesagt: Wirb oder Stirb. Gilt auch für NGO's.
qoderrat 06.04.2017
3.
---Zitat--- Petas Strategie, auf populäre Games-Themen aufzuspringen, ist clever: Die ohnehin diffuse Zielgruppe "Spielefans" ist wohl kaum direkter zu erreichen, als mit selbst erfundenen, skurrilen Spielen oder mit kritischen Anmerkungen zu möglichst bekannten Titeln. ---Zitatende--- Die Frage ist nur, was man sich für ein Image mit dieser Art von Marketing macht. Wie toll das funktioniert, wenn man als Verbotsinstitution wahrgenommen wird, da können die Grünen ein Lied von singen, der veggy day ist heute noch in den Köpfen, und keineswegs mit einer positiven Assoziation, obwohl die Anregung mehr Gemüse zu essen ja in der Sache nicht falsch ist. Dies aber über Zwang zu versuchen provoziert sofort eine harte Trotzreaktion. Und genau das passiert Peta auch, früher hatte die einen ganz guten Ruf, inzwischen kann man wohl sagen dass realitätsfern noch eine vorsichtige Bezeichnung der sonst üblichen ist. Dazu im Vergleich pornhub anzuführen ist meiner Meinung nach in der Sache völlig daneben, die machen nämlich genau das Gegenteil, es wird auf mehr oder weniger humoristische Weise auf Zugriffsstatistiken in Relation zu gesellschaftlichen Ereignissen verwiesen und damit Aufmerksamkeit und Interesse auf ihr Portal und ihren Namen gelenkt. Da ist nirgends Zwang oder moralischer Zeigefinger dabei, ganz im Gegenteil, im besten Fall ein wenig Provokation von Religion und Moralapostel, aber die sind eben gerade nicht die Zielgruppe der Werbekampagne. Deren Werbekampagne ist exakt umgekehrt aufgesetzt, über einen Schmunzler ein positives Bild auf die Marke zu werfen, während Peta mit Provokation ein negatives Bild erzeugt. Provokation ist ein gutes Mittel, um eine unbekannte Sache ins Gespräch zu bringen. Sie ist ein sehr schlechtes Mittel, eine bekannte Sache im Gespräch zu halten. Langfristig baut man sich mit letzterem nur Vorurteile gegen seine Organisation auf, vor allem wenn die Provokation so plump und lächerlich wie im Fall Peta ist.
constractor 06.04.2017
4.
Ich bin dankbar das PETA auf solche missstände aufmerksam macht. Mir war nicht bewusst welche Art von Spielen auf Nintendokonsolen normal sind. Nachdem ich den Brief von PETA an Nintendo gelesen habe, habe ich sofort meinen Kindern alle Produkte von Nintendo abgenommen und vernichtet. Meine Kinder werden in Zukunft sicher verstehen warum dieser Schritt richtig und notwendig gewesen ist.
MKAchter 06.04.2017
5. Sektiererisch
Zitat von qoderratDie Frage ist nur, was man sich für ein Image mit dieser Art von Marketing macht. Wie toll das funktioniert, wenn man als Verbotsinstitution wahrgenommen wird, da können die Grünen ein Lied von singen, der veggy day ist heute noch in den Köpfen, und keineswegs mit einer positiven Assoziation, obwohl die Anregung mehr Gemüse zu essen ja in der Sache nicht falsch ist. Dies aber über Zwang zu versuchen provoziert sofort eine harte Trotzreaktion. Und genau das passiert Peta auch, früher hatte die einen ganz guten Ruf, inzwischen kann man wohl sagen dass realitätsfern noch eine vorsichtige Bezeichnung der sonst üblichen ist. Dazu im Vergleich pornhub anzuführen ist meiner Meinung nach in der Sache völlig daneben, die machen nämlich genau das Gegenteil, es wird auf mehr oder weniger humoristische Weise auf Zugriffsstatistiken in Relation zu gesellschaftlichen Ereignissen verwiesen und damit Aufmerksamkeit und Interesse auf ihr Portal und ihren Namen gelenkt. Da ist nirgends Zwang oder moralischer Zeigefinger dabei, ganz im Gegenteil, im besten Fall ein wenig Provokation von Religion und Moralapostel, aber die sind eben gerade nicht die Zielgruppe der Werbekampagne. Deren Werbekampagne ist exakt umgekehrt aufgesetzt, über einen Schmunzler ein positives Bild auf die Marke zu werfen, während Peta mit Provokation ein negatives Bild erzeugt. Provokation ist ein gutes Mittel, um eine unbekannte Sache ins Gespräch zu bringen. Sie ist ein sehr schlechtes Mittel, eine bekannte Sache im Gespräch zu halten. Langfristig baut man sich mit letzterem nur Vorurteile gegen seine Organisation auf, vor allem wenn die Provokation so plump und lächerlich wie im Fall Peta ist.
Auf mich macht PETA inzwischen deutlich mehr den Eindruck einer Sekte, als einer seriösen Tierschutzorganisation.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.