Plagiats-Skandal: Weltmeisterprogramm Rybka verliert alle Titel

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Der Copy-and-Paste-Streit der Computerschachszene ist entschieden: Die International Computer Games Association (ICGA) hat dem viermaligen Weltmeisterprogramm Rybka alle Titel aberkannt. Das stärkste Schach-Programm der Welt gilt der ICGA nun offiziell als Teil-Plagiat.

Schachmatt: Nichts geht mehr für Rybka Zur Großansicht
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Schachmatt: Nichts geht mehr für Rybka

Was kommt dabei heraus, wenn man sich Code aus verschiedenen Programmen zusammensucht und neu zusammensetzt? Mitunter ein Programm, das leistungsfähiger ist als die Code-Quellen: Genau das soll dem Computerschachprogramm-Entwickler Vasik Rajlich mit seiner Software Rybka gelungen sein, die die Szene seit 2007 dominierte. Viermal in Folge wurde Rybka zum ICGA-Weltmeisterprogramm gekürt - jetzt wurden ihm alle Titel aberkannt und das Programm von künftigen Wettbewerben disqualifiziert. Die nächste Weltmeisterschaft findet im November im niederländischen Tilburg statt - ohne das zurzeit noch immer stärkste Programm der Welt.

Gerüchte und Anschuldigungen darüber, dass Rybka fremden Code enthalten sollte, hatte es seit langem gegeben, SPIEGEL ONLINE berichtete im März über die Hintergründe des daraus resultierenden Untersuchungsverfahrens. Doch Plagiatsfragen sind gerade in der Computerschachszene gar nicht so leicht zu klären: Zum einen kommt Abkupfern in der Szene durchaus vor. In Varianten, die von "voneinander Lernen" über das Reverse Engineering - den Versuch, Funktionen eines Programms nachzuprogrammieren - bis zur Codeübernahme reichen. Darüber hinaus nutzen alle Programmierer gemeinfreie Code-Snippets, was hier und da für Ähnlichkeiten sorgt.

Rajlich selbst hatte schon am 20. Dezember 2005 in einem Interview mit Alexander Schmidt zugegeben, dass sich die plötzliche Steigerung der Spielstärke von Rybka auch dadurch erklären ließ, dass er den Sourcecode des Programms Fruit 2.1 "von hinten nach vorn" durchgekämmt und "viele Dinge übernommen" habe. Er habe dabei von Ideen und Prinzipien des Programms profitiert, ohne die Rybka seiner Einschätzung nach wohl "20 Wertungspunkte schwächer" geworden wäre, wenn "Fruit 2.1 nicht erschienen" wäre. Zahlreiche Schachprogramme hätten durch die Ideen in Fruit 2.1 einen "erheblichen Satz nach vorn" gemacht. Er selbst bedauerte damals, dass sein Rybka die Schachszene nicht in ähnlicher Weise voranbringen werde, aber er müsse als Programmierer eines kommerziellen Produktes nun einmal seine "Geheimnisse wahren".

Das Interview gibt es heute nur noch in einer Aufzeichnung des Internet Archive: Relevant sind hier die Fragen 20 und 21.

Einstimmiges Urteil

Solches Lernen von anderen Programmen und Programmierern gilt als legitim in der Schachcomputerszene, die sich selbst irgendwo zwischen Schach-Enthusiasmus und forschender Wissenschaft verortet. Fruit wird zudem unter der GNU Public License (GPL) veröffentlicht, was Übernahmen und Modifikationen aus dem Sourcecode durchaus erlaubt. Die von Richard Stallman erstmals 1989 formulierte Lizenz erlaubt es jedermann, aus einem unter GPL stehenden Programm eigene Produkte abzuleiten - so lange er diese wieder unter der GPL-Lizenz weitergibt. Dieses Grundkonzept taufte Stallman "Copyleft", die Lizenz hat Vertragscharakter.

Im Falle Rybka soll Vasik Rajlich diesen Vertrag, diese Lizenz verletzt haben, denn Rybka ist ist kein freies Programm, es ist kommerziell und proprietär. Zu überprüfen ist dieser Vorwurf aber nur äußerst schwer: Rajlich erlaubt keine Einblicke in den Sourcecode von Rybka.

Ein von der International Computer Games Association (ICGA) - Ausrichter der World Computer Chess Championships (WCCC) - bestellter, mit 34 Programmierern besetzter Untersuchungsausschuss, hatte Rybka mehrere Monate unter die Lupe genommen. Da Rajlich seinen Code nicht zur Untersuchung freigab, blieb dem Ausschuss nur die mühsame Analyse der Funktionalitäten, des Zugverhaltens und stichpunktartiges Reverse-Engeneering, um den Vergleich mit den quelloffenen Programme Crafty und Fruit hinzubekommen, bei denen sich Rajlich bedient haben soll.

Das Urteil hätte am Ende trotzdem klarer kaum ausfallen können. Rybka soll plagiierten Code der Programme Fruit und Crafty enthalten. Das Exekutivkomitee der ICGA schloss sich diesem Experten-Verdikt einstimmig an. Rybka wurden damit mit Wirkung zum 28. Juni 2011 alle seit 2006 errungenen Titel aberkannt.

Vasik Rajlich darf damit in der Wettbewerbsszene als diskreditiert gelten. Die ICGA forderte inzwischen nicht nur die ihm überreichten Trophäen und Preisgelder zurück, sondern sprach auch eine lebenslange Disqualifikation gegen den Programmierer aus. Weder er noch eines seiner Produkte wird künftig an Wettbewerben der ICGA teilnehmen dürfen.

Laut David Levy, Präsident der ICGA, soll sich Rajlich "trotz wiederholter Aufforderung" zu keinem der gegen ihn erhobenen konkreten Vorwürfe geäußert haben. Das letzte Statement von Rajlich gegenüber der ICGA erfolgte demnach per E-Mail, in der der Programmierer versicherte, sein Programm enthielte "keinen Code, der das Spiel betrifft".

Rajlich äußert sich nicht

In den Schach- und besonders in den Rybka-Foren sorgt die ICGA-Entscheidung für heiße Diskussionen - und die verlaufen durchaus kontrovers. Rybka gilt weiterhin als stärkstes Schachprogramm der Welt, darf an Turnieren der ICGA aber nicht mehr teilnehmen. Viele erwarten nun, dass andere Veranstalter dem Urteil der ICGA folgen werden. Kritik findet die Entscheidung aber, weil Rybka als Produkt besser sei als die Summe seiner Teile: Zwar erkennen auch Fans des Programms an, dass Rajlich Code geklaut haben mag. Trotzdem aber steckten Jahre Entwicklungsarbeit darin.

Genau das hatten Kritiker und Programmierer konkurrierender Programme im Verlauf der letzten eineinhalb Jahre immer lauter in Frage gestellt. Verdächtig machte sich Rybka durch eine spektakuläre, letztlich unerklärliche Leistungssteigerung von 2005 auf 2006, als das Programm erstmals hohe Platzierungen bei ICGA-Weltmeisterschaften einfuhr. Ab 2007 schien es dann unschlagbar.

Der Untersuchungsausschuss der ICGA erklärte das mit einem Wechsel der zugrundeliegenden Code-Basis. Bis 2005 beruhte Rybka demnach auf Codes aus dem Crafty-Engine, ab 2006 soll ihm Fruit zugrunde gelegen haben. Wie Fruit, das unter der GPL-Lizenz vertrieben wird, ist auch Crafty quelloffen, wird unter der Open Source Lizenz veröffentlicht: Programmroutinen, Prinzipien und Teile des Codes beider Programme finden sich darum auch in etlichen Konkurrenzprodukten. Das wird akzeptiert, so lange es offen geschieht und die Lizenzbedingungen nicht verletzt werden.

Die Programme, aus denen Rajlich abgekupfert haben soll, profitieren nicht von der Aberkennung der ICGA-Titel. Alle Dokumente zur Rybka-Untersuchung wurden am Donnerstag über die Chessvibes-Webseite veröffentlicht. Eine Stellungnahme von Vasik Rajlich steht weiterhin aus, auch auf entsprechende Anfragen von SPIEGEL ONLINE hat der Programmierer bisher nicht reagiert.

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1. ...
neuroheaven 01.07.2011
mir völlig latte. wichtig ist nur eines: es ist das leistungsstärkste schachprogramm auf der welt. diesen titel wird es behalten. ob gewollt oder nicht. punktum
2. .
jupol 01.07.2011
Ich habe gehört, dass Rybka in Zukunft als Chess von und zu Guttenberg an den Start gehen soll.
3. ..
Phil2302 01.07.2011
Klar ist es nicht gut, wenn er Lizenzen und Verträge verletzt. Möglicherweise ist es auch die richtige Entscheidung, Rybka von der Computerschachweltmeisterschaft auszuschließen. Einen bitteren Nachgeschmack hat es trotzdem, denn wie interessant ist noch eine Weltmeisterschaft, wenn man weiß, dass das eigentlich stärkste Programm nicht mehr teilnehmen darf? Ich bin ja mal gespannt, inwiefern Rybka jetzt noch weiterentwickelt wird. Benutze es schließlich selbst neben der Fritz Engine. Und letztere verliert im direkten Vergleich regelmäßig.
4. fragwürdig
judäer 01.07.2011
Es ist fragwürdige, jemanden lebenslang zu disqualifizieren, der das weltweit stärkste Programm auf den Markt gebracht hat. Es hat den Beigeschmack, dass ein Programmierer und sein Produkt mit "legitimen Mitteln" kaputt gemacht wird.
5. ohne Titel
arbol01 01.07.2011
An sich finde ich es kleinlich, wenn ein Programm nur deswegen disqualifiziert wird, weil es von anderen Programmen partizipiert und profitiert. Wenn allerdings der Programmierer sich bei anderen Programmen (Quellcode und reverse engineering) bedient, aber gleichzeitig verbietet und verhindern will, das andere Programmierer von seinen Programm profitieren können, dann ist die Disqualifizierung mehr als gerechtfertigt.
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