"Pokémon Go" in der Kirche Dreieinhalb Jahre auf Bewährung für russischen Blogger

Ein Gericht hat einen russischen Blogger schuldig gesprochen, mit Webvideos die Gefühle von Gläubigen beleidigt zu haben. Er hatte sich unter anderem beim "Pokémon Go"-Spielen in einer Kirche gefilmt.

"Pokémon Go" (Symbolbild)
REUTERS

"Pokémon Go" (Symbolbild)


Ein 22-jähriger Russe ist in Jekaterinburg zu dreieinhalb Jahren Haft auf Bewährung sowie 160 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt worden. Er war im Herbst 2016 in Untersuchungshaft gekommen, nachdem er sich im August in der orthodoxen "Kathedrale auf dem Blut" beim Spielen der Smartphone-App "Pokémon Go" gefilmt hatte. Die Aufnahme hat seitdem mehr als 1,9 Millionen Klicks gesammelt.

Richterin Yekaterina Shoponyak entschied am Donnerstag, dass der Mann sich des Verbreitens von Hass und der Beleidigung der Gefühle von Gläubigen schuldig gemacht habe. Er habe auch ein verbotenes technisches Gerät besessen, hieß es - einen Stift mit eingebauter Kamera, der bei ihm zu Hause gefunden worden war.

Die Richterin sagte laut der russischen Nachrichtenagentur Tass, der Blogger habe skandalöse Videos aufgenommen, "um Geld zu verdienen und berühmt zu werden". Laut der Nachrichtenagentur AP betonte sie zudem, dass der Mann nicht nur wegen des "Pokémon Go"-Videos vor Gericht war, sondern wegen mehrerer Videos, die Gläubige beleidigt hätten. So habe der Blogger etwa über die unbefleckte Empfängnis gespottet und die Existenz von Jesus und des Propheten Mohammed geleugnet.

Dank an die Journalisten

Nach dem Urteil bedankte sich der Mann laut AP bei Reportern, weil sie auf seinen Fall aufmerksam gemacht hätten. "Ich wäre ohne die Unterstützung der Journalisten wahrscheinlich ins Gefängnis geschickt worden", wird er zitiert. Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor tatsächlich eine Gefängnisstrafe gefordert. Der Anwalt des Mannes sagte, es sei unwahrscheinlich, dass der Blogger das jetzige Urteil anfechten würde.

Zu "Pokémon Go" sagte der Blogger laut einem Reuters-Bericht, er werde das Spiel nicht mehr spielen: "Es ist schon wieder aus der Mode." Nach Angaben der Nachrichtenagentur Tass steht der Mann bis zum 14. August unter Hausarrest, wie zwischenzeitlich schon im Jahr zuvor.

Der Fall des Bloggers hatte letztes Jahr weltweit Schlagzeilen gemacht, da viele Städte Probleme im Umgang mit den Massen von "Pokémon Go"-Spielern hatten. In Russland ist die Monsterjagd in Kirchen offiziell verboten - was kürzlich sogar für eine Kontroverse um eine "Simpsons"-Folge sorgte. In manch anderen Ländern wie Saudi-Arabien darf man sogar überhaupt kein "Pokémon Go" spielen.

Alexei Nawalny kommentierte den Prozess am Donnerstag auf Twitter. "Ich bin in der Sowjetunion geboren und aufgewachsen, wo 98 Prozent der Bürger Atheisten waren", schrieb der bekannte russische Oppositionelle. "Und jetzt höre ich ein Urteil, bei dem ein Mann für Atheismus verurteilt wird."

mbö/Reuters/AP



insgesamt 10 Beiträge
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Bürger Icks 11.05.2017
1. Der geht also womöglich...
...für die "Gefühle" von Götzenanbetern und Märchenanhängern ins russische Zuchthaus? Und ich dachte das Mittelalter sei vorbei...
Teile1977 11.05.2017
2. Macht
Zitat von Bürger Icks...für die "Gefühle" von Götzenanbetern und Märchenanhängern ins russische Zuchthaus? Und ich dachte das Mittelalter sei vorbei...
Nein, der wurde verurteilt weil sich der russische Staat immer mehr der ortodoxen Kirche anbiedert. Die sichert Putin im Gegenzug ihre Treue zu, eine Win Win Situation. Eben wie im Mittelalter, die Kirche und der König hielten das Volk dumm, abhängig und in Furcht, so das die Macht der beiden nicht gefärdet war. Uns so predigen auch jetzt wieder die Prister von der Kanzel herunter wie gut Putin doch ist und was für ein Geschenk Gottes...
murmel57 11.05.2017
3. Religiöser Extremismus
Religiöser Extremismus, als Quelle des Übels in unserer Welt, gehört verboten.
pauschaltourist 11.05.2017
4.
Auch in Saudi-Arabien paktieren die Mächtigen aus machtstrategischen Gründen mit den Klerikern... Peinlich und dreist, diese Despoten-Symbiose.
emobil 11.05.2017
5. Witz
Ein Benediktiner und ein Jesuit rauchen gern eine Zigarre. Von ihrer Umwelt wird das nicht gern gesehen. Man meint, dieses Verhalten vereinbare sich nicht mit ihrer Gebetspflicht Sie beschließen deshalb, dass jeder von ihnen an höchster Stelle in dieser Sache nachfragt. Als sie sich wieder treffen, ist der Dominikaner sehr betrübt. "Was hast du denn?", fragt der Jesuit seinen Freund. Der sagt: "Ich habe gefragt, ob man beim Beten auch rauchen dürfe, da habe ich einen schweren Rüffel bezogen." "Ja, Mensch", sagt der Jesuit, "das hättest du anders machen müssen. Ich habe gefragt, ob man beim Rauchen auch beten dürfe, da bin ich gelobt worden."
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