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20 Jahre "Pokémon": Geliebt, gehasst, unsterblich

Von Stephan Freundorfer

20 Jahre "Pokémon": Die Taschen voller Monster Fotos
Nintendo

Die kleinen Biester sind einfach nicht totzukriegen. Seit 20 Jahren gibt es die "Pocket Monsters", 260 Millionen Spiele wurden verkauft - und auf jeden Menschen kommen drei "Pokémon"-Sammelkarten.

Am Samstag vor 20 Jahren wurden 151 Monster auf Japan losgelassen. Für viele Eltern begann ein Albtraum, für viele Kinder eine jahrelange Obsession. Für Satoshi Tajiri war es die Erfüllung einer Vision.

Sechs Jahre hatten er und seine Mitarbeiter vom kleinen Tokioter Entwicklerstudio Game Freak gearbeitet, bis aus einer vagen Idee "Pocket Monsters" wurde: ein Rollenspiel, weniger erwachsen und dramatisch als "Final Fantasy", aber herausfordernd - und geheimnisvoll.

In "Pocket Monsters" bricht ein 10-Jähriger in die Welt auf, um sie zu erkunden und sich gegen ehrbare Konkurrenten, Maulhelden und Halunken als Monster-Trainer zu beweisen. "Irgendwann gehen alle Jungen fort, um ein Abenteuer zu erleben", bemerkt die Mutter im Spiel lakonisch und lässt ihr Kind ziehen. Sein Name im japanischen Original: Satoshi. Das Spiel ist inspiriert von der Kindheit seines Machers. Satoshi Tajiri war ein verschlossener Junge, der in den Siebzigerjahren am Rande Tokios durch die Natur streifte und leidenschaftlich Insekten sammelte. "Dr. Käfer" nannten ihn die Mitschüler.

Ist das nicht schlecht für die armen Kinder?

Die Geschichte der Taschenmonster beginnt mit seiner zweiten Leidenschaft: Tajiri liebt "Space Invaders", das Weltraum-Ballerspiel, das Japan 1978 im Sturm erobert. Er treibt sich mit Vorliebe in Spielhallen herum und gründet 1982 ein Fanzine namens "Game Freak", in dem er seine Lieblingsspiele analysiert. Er baut sich ein eigenes Entwicklersystem für Nintendos NES-Konsole und erfindet zusammen mit Grafiker Ken Sugimori sein erstes Spiel - "Quinty", ein farbenfrohes Action-Puzzle. Sugimori wird später die weltberühmten 151 Monster zeichnen, von denen viele zu Pop-Ikonen geworden sind.

Die Erinnerung ans Insektensammeln lässt Tajiri nicht los. Als er Nintendos Game Boy für sich entdeckt und vor allem das Link-Kabel, durch das sich zwei Geräte miteinander verbinden lassen, entwickelt er die grundlegenden Ideen für sein Monsterspiel. "Ich stellte mir vor, wie Insekten durch dieses Kabel wandern", sagte Tajiri dem amerikanischen "Time"-Magazin, das Ende 1999 die "Pokémon" auf den Titel hob - und die bange Frage stellte, ob die Kreaturen in ihren zahllosen medialen Ausprägungen nicht schlecht für Kinder seien.

Rot und Grün gibt Geld

Drei Jahre zuvor hatten weder Game Freak noch Nintendo allzu große Erwartungen in das 'Taschenmonster'-Spiel gesetzt, das in den zwei Versionen Rot und Grün für den Game Boy erschien. Das Erfolgs-Handheld war schon knapp sieben Jahre auf dem Markt, die Vier-Graustufen-Grafik archaisch. Modern sind zu diesem Zeitpunkt längst 3D-Spielwelten. Doch die Mobilkonsole ist erschwinglich für die junge Zielgruppe. Die reagiert zunächst zögerlich, findet dann aber von Woche zu Woche mehr Gefallen am Entdecken, Sammeln und Entwickeln der "Pokémon".

Das "Pokémon"-Fieber verbreitet sich durch Mundpropaganda und über das Link-Kabel: Über die Game-Boy-Verbindung können Spieler Monster tauschen. Sie müssen es sogar, wenn sie alle haben wollen, weil in der roten und der grünen Version jeweils ein paar der Kreaturen fehlen. Irgendwo versteckt ist das geheime 151. "Pokémon", die rosa Wüstenspringmaus Mew. Die Entwickler hatten das Wesen zum Ende ihrer Arbeit im Code versteckt, und das Geheimnis macht das Spiel endgültig zum Faszinosum und landesweiten Schulhofthema: Am Wettbewerb eines Comic-Magazins, bei dem Mew auf den Modulen von 20 Gewinnern freigeschaltet werden soll, nehmen 78.000 Spieler teil.

Gelbe Maus auf Flugzeugrümpfen

Erst nach eineinhalb Jahren erreichen die Mobilspiele die Spitze der japanischen Verkaufscharts. Da sind die "Pokémon" längst die wichtigste Marke im Kinderzimmer, es gibt sie als Sammelkarten, Spielzeug und Anime-Serie. Im Folgejahr debütieren die menschlichen und monströsen Protagonisten im Kino, All Nippon Airways verziert erste Jets mit der gelben Elektromaus Pikachu und ihren Kameraden. Nintendo lässt sich Zeit, den Hype in den Westen zu tragen: Erst im Herbst 1998 erscheinen "Pokémon Red" und "Blue" - neu programmiert und sorgsam übersetzt - in den USA, flankiert von einer Multimillionen-Dollar-Kampagne, Merchandise-Flut und TV-Serie.

Vier Millionen "Pokémon"-Module sind bis Ende 1998 in den USA verkauft, 15 Millionen weltweit. Dann im Oktober 1999, wird auch Europa mit dem Fieber infiziert. 1500 "Pokémon"-Produkte gibt es laut dem SPIEGEL zu diesem Zeitpunkt, für neun Milliarden Mark Umsatz haben sie bereits gesorgt. Daneben verlängern die Monster-Rollenspiele das Leben der antiken Handheld-Hardware. Statt eines echten Nachfolgers veröffentlicht Nintendo nur ein mickriges Update, den Game Boy Color, auf dem die hundert frischen Monster der neuen Abenteuer "Pokémon Gold" bzw. "Silber" in kräftigen Farben erstrahlen.

Klassiker mit Zukunft

"Noch zwei bis drei Jahre hofft Nintendo, die weltweite Begeisterung nähren zu können", schreibt der SPIEGEL 1999, "eine Ewigkeit in der Welt der Computerspiele, wo die meisten Sensationen schon nach kurzer Zeit verglüht sind."

Tatsächlich sind die kleinen Monster bis heute quicklebendig. 260 Millionen "Pokémon"-Spiele wurden bis heute abgesetzt, von den Sammelkarten wurden sogar mehr als 21 Milliarden verkauft.

Und trotz Abkühlung des Hypes schaffen Game Freak immer neue erfolgreiche "Pokémon"-Rollenspiele, die auf Bewährtes setzen, aber auch modern genug sind, um nachfolgende Generationen an Nintendo-Konsolen zu fesseln.

20 Jahre nach ihrem Debüt werden die Taschenmonster der Nintendo-Hardware allerdings zum ersten Mal untreu. 2016 wird "Pokémon Go", entwickelt von den "Ingress"-Machern Niantic. Erscheinen wird das Spiel auf der bevorzugten Gaming-Hardware der modernen 10-Jährigen: auf dem Smartphone.

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insgesamt 11 Beiträge
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1.
osnase92 27.02.2016
Gameboy Color nur ein mickriges Update? Frechheit!
2. Pokémon forever!
theos001 27.02.2016
Was soll man dazu noch sagen? 20 Jahre Pokémon, hunderte Millionen Fans, ein Merchandise-Umsatz der zeitweise sogar CocaCola in den Schatten stellte. Man kommt nicht daran vorbei, persönlich würde ich das auch garnicht wollen. Pokémon lebe hoch und lange.
3. 20 Jahre
bobby_d. 28.02.2016
angefangen in der grundschule.... und noch immer spiel ich ab und an ne runde aufm handy :D
4.
arrache-coeur 28.02.2016
"Pocket Monsters" oder "Final Fantasy": Beides sagten mir nichts. Die wenigen Nintendo-Spiele, die mich reizten, waren Dr. Mario, Chessmaster, TAIKYOKU RENJU (Five-in-a-row), und dieser komische Pinball-Scroller mit Krokodilen.
5. Verbieten
wiesel 28.02.2016
So eine Sinnlose geistig minderwertige manipulative Kinderunterhalung sollte sofort verboten werden. Ich hoffe die Regierung wird da langsam tätig
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