Spiel "Pony Island" im Test Wunderbar kaputt

Es brummt bedrohlich aus den Lautsprechern, das Bild ist voller Grafikfehler: Das Computerspiel "Pony Island" ist düster, anstrengend - und überraschend originell.

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Spoiler-Hinweis: Am meisten Spaß macht "Pony Island" vermutlich, wenn man möglichst wenig über das Spiel weiß - außer vielleicht, dass es nur vordergründig und zeitweise um hüpfende Ponys geht. Wer sich die Spannung erhalten will und kleinen Rätseln und Logikpuzzles nicht völlig abgeneigt ist, der könnte dem Spiel auch einfach für fünf Euro eine Chance geben, ohne diesen Test zu lesen.

Beim Spielen von "Pony Island" muss ich seltsam ausgesehen haben. Die Wange von einer Weisheitszahn-OP geschwollen, sitze ich wie in Trance vor einem simulierten Röhrenbildschirm. Per Mausklick versuche ich, in einer Schwarz-Weiß-Welt ein Pony über Hindernisse springen zu lassen. Läuft nicht gerade ein treibendes 8-Bit-Stück, brummen die Boxen bedrohlich. Zudem kommt es ständig zu Grafikfehlern. Mitunter scheint das Spiel regelrecht auseinanderzufallen. Wie viel Schmerzmittel muss ich geschluckt haben, um mir das freiwillig anzutun?

Die Antwort lautet: nicht viel. "Pony Island" wäre wohl auch ohne jegliches Doping faszinierend gewesen. Weil es so creepy ist, so hässlich und vor allem so originell. Das Spiel ist das neueste Werk des unabhängigen Entwicklers Daniel Mullins: Wie so viele andere Indie-Hits basiert es auf einem Prototyp, der bei einem Game Jam entstand, also bei einem Programmierwettbewerb, bei dem unter Zeitdruck Spielideen umgesetzt werden.

"Herumtollen auf den grünen Hügeln von Pony Island!", las sich Mullins' damalige Spielbeschreibung. Das ständige Springen über Hindernisse sei eine "immersive und herausfordernde Erfahrung": "Wenn du an ein Hindernis stößt, gib dem Spiel einfach deine Seele und du kannst weiterspielen! :D".

Der Teufel ist ein mieser Programmierer

Was launig klingt, wird in der Praxis zur Qual, in der kürzlich erschienenen und weiterentwickelten Verkaufsversion erst recht. Spätestens, wenn der Spieler virtuell seine Seele aufgegeben hat, zeigt "Pony Island" sein wahres Gesicht (einige Eindrücke gibt unsere Fotostrecke).

Das Spiel ist nur vordergründig ein Hüpfspiel mit Ponys. In Wirklichkeit, so die sich nach und nach entfaltende Story, spielt man gerade auf einem vom Teufel entwickelten Arcade-Automaten, in dem bereits die Seelen Tausender anderer Spieler gefangen sind.

Als Spieler hängt man nun mittendrin im vermeintlich schlecht programmierten Chaos: Buttons funktionieren nicht, Menüleisten fallen auseinander, ein Chatfenster öffnet sich und seltsame Programmierfehler erlauben es dem Spieler, in Teile des Automaten vorzudringen, auf die eigentlich nur der Erfinder Zugriff haben sollte.

Bei alldem fühlt man sich permanent beobachtet: Wie das Vorzeige-Indie-Spiel "The Stanley Parable" durchbricht "Pony Island" die sogenannte vierte Wand. In diesem Fall will unter anderem der Teufel den Spieler beeinflussen. Er schimpft, wenn der Spieler cheatet und präsentiert ihm mehrfach neue Hüpfspiel-Varianten, die allerdings noch immer weit davon entfernt sind, wirklich Spaß zu machen.

Rätseln, Hüpfen, Hacken

Die gut zweieinhalb bis drei Stunden Spiellänge von "Pony Island" verteilen sich auf drei Beschäftigungen: Einmal auf die Hüpfpassagen, die anfangs ein Witz sind und langsam fordernder werden. Dann auf kleine Rätsel, bei denen meistens ein Weg gefunden werden muss, tiefer in die Struktur des Systems einzudringen. Und zuletzt sind da Hacker-Passagen, wiederkehrende Logikrätsel, bei denen ein automatisch wandernder Cursor mithilfe von Richtungssymbolen so beeinflusst werden muss, dass er die richtige Stelle erreicht:

Logikrätsel in "Pony Island":

Logikrätsel in "Pony Island":

"Pony Island" ist dabei in doppelter Hinsicht ein Meta-Spiel. Einerseits ist das Spiel ganz anders, als es sich anfangs gibt, anderseits spielt hier nicht nur der Spieler mit dem Spiel, sondern auch das Spiel mit dem Spieler. Denn manchmal ertappt man sich dabei, auf einen Trick des Teufels hereingefallen zu sein, noch während man davon ausgeht, dass gleich sein nächster Schachzug kommen muss.

Obwohl man mitunter das Gefühl hat, dem Spiel ausgeliefert zu sein, geht "Pony Island" nie so weit, dass man die Lust am Weiterspielen verliert. Der Teufel ist offenbar doch ein zu schlechter Programmierer, als dass seine Fähigkeiten reichen würden, um den Spieler bis an den äußersten Rand seines Leidensfähigkeit zu bringen.

So schwer wie manche Interneträtsel sind die Herausforderungen im Spiel übrigens nicht. Die Logikpuzzles lassen sich auch ohne Genre-Erfahrung lösen, und auch die Hinweise zum Weiterkommen sind in der Regel so platziert, dass man sie zumindest nach einer kurzen Pause und mit einem entsprechend frischen Blick erkennt. Und ja: Selbst unter Schmerzmitteln lässt sich "Pony Island" bezwingen, irgendwie. Vielleicht leidet man dabei sogar ein bisschen weniger.


"Pony Island" von Daniel Mullins Games für Windows, Mac OS X, Linux, 4,99 Euro bei Steam

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