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29. August 2018, 14:16 Uhr

"Pro Evolution Soccer 2019" im Test

Mut zum Fernschuss

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Das neue "Pro Evolution Soccer" verfeinert das Fußballspiel an den richtigen Stellen. Fernschützen und Zweikampfspezialisten werden die jüngste Version lieben, Fans von Borussia Dortmund nicht so sehr.

Aus drei Metern köpft Roms Edin Dzeko mit Wucht aufs Tor und der mittelklassige Torhüter von Atalanta Bergamo tut nun endlich auch im Videospiel das, was mittelklassige Torhüter in so einer Situation tun: Er wehrt den Ball unkontrolliert nach vorne ab. Der Nachschuss landet im Tor.

Solche Szenen wird es in "Pro Evolution Soccer 2019" ("PES 2019") von Konami viel häufiger geben als in den Vorgängerspielen. Dort haben die Torhüter oft auch härteste Schüsse lässig ins Toraus geklärt. Nun aber springen und fausten die Keeper realistischer und machen dadurch auch mehr Fehler. Fernschüsse lohnen sich plötzlich mehr, weil Abstaubertore wahrscheinlicher werden.

Es sind Feinheiten wie diese, für die die Fans von "PES" die Reihe lieben. Im Vergleich mit der "Fifa"-Reihe von Electronic Arts ist das Gameplay realitätsnäher und belohnt Spieler, die sich taktisch geschickt auf den Gegner einstellen - was aber nicht heißt, dass das gute alte egoistische Dribbling nicht auch Wirkung haben kann. Das war schon in den Vorgängern so und wird in der 2019er Variante von PES noch deutlicher.

Die Fußballer bekommen jetzt Krämpfe

Denn Konami hat die Ballführung nochmal verfeinert; der Spieler spürt, wen er da am Controller hat. Ein technisch brillanter, flinker Spieler wie Leon Bailey scheint überall und nirgends zu sein und sich auch noch im größten Fußgehakel durchzusetzen. Der brasilianische Mittelfeldspieler Casemiro dagegen scheint sich im Vergleich über den Platz zu schleppen. Durch seine Physis entscheidet er aber auch eher gewagte Tacklings für sich. In "PES 2019" hinzugekommen sind elf neue Fähigkeiten für die einzelnen Spieler, darunter etwa der blinde Pass, mit dem sich Abwehrreihen leichter überspielen lassen.

Solche Pässe werden aber immer unwahrscheinlicher, je länger ein Spiel dauert. Denn wie viel Ausdauer einzelne Mitglieder des eigenen Teams noch haben, spürt man vor der Konsole neuerdings direkt. Gegen Ende einer Partie machen Spieler schon einmal Pausen, bekommen Krämpfe und sprinten nicht mehr ganz so schnell. Es ist wichtig, die neue, nützliche Schnellwechsel-Funktion zu nutzen, die sich Konami von "Fifa" abgeschaut hat: Anstatt extra ins Taktik-Menü gehen zu müssen, kann der Spieler jetzt während der Wiederholungen mit drei Knopfdrücken wechseln.

Insgesamt setzt sich "PES 2019" im Vergleich zum aktuellen "Fifa" wieder einmal durch - solange es nur ums Gameplay geht. Aber der Markt der Fußballspiele scheint sich aus Sicht eines deutschen Fans wie der echte Fußballmarkt zu entwickeln. Die Großen werden immer größer und mit jeder neuen Saison und jedem neuen Deal zementieren sie ihren Vorsprung. Nach zehn Jahren hat Konami diesmal die Exklusivrechte an allen Uefa-Wettbewerben verloren. Sie gingen, natürlich, an "Fifa". Das ist beim Egal-Wettbewerb Super Cup ohne weitere Bedeutung, richtig weh tut es aber bei der Champions League. Es gibt zwar noch einen "Internationalen Meisterpokal", der aber muss ohne die ikonische Hymne auskommen, ohne den Henkelpott und ohne viele wichtige deutsche Teams.

Borussia Dortmund hätte wie in "PES 2018" wieder mit dabei sein sollen, der Verein kündigte im Sommer aber den Vertrag mit Konami und wechselte zu "Fifa", das sich in Deutschland seit Jahren um ein Vielfaches mehr verkauft als "PES". Schöne Pointe: Vier Tage später präsentierten die Japaner einen neuen Vertrag mit Dortmunds Erzrivalen Schalke 04. Dessen Veltins-Arena taucht nun fast 1:1 im Spiel auf. Und selbst Fans der Schwarz-Gelben werden eingestehen müssen: Das Auflaufen durch den berühmten Spielertunnel, der einer Kohlemine nachempfunden ist, hat schon was.

Für Fans des FC Ural Jekaterinburg

Neben den Gelsenkirchenern kickt aus der Bundesliga nur noch Bayer 04 Leverkusen mit. Zwar hat Konami neun neue Ligen ins Spiel geholt, aber wessen Herz nicht an Vereinen wie Sønderjysk Elitesport aus Dänemark oder dem FC Ural Jekaterinburg aus Russland hängt, kann damit wenig anfangen. Es bleibt wieder auf die treuen Fans der Serie zu hoffen, die mit selbst gebastelten Patches die fehlenden Lizenzen ersetzen. Diese Patches aus dem Internet einzuspielen, ist auf dem PC ein Klacks, auf der Playstation 4 machbar, aber auf der Xbox One unmöglich.

In diesem Jahr gibt es auch noch eine andere Premiere: Zum ersten Mal dürften PC-Spieler das schönere "PES" bekommen. Jahrelang sah die Computer-Version wie eine abgefilmte Raubkopie der Konsolen-Reihe aus. Im vergangenen Jahr machte die PC-Version dann einen deutlichen Satz nach vorne, aus dem jetzt zumindest in den höchsten Detailstufen ein sichtbarer Vorsprung geworden ist.

Das Menü im Spiel hat Konami überarbeitet, es wirkt ein bisschen aufgeräumter, aber bieder wie eh und je. Außerdem soll es einen komplett überarbeiteten MyClub-Modus geben. Anstatt per Losglück neue Spieler zu bekommen, soll es jetzt ganze Pakete an Neuzugängen geben. In unserem Test waren die Server für MyClub noch nicht geschaltet, deswegen konnten wir das nicht ausprobieren.

Ronaldo zum Schnäppchenpreis

Im Modus "Meisterliga", in dem man ein Team durch mehrere Saisons führen kann, sind unter anderem die Transferverhandlungen überarbeitet worden, wobei die Summen, die dort aufgerufen werden, nach wie vor nicht all zu nah an der Wirklichkeit sind. Cristiano Ronaldo etwa ist mit etwas Geschick für 50 Millionen zu haben. Davon träumen sie in Turin.

Schlussendlich macht das neue "PES" auch ohne die Lizenzen für die großen Turniere und Ligen in Europa Spaß, gerade im Multiplayer. Dort belohnt es Dribbler, Taktiktüftler und Tackle-Meister, dort belohnt es das schöne Spiel. Und das ist doch das, was alle in Deutschland sehen wollen.

"PES 2019" von Konami. Für Playstation 4, Xbox One und PC; 50 bis 60 Euro

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