"Red Dead Online" im Test Die wollen doch nur schießen

"Red Dead Online" soll Gamer zusammenführen - in der fantastischen Spielewelt von "Red Dead Redemption II". Doch der Selbstversuch zeigt: Echte Menschen scheinen das Gefüge dieser Welt zu stören.

Rockstar

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Meine Zeit in "Red Dead Online" lässt sich in einer Szene zusammenfassen. Vor mir stürzt ein Spieler mit seinem Pferd in einen Graben, er wird vom Sattel gerissen, das Pferd ist dahin. Dann kommt sein Kumpan angeritten. Der Gestürzte steigt mit auf sein Pferd, beide wollen davonreiten, als sie mich entdecken. Ich bin ein Zuschauer, der ob dieses Teamworks etwas entrückt ist, bis einer der beiden absteigt, mich fesselt und dann erschießt. In meinem Leichtsinn hatte ich kurz gedacht, ich könnte helfen.

"Red Dead Redemption II", erschienen Ende Oktober, ist ein besonderes Spiel für mich. Eines, das sich Zeit und Raum nimmt, diese auskostet, sich darin verliert. Es ist ein Spiel, dessen Hauptcharakter eigentlich die virtuelle Western-Welt ist, dieses organische Wesen, das atmet und wächst - mit mir als Spieler. Mit "Red Dead Online" hat "Red Dead Redemption II" jetzt per Patch einen Onlinemodus dazubekommen.

Es ist nicht notwendig, das eigentliche Spiel, die Einzelspieler-Erfahrung, erlebt oder gar durchgespielt zu haben. Die Onlinewelt stellt sich noch mal neu vor, sie hat eine eigene Narration, die sich lose durch sie zieht. Die Mechanismen werden noch mal erklärt: So reitest du, so schießt du - so überlebst du.

"GTA Online" als Vorbild

Die Entwickler von Rockstar Games werden sich von diesem Modus einiges versprechen. Schließlich ist der Onlineableger ihres letzten großen Spiels "Grand Theft Auto V" ("GTA V") einer der Gründe, wieso sich jener Titel noch immer so oft verkauft, wieso das Unternehmen so viel Geld mit dem fünften Teil der Reihe macht.

Der Erfolg von "GTA Online" mit ähnlichen Optionen dürfte auch erklären, wieso es in "Red Dead Online" ebenfalls reichlich Möglichkeiten gibt, echtes Geld auszugeben. Wer sich Online-Goldbarren beschafft, kann damit virtuelle Gegenstände kaufen.

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"Red Dead Online": Das ist "Red Dead Online"

"Red Dead Online" bietet neben der beeindruckenden offenen Spielwelt aus "Red Dead Redemption II", die der Spieler nach wie vor frei erkunden kann, auch einzeln anwählbare Spielmodi. "Make it count" etwa bedient sich ordentlich beim "Battle Royale"-Trend rund um Spiele wie "Fortnite" und "PUBG".

Bis zu 32 Spieler treten hier gegeneinander an, ausgestattet mit Wurfmessern oder Bogen. Wer am Ende als Einziger überlebt, hat gewonnen. In "Hostile Territory" gilt es, Zonen des Spielfelds einzunehmen und zu halten. "Most Wanted" lässt den Spieler gewinnen, der am Ende einer Runde die meisten Abschüsse geschafft hat.

Es sind altbewährte Multiplayer-Modi, die auch in "Red Dead Online" Spaß machen und sicherlich auch noch ausgebaut werden - handelt es sich beim ganzen Onlinemodus doch ausdrücklich noch um eine Beta.

Alles erschießen, was sich nähert

Doch der eigentliche Reiz eines "Red Dead Online" ist für mich freilich erneut die Spielwelt, erst recht, weil ich erleben will, was die vielen Spieler darin wohl anstellen. Nach einigen Stunden jedoch, letztlich sind es 15, freue ich mich über jeden vom Computer gesteuerten Charakter, der mir begegnet.

Im "Free Roam"-Modus laufe ich durch diese Gegend, die mir aus dem Singleplayer noch so gut bekannt ist. Durch die Wildnis, die sich langsam der Zivilisation unterwirft. Durch diese Welt, die den Spieler auch emanzipieren möchte, nach dem Motto: Probiere aus, was möglich ist.

Diese Steppen durchziehen nun Onlinestrukturen und mit ihnen Spieler, die oftmals weniger menschlich wirken als die Computer-Charaktere. Denn während Letztere darauf programmiert sind, in dieser Welt zu leben, sich ihren Umständen entsprechend zu benehmen, fällt den meisten der vermeintlich emanzipierten Spieler nur eines ein: alles zu erschießen, was sich nähert.

Tot auf dem Pferd

Auch in der offenen Spielwelt gibt es die Möglichkeit, den Multiplayer-Matches beizutreten. So gibt es etwa Punkte, an denen man an Pferderennen teilnehmen kann. Oft ende ich dabei als schlaffer, erschossener Körper auf dem Rücken meines Pferdes. Jenseits solcher Minispiele werde ich gern mal getötet, während ich mit einem computergesteuerten Charakter kommuniziere. Auf der Karte checke ich daher bald ständig die roten Punkte, die andere Spieler anzeigen.

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Wild-West-Epos: Das ist "Red Dead Redemption II"

Spielen ohne Illusion

In anderen Onlinegames funktioniert das Zusammenspiel von spiel-inhärenten Regeln und dem Verhalten der Spieler besser. Etwa, wenn sich Fremde in Survival-Spielen zusammentun und aufteilen, nach dem Prinzip: Du bist für die Verteidigung, du für den Bau der Unterkunft, du für die Beschaffung des Essens zuständig.

Oder wenn in der "Dark Souls"-Reihe ein Spieler die Welt eines anderen betritt, um diesen herauszufordern. In den meisten Fällen verbeugen sich beide, bevor sie den Kampf beginnen. Sie handeln in dem Wissen, dass sie ein Spiel spielen, das nicht bei der Beherrschung der Steuerung endet, sondern das eine Illusion mit Regeln geschaffen hat. Sie wissen, dass sie ein Spiel spielen, dass nur gelungen bleibt, wenn alle diese Illusion aufrecht erhalten.

In "Red Dead Online" ist diese Illusion zumindest für mich zu schnell gestorben. Plötzlich wirkt diese Welt doch wie eine Kulisse. Die meisten Menschen, die sie durch ihre Internetleitungen betreten und in Beschlag genommen haben, wollen anscheinend kein "als ob", sie wollen ein Rollenspiel mit klaren Rollen: Ich schieße, du wirst erschossen.

Mehr Spaß macht "Red Dead Online" immerhin, wenn man mit Freunden als Gruppe spielt. Wenn jedes Bandenmitglied seine Rolle erfüllt, wenn die Gruppe sich eigene Regeln ausdenkt. Aber auch hier sind es die anderen Spieler, die die Grenzen aufweisen: Das Gruppen-Rollenspiel endet da, wo die eigenen Regeln durch andere gebrochen werden. Dann kann auch hier, Schuss um Schuss, der Spaß schnell ein Ende haben.



insgesamt 28 Beiträge
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c124048 10.12.2018
1.
Ich habe vor langer Zeit aufgehört, irgendwelche "Rollenspiele" zu spielen, die ein Zwangs-PVP haben. Wenn ich dem PVP zustimmen kann, gehts noch. Das Problem ist einfach: Es gibt kaum noch richtige Rollenspieler, die die virtuellen Regeln einhalten und wissen, was sie tun. Stattdessen sind diese Welten voll mit (digitalen/virtuellen) Unsozialen, die ihre Komplexe am Rechner ausleben. Wenn dann das Spiel kein Korrektiv dagegen setzt, endet das Spiel meist (zu Recht) in der digitalen Bedeutungslosigkeit. Dazu kommt noch, dass "heutzutage" zu viele Kinder und Jugendliche spielen, denen das Spiel selbst eigentlich ziemlich egal ist, und denen es nur um schnelle Erfolge und Demütigung oder Behinderung des Mitspielers geht.
monoman 10.12.2018
2. GTA aufm Pferd
Ich hab auf dem Nerdsender Rocket Beans TV mal zwei längere let's play Sitzungen dieses Spiels mitangesehen, bei denen jeweils eine Bande aus vier Spielern irgendwelche Missionen spielte. Dort schienen auch unerklärliche Todesfälle auf Interferenzen mit anderen Onlinegamern zurückzuführen gewesen zu sein. Das ganze läuft ja bisher als Betaversion und ist vermutlich noch verbesserungsfähig. Mich als Zuschauer hat aber vielmehr die ästhetische Umsetzung des Spiels beeindruckt, die schönen Landschaften mit ihrem endlosen Detailreichtum oder der Realismus der Bewegungen der Spielfiguren. Einer von den Raketenbohnen meinte dann auch, das sei wie GTA aufm Pferd ...
Zäsus 10.12.2018
3. Frustriert PS4 runtergefahren
Gestern war es mal wieder soweit: Ich bin einfach zu schlecht für RDO, abgebrochen, PS aus, Feierabend. Für Solospieler ist das online nix, die Spielwelt ist abgespeckter und trister, man wird ständig über den Haufen geschossen. Mit ein paar Freunden könnte ich mir das vorstellen. Aber ohne private Lobby zur Zeit ein "GIT GUD"-Massaker.
kroganer 10.12.2018
4. Was will man erwarten!
So wie im wirklichen Leben, jeder kümmert sich um seinen eigenen Kram, erst schießen/stechen dann brauch man auch nicht mehr reden, denn darin sind die meisten dann Ja unterlegen! Ich spiele seit 30 Jahren Computerspiele, die Entwicklung der Open world massiv Multiplayer Geschichte fand ich anfangs interessant, aber letztlich ist es ein Zufluchtsort für Soziopathen die dort ihre Krankheit ausleben können! Ja ich weiß es sind nicht alle so, aber der Autor des Artikels hat es schon so beschrieben, irgendwann wird es die gemäßigten nicht mehr geben und dann gibt es nur noch die verrückten!
fr3ih3it 10.12.2018
5.
Ich kenne das Problem, welches der Autor sehr zutreffend beschreibt. Deshalb habe ich mich auch von GTA Online fern gehalten. Nur ist es dort so gewesen, dass Rockstar irgendwann neue Fahrzeuge usw. nur für den Online Modus und nicht mehr für die Offline Welt zur Verfügung stellte. Ich sollte so zu sagen gezwungen werden. Schade, denn eigentlich war das immer eine der Kernkompetenz der GTA Spiele. Offline eine schön simulierte Welt zu durchleben. Bleibt nur zu hoffen, dass es bei Red Dead anders verlaufen wird. Denn auf die vielen Kidis die einen einfach nur blöd abknallen und den Zwang irgendwann echtes Geld zu investieren um Neuerungen zu erhalten, habe ich keine Lust.
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