"Red Dead Redemption II" Sozialismus im Spätwestern

Nach vielen Verzögerungen erscheint, von den Fans sehnlichst erwartet, der zweite Teil des Western-Videospiels "Red Dead Redemption". Wird es dem Hype gerecht? Unsere Autoren sind nicht ganz einer Meinung.

Rockstar Games

Von und


***Spoilerwarnung: In diesem Text über das Spiel "Red Dead Redemption II" stehen einige Dinge über das Spiel "Red Dead Redemption II". Wenn Sie nichts über das Spiel erfahren wollen, lesen Sie den Text lieber nicht. ***

Mehr als acht Jahre ist es her, dass den "Grand Theft Auto"-Machern von Rockstar Games mit "Red Dead Redemption" etwas Außergewöhnliches gelang: Die Wiederbelebung des Western-Genres, das an den Kinokassen schon lange als Gift gilt. Und zwar in Form eines Videospiels.

"Red Dead Redemption" war ein Meilenstein, ein Spätwestern zum Spielen, vielfach preisgekrönt, mindestens 15 Millionen Mal verkauft. Bis heute taucht es immer wieder in Listen mit den "Besten Spielen aller Zeiten" auf.

Jetzt erst ist Rockstar Games mit dem Nachfolger fertig geworden. Der ist, wie es heutzutage Mode ist, eigentlich ein Vorgänger, ein Prequel. John Marston, Protagonist des ursprünglichen "Red Dead Redemption", das im Jahr 1911 spielt, ist dieses Mal nur eine Nebenfigur, ein Teil der Geschichte einer der letzten Outlaw-Gangs, angeführt von dem charismatischen Dutch van der Linde.

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"Red Dead Redemption II": Der Wilde Westen sah nie besser aus

Der Protagonist des neuen Spiels ist so etwas wie van der Lindes rechte Hand, ein grummeliger Revolverheld namens Arthur Morgan. Im Jahr 1899 ist das Ende des alten, eben doch noch ein bisschen wilden Westens schon deutlich zu spüren, auch für die Gesetzlosen selbst. Die Bande ist eine Art protosozialistisches Kollektiv auf dem Rückzug, eine von van der Linde im Laufe vieler Jahre gesammelte Truppe von Ausgestoßenen, Verwirrten, Verlassenen, Säufern und Nichtsnutzen.

Nicht alle sind weiß, und viele sind nicht männlich, und natürlich spiegelt das Spiel, das ist ein Markenzeichen von Rockstars Chef-Autor Dan Houser, heutige soziale und gesellschaftliche Debatten. Es geht - neben Überfällen auf Banken und Züge, Viehdiebstahl und vielen Schießereien - um Frauenrechte, Rassismus, die rücksichtslose Ausbeutung von Natur und Menschen, und um die Frage, wer bei alledem eigentlich Macht über wen ausübt.

Carsten Görig und Christian Stöcker haben schon viele Stunden mit "Red Dead Redemption II" (RDR II) verbracht und sind zu durchaus unterschiedlichen Schlüssen gekommen. Kann das Spiel mit seinem Vorgänger mithalten? Ein Streitgespräch.

Christian Stöcker: Hallo Carsten, wie weit bist Du denn mit RDR II und wie gefällt es dir bis jetzt?

Carsten Görig: Ich bin gestern Abend in einer Großstadt angekommen, die mitten in den Sümpfen liegt. Sie heißt zwar nicht New Orleans, sieht aber sehr danach aus. Damit bin ich im vierten Kapitel angekommen und habe knapp 40 Prozent geschafft. Langsam gewöhne ich mich an die Geschwindigkeit des Spiels. Anfangs war ich über lange Strecken eher genervt.

Christian Stöcker: Genervt? Wieso das denn?

Carsten Görig: Das Spiel ist groß. Sehr groß. Zum Glück ist man nicht zu Fuß unterwegs. Leider gab es damals noch keine Autos, weshalb man weite Strecken per Pferd zurücklegt. Das ist auf Dauer langweilig. Dazu kommt, dass gerade die Landschaft in den ersten Kapiteln eher öde ist. Fünf Minuten durch eine wenig bewachsene Prärie zu reiten, nur um dort ein paar Banditen zu erschießen und danach wieder fünf Minuten zurückzureiten, ist nur begrenzt spannend.

Christian Stöcker: Stimmt schon, man verbringt sehr viel Zeit zu Pferd, und manchmal sind die Strecken, die man zurücklegen muss, arg lang. Aber ich finde das geradezu meditativ und auch ein bisschen subversiv: Normalerweise zeichnen sich Videospiele ja eher dadurch aus, dass sie ein Gefühl permanenter Hektik erzeugen. Selbst, wenn in Wahrheit gar kein Zeitdruck herrscht. RDR II ist sozusagen Entschleunigung zum Spielen - und ich finde die Landschaften im Spiel ausgesprochen hübsch! Manchmal wallt Nebel durch die Sümpfe, das Morgenrot glüht am Himmel, und überall begegnet man wunderschön animierten Tieren, vom Karnickel bis zum Elch. Ich habe schon sehr viel mehr Zeit als geplant mit Jagen verbracht...

Carsten Görig: Aber das ist doch nicht Entschleunigung, sondern Arbeit! Ich soll Tiere jagen, damit meine Gang etwas zu essen hat. Ich muss Felle besorgen, damit das Lager hübscher aussieht, ich soll Kleinigkeiten besorgen. Und muss mich um meine Gesundheit und um die meines Pferdes kümmern. Das ist nicht nur Arbeit, sondern auch extrem unübersichtlich im Management der einzelnen Elemente. Zudem scheine ich der Einzige zu sein, der in die Lagerkasse einzahlt, aus der Vorräte, Munition und bessere Zelte finanziert werden.

Christian Stöcker: Das Gefühl habe ich allerdings auch. Irgendwie scheint dieses Kollektiv sehr ungleichmäßig finanziert zu sein. Ich habe aber den Verdacht, dass das Absicht ist und womöglich sogar später noch eine Rolle spielt. Ich finde auch den großen Anführer Dutch van der Linde ziemlich suspekt. Der wird von allen als Übervater akzeptiert, obwohl er hauptsächlich herumhängt und Aufgaben verteilt. Ich bin sehr gespannt, wo die Geschichte noch hingeht.

Carsten Görig: Wäre ja auch ziemlich langweilig, wenn er die ganze Arbeit machen würde. Die Geschichte nimmt im dritten und vierten Kapitel langsam Fahrt auf. Brüche in der Gruppe werden deutlicher, es wird klar, dass die Gang halt doch kein Kollektiv ist, sondern eine Gruppe von Leuten, die sehr persönliche Motive haben. Van der Linde finde ich interessant, weil er einer Urform des amerikanischen Traums nachhängt, in der alle gleich und gleich willkommen sind. Woran man sich ja gerade heute mal wieder erinnern könnte.

Christian Stöcker: Ich finde die Figuren auch interessant. Man ist ja von Rockstar gewohnt, dass da eine Menge Arbeit investiert wird - in diesem Fall übrigens sogar so viel, dass es mal wieder eine Debatte über die Arbeitsbedingungen in der Branche ausgelöst hat. Wenn man den Vorgänger "Red Dead Redemption”" gespielt hat, weiß man ja außerdem, dass das Ganze irgendwie auf eine Katastrophe zusteuern muss. Immerhin beginnt John Marston dieses Spiel als gebrochener Mann mit einem gewaltigen schlechten Gewissen. Dieses Warten aufs angekündigte Unheil hat fast was von Brecht. Die Spannung bezieht sich auf den Gang der Handlung, nicht auf den Ausgang. Aber noch mal zurück zum Ausgangspunkt, du meintest ja, das Spiel habe dich anfangs eher genervt. Spielst du es denn zu Ende?

Carsten Görig: Natürlich! Spätestens, wenn sich die Gegenden im Süden der Karte öffnen, man in den Sümpfen Louisianas oder auf den Plantagen der Südstaaten unterwegs ist, wird das Spiel dichter und atmosphärischer. Dann schafft es das, was Rockstar-Spiele auszeichnet: Nämlich den Geist eines Ortes perfekt einzufangen. Ich vermute, dass der selbst gemachte Druck, bis zur Veröffentlichung des Spiels so viel wie möglich sehen zu wollen, zu meiner Genervtheit beigetragen hat. Jetzt freue ich mich darauf, mehr zu sehen, entspannter zu spielen und mir mehr Zeit zu lassen. RDR II ist trotz allem eines der Spiele, die in diesem und wahrscheinlich auch den nächsten Jahren zu Recht in den Bestenlisten stehen werden. Sofern es nicht zum Schluss hin komplett versagt.

Christian Stöcker: Das geht mir ähnlich. Vielleicht reden wir noch mal, wenn wir damit durch sind, hm?

Carsten Görig: Ich hoffe doch sehr!

"Red Dead Redemption II" von Rockstar Games, für Xbox One und Playstation 4, ab ca. 59,- Euro, keine Jugendfreigabe



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Southwest69 25.10.2018
1. Hype, nicht mit mir.
Ich war immer ein treuer Fan von Rockstar Games, hab schon GTA1 gespielt, aber bei RDR2 werd ich erst mal abwarten wie das spiel so ist und es mir vorher auf Youtube ansehen. Seit GTA5 Spieleinhalte unter unsagbar hohen Paywalls versteckt, um den Verkauf ihrer Sharkcards (ingame Geld) zu pushen, bin ich ziemlich verstimmt gegenüber Rockstars, weil sie es übertreiben. Dazu haben die aus GTA5 ein "dämliches Call of Duty" gemacht, mit noch dämlicheren Science-Fiction Inhalten (Deluxo, Opressor MK2 etc.). Was soll dann bei Red Dead Redemption DLC`s zu erwarten sein ? Raketenpferde ? Ich finde Nerds sollten Spiele programmieren können, sie aber nicht inhaltlich gestalten dürfen, dann kommt nicht so ein Mist wie bei GTA5 raus. Vielleicht werde ich mit dem Kauf warten, bis das Spiel günstiger zu haben ist, der Hype geht jedenfalls väöllig an mir vorbei.
basti1.0 25.10.2018
2. Im Ernst?
@ Southwest69: GTA 5 als Mist zu bezeichnen ist schon ein hartes Statement, aber gut... Dann wird RDR2 wahrscheinlich nichts für dich sein. Grüße
kain.klarname 25.10.2018
3. Yes!
Wenn die AI so funktioniert, wie die internationalen Gametester es beschrieben haben, steht hier eine Revolution ins Haus!
jojack 25.10.2018
4. Hoffentlich eine Übertreibung
Ich hoffe inständig, dass Rockstar eben keine Diversity- und SJW-Themen in RDR2 eingebaut hat. Nichts gegen ein paar Indianer - aber bitte keine anklagende Sozialkritik. Zuletzt gab es immer mehr AAA-Spiele, die diese Ideologien ihren (zu 90% männlichen) Spielern mit der Holzhammer-Methode einflößen wollten. Das Ergebnis waren dann kommerzielle Desaster wie "Mass Effect Andromeda" oder groteske Peinlichkeiten wie das kommende "Battlefield V".
cosmose 25.10.2018
5.
Im Juni bereits vorbestellt und laut Sendungsverfolgung soll es heute schon zugestellt werden. Jetzt brauche ich nur noch Feierabend, und muss den morgigen Tag im Büro rumkriegen. Das Wochenende kann kommen! GTA V lässt sich übrigens auch prima ohne SharkCards spielen. Sie müssen allerdings viel Zeit investieren. Ich empfehle einen MC mit Koks- und Grasplantage und einen Nachtclub der die Güter einsammelt. Dazu einen Bunker und die entsprechenden Heists...
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