"Riot: Civil Unrest" Spiel die Straßenschlacht!

Die Besetzung des Tahrir-Platzes in Kairo, Demonstrationen in Spanien, die Räumung eines Protestlagers in Italien: In "Riot: Civil Unrest" werden Straßenschlachten zum Videospiel - mit ernstem Hintergrund.

Spiel "Riot: Civil Unrest": Molotowcocktails, Feuerwerk und Barrikaden
IV Productions

Spiel "Riot: Civil Unrest": Molotowcocktails, Feuerwerk und Barrikaden

Von und Michael Förtsch


Die Demonstranten sind nicht mehr friedlich. Sie werfen Molotowcocktails auf Polizisten. Die Beamten reagieren. Mit Vorstößen in die Menschenmenge, in Gruppen, gepanzert, mit Schlagstöcken und Wasserwerfern. Gesteuert werden die Beamten oder die Demonstranten vom Sofa aus - in "Riot: Civil Unrest", einem Spiel, das im Sommer 2015 zunächst für den PC, später auch für iOS-Geräte erscheinen soll. Gewalttätige Unruhen als Videospiel - eine weitere simple Provokation dieser an Geschmacklosigkeiten nicht eben armen Branche?

Ganz so einfach wollte es sich das junge italienische Fünf-Mann-Studio IV Productions anscheinend nicht machen. "Nachdem ich einige Aufstände aus erster Hand miterlebt hatte, fühlte ich, dass ich etwas tun muss, um all diese Erfahrungen auch für andere irgendwie greifbar zu machen", sagt Leonard Menchiari, 27, Chefentwickler von "Riot". "Ich wollte verdeutlichen, dass diese Dinge passieren, und sie dabei aus einem übergreifenden Blickwinkel zeigen."

In TV-Nachrichten und in YouTube-Clips sei stets nur ein zeitlich und optisch äußerst eingeschränkter Ausschnitt zu sehen, nicht aber die Dynamik der riesigen Massen oder die Eskalationsmomente.

Straßenschlacht als Videospiel: Szene aus "Riot: Civil Unrest".

Die vier Kampagnen von "Riot: Civil Unrest" beleuchten reale Aufstände. Unter anderem die "Indignados"-Bewegung aus Spanien, die von 2011 bis 2012 gegen den politischen Umgang mit der Finanzkrise und für mehr Demokratie protestierte. Am 27. Mai 2011 kam es dabei an der Plaça de Catalunya in Barcelona zu heftigen Gefechten zwischen Polizei und Demonstranten.

Gesteuert und gespielt wird "Riot" auf simple Weise: Aus der Vogelperspektive blickt man auf das Geschehen. Ein Klick auf eingeblendete Schaltflächen lässt die Menschenmenge vorrücken, aggressiv oder defensiv agieren und Molotowcocktails werfen. Bei der Polizei können kleine Truppen vorgeschickt, Schlagstöcke gezückt, Verhaftungen durchgeführt und Verstärkung wie etwa ein Wasserwerfer angefordert werden.

Das Spielziel ist über alle Kampagnen und freigespielte Karten hinweg das gleiche. "Du musst einen Platz einnehmen und halten, oder diesen räumen und dabei deine Leute schützen", erklärt Chefentwickler Leonard Menchiari. "Dabei wird jede Aktion alles andere beeinflussen. Was auch immer du tust, das Resultat ist die pure Eskalation oder eine sauber kontrollierbare Situation."

Die gewollt pixelige und minimalistische Grafik ist von "Superbrothers: Sword & Sworcery EP" inspiriert, einem audiovisuellen Abenteuer für iPhone, iPad und PC. Jedoch hat der Pixel-Look auch einen Sinn. Er soll den Blick auf die Details verweigern und den Spieler dafür das große Ganze erfahren lassen. "Wir wollen den Fokus auf die Erfahrung lenken, nicht auf die Grafik", sagt Menchiari.

Gelegentlich soll "Riot" jedoch auch die Geschichten einzelner realer Personen erzählen, die in bestimmten Szenen des Geschehens oder Zwischensequenzen auftreten. "Wir bekamen so viele Geschichten von so vielen Menschen zu hören", beschreibt Leonard Menchiari. "Einige Momente im Spiel geben ihre spezifischen Erlebnisse wieder."

Abseits der vier Kampagnen wird es einen Editor geben, mit dem die Spieler eigene Szenarien bauen und zum Download freigeben können. Schon jetzt rechnen die Macher fest damit, dass sich hier viele Nutzer kreativ betätigen und etwa die Aufstände von Baltimore, Ferguson oder die Räumung des Gezi-Parks nachstellen werden. Ein Wertungssystem soll es dabei erlauben, die Authentizität der von Spieler erstellten Levels zu gewichten.

Ein Videospiel über Aufstände und Demonstrationen, das könnte einigen Politikern, Polizeivertretern oder Regimen bitter aufstoßen. "Es kann gut sein, dass manch einer dies als Bedrohung oder Propaganda sieht", weiß auch Leonard Menchiari. "Aber das ist nichts, worum wir uns wirklich sorgen." Die Entwickler wollen mit ihrer Indie-Produktion zum Nachdenken anregen – und nehmen dafür auch ein mögliches Verbot des Spiels in Kauf.

In "Riot" wird es keine frei erfundenen Szenarien geben, seine vier Kampagnen orientieren sich an realen Ausschreitungen rund um den Globus: Die Besetzung des Tahrir-Platzes in Ägypten von 2011, die Straßenschlacht um eine Deponie in Keratea in Griechenland im Jahr 2010, die Bewegung der "Empörten" in Spanien von vor drei Jahren und die Revolte der Protestbewegung No-TAV gegen eine Hochgeschwindigkeitsbahntrasse in Italien, in die Menchiari hineingeriet. "Ich sprach mit Menschen, die die Aufstände in den anderen Ländern mitgemacht hatten. Ich fragte, wie sie die Situation erlebten", erörtert der Entwickler. "Ich konnte außerdem mit einigen Polizisten reden, um ihre Sicht der Dinge zu erfahren."

Bei "Riot" wollen sich die Entwickler bewusst nicht auf eine Seite schlagen, Schwarz-Weiß-Denken sei nicht ihre Sache, sagen sie. Ob auf dem virtuellen Tahrir-Platz oder in den Straßen von Turin, die Auseinandersetzung lässt sich stets von beiden Seiten und damit auf grundverschiedene Weise erfahren. Der Spieler steuert die Demonstranten als eine homogene Masse, deren Aktionen und Gemütszustand mithilfe simpler Bedienelemente beeinflusst werden. "Du kannst sie vorschicken, anheizen oder beruhigen, und Orte, was letztlich stets das Ziel ist, gewaltsam oder gewaltfrei einnehmen und halten", sagt Menchiari. Molotowcocktails, Feuerwerk und Barrikaden können als Werkzeuge eingesetzt werden.

Die Macht der Masse

"Die Polizeikräfte können dagegen taktisch vorgehen", erläutert der Italiener. "Sie lassen sich kleinteilig navigieren und können spezifische Gegenmaßnahmen ausführen." Prügelattacken, Wasserwerfer, Rauchgranaten oder auch scharfe Munition gehören hier zum Arsenal.

Aber egal, welche Fraktion am Zug ist, jede einzelne Spielfigur soll eine "individuelle Intelligenz" besitzen. Sie kann etwa mit Flucht oder Angriff auf den sich entfaltenden Mob reagieren. Dadurch habe auch die Menschenmasse eine Eigendynamik, die sich wie bei realen Aufständen plötzlich unkontrollierbar Bahn brechen kann.

"Jede Person beeinflusst alle um sie herum", beschreibt Menchiari die Mechanik, der Standardwerke zu Gruppendynamik und Protestkultur zugrunde liegen. "Je nach Land und Gebaren der Polizei kann die Grundstimmung friedfertiger oder gewaltbereiter sein."

Der offizielle Trailer zum Spiel, den es bereits gibt, wirkt allerdings zunächst einmal weniger unparteiisch, als Menchiari das Spiel im Gespräch darstellt. "Korruption, Verbrechen und Macht haben eine ganze Generation unterdrückt", heißt es darin, "nach einem langen Kampf haben viele ihre Träume begraben, andere kämpfen weiter für eine neue Zukunft." Der Trailer endet mit dem Aufruf, sich "der Revolution anzuschließen".

Trotz des revolutionären Gestus aber wirkt "Riot" darin mit seiner pixeligen Grafik fast schon drollig.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
susybntp11-spiegel 26.05.2015
1. Wats App usw.,
...sind doch was die Datensicherung betrifft noch viel schlimmer als so eine E-Mail. Wer Wats Appt, der kann sich auch auf den Marktplatz stellen und die Hosen runter lassen, ist alles das gleiche.
--00-- 27.05.2015
2.
So was wird hier reviewt und ein gewisser AAA-Titel von vor einer Woche immer noch nicht...
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