"Rocket League" angespielt Hab ich, hab ich - oh, Mist!

Hinter "Rocket League" stecken US-Entwickler, trotzdem wirkt das Videospiel wie für den deutschen Markt erfunden. Denn was gibt es Schöneres, als mit Freunden Fußball zu spielen - mit Autos? Eine Würdigung.

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Es gibt Momente aus meiner Kindheit, die ich gehasst und deshalb verdrängt habe. Etwa das Gefühl, wie gerade ein hoher Ball aus der Luft auf mich zurast, sonntagmorgens als 14-jähriger Vorstopper auf dem Ascheplatz. Laufen und Tackeln konnte ich damals gut, Bälle aus der Luft erwischen nicht - was fatal war, da als Abwehrspieler jeder Fehler doppelt so viel Ärger macht wie eine vergebene Chance vorn.

In dieser Woche, viele Jahre nach meinem Karriereende, ist dieser Respekt, diese Angst vor dem mir zufliegenden Ball zurück, der Mix aus Nervenkitzel und Überforderung. Der große Unterschied ist, dass ich jetzt auf meiner Couch sitze und "Rocket League" spiele, ein Download-Spiel der US-Firma Psyonix, das kürzlich für die Playstation 4 und den PC erschienen ist.

"Rocket League" ist auf den ersten Blick ein simples Action-Sportspiel, in denen Teams von bis zu vier Spielern gegeneinander antreten, wahlweise online oder offline. In einer Handvoll Arenen wird Fußball gespielt - mit Autos. Anders als etwa bei Stefan Raabs Autoball-Events rasen hier ferngesteuerte Flitzer über den Platz, jeder Spieler lenkt einen. Eindrücke vom Spielgeschehen liefert unsere Fotostrecke.

Ein simples Spiel für Perfektionisten

Anstoß eines "Rocket League"-Spiels: Acht Autos, zwei Tore, ein Ball

Anstoß eines "Rocket League"-Spiels: Acht Autos, zwei Tore, ein Ball

Die Steuerung der Wagen ist absolut eingängig und grundsätzlich nicht kompliziert. Vom perfekt getimten Turbo-Booster-Einsatz bis zum Sprungschuss bietet das Spiel allerdings vieles, was man erst mit der Zeit beherrscht. Seine Fähigkeiten kann man im Trainingsmodus verbessern, außerdem stehen viele Replay-Videos im Netz, die zeigen, was Profis aus dem Spiel herausholen.

Eine echte Offenbarung ist der Multiplayer-Modus, der an zurückliegende Schlachten im Freundeskreis erinnert, in Spielen wie "Micro Machines 2" für den Super Nintendo. Bemerkenswert ist, dass das Spiel einen Splitscreen-Modus bietet, das heißt: Bis zu vier Spieler können sich von der Couch aus einen Bildschirm teilen. Und - noch eine fanfreundliche Funktion - online können Playstation-4-Spieler gegen PC-Spieler antreten.

Doch "Rocket League" ist mehr als ein Funracer. Schon in den ersten Internet-Partien merkt man, wie gut andere Spieler sind, zu welchen Paraden oder Sprungschüssen sie stets im richtigen Augenblick fähig sind. "Rocket League" hat seine eigenen Messis und Ronaldos.

Rollen verteilen statt im Chaos untergehen

Bei aller Bewunderung darf man nicht vergessen, dass man selbst über den Platz düst und wichtig ist. Gerade in Partien mit sechs oder acht Autos sollten die Teams einen Hauch von Taktik haben: Wer bleibt hinten, wer sichert die Torlinie ab? Wer lauert vor dem gegnerischen Tor? Es ergibt keinen Sinn, mit allen Autos gleichzeitig auf den Ball loszurasen, um dann zu realisieren, dass ein Gegner sowieso schneller ist.

Kampf vor der Torlinie: Auch die Replays der Spiele sind oft sehenswert

Kampf vor der Torlinie: Auch die Replays der Spiele sind oft sehenswert

Ich selbst spiele meistens als Verteidiger, genau wie damals auf dem Ascheplatz. Und wenn dann ein Ball in meine Richtung geflogen kommt, ist es wie früher: Alle schauen auf mich, Mitstreiter wie Gegner. Treffe ich das Ding, ist alles gut, ich bin für eine Sekunde der Held. Springe ich daneben, titscht der Ball auf und landet oft direkt in unserem Tor. Meine Mitspieler hassen mich, mindestens bis zur nächsten Aktion.

Glücksgefühle wie bei "Fifa"

Dadurch, dass jeder Fehler zählt und immer wieder Unvorhergesehenes passiert, spielt sich "Rocket League" wahnsinnig intensiv. Und das Gefühl, ein Tor zu schießen, ist mindestens so befriedigend wie in "Fifa" oder "Pro Evolution Soccer". "Rocket League" verlangt beim Abschluss jedenfalls deutlich mehr Können.

Kann man sich für das Konzept begeistern, sprechen nur zwei Dinge gegen das Spiel: Einerseits laufen die Server noch nicht wirklich stabil, immer wieder gibt es Verbindungsprobleme. Anderseits ist "Rocket League" bislang nicht sonderlich umfangreich. Es gibt zum Beispiel ausschließlich fünf Minuten dauernde Partien.

Den besten Grund, "Rocket League" zu spielen, haben derzeit Playstation-4-Besitzer mit einer Playstation-Plus-Mitgliedschaft: Sie bekommen das Spiel kostenlos, während von PC- und Konsolenspielern ohne das Online-Abo 20 Euro verlangt werden. Angesichts der vielen denkwürdigen Momente, die einem "Rocket League" beschert, ist aber auch das ein angemessener Preis.


"Rocket League" für Playstation 4 und PC, circa 20 Euro, für Playstation-Plus-Mitglieder derzeit kostenlos; USK: keine Angabe



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
fkrone 16.07.2015
1. naja
Genau das gab es afaik schon für lau als Unreal Tournament 2004 Mod namens DodgeBall wenn mich nicht alles täuscht.
dadram 16.07.2015
2.
Seitdem ich den Vorgänger auf der Ps3 eines Freundes gespielt hatte, wünschte ich mir eine Umsetzung für den PC. Nun hab ich das bislang beste Spiel des Jahres auf meiner Platte :)
cor 16.07.2015
3.
Zitat von fkroneGenau das gab es afaik schon für lau als Unreal Tournament 2004 Mod namens DodgeBall wenn mich nicht alles täuscht.
So etwas gab es schon lange vor UT. Allerdings in 2D... mir fällt aber gerade der Name nicht ein. Nichtsdestotrotz finde ich es wirklich schön, zu sehen, dass sich einige Entwickler endlich mal auf kurzweilige "Couchspiele" konzentrieren, bei denen man mal mit den Kumpels eine Runde bei einem Bier zocken kann. Diese Art von Spielen sind leider viel zu rar auf der PS4. Ich finde, es wird viel zu sehr auf online only konzentriert.
kein_gut_mensch 16.07.2015
4. Hammer
Hab es mir aus dem PS-Plus Angebot gesaugt und muss sagen: Das Spiel ist der Hammer und macht mal so richtig Laune. Ein richtig gutes Familienspiel ist es zudem auch noch. Richtig, richtig gutes Game.
Preppy 19.07.2015
5. Achtung: Macht absolut süchtig!
Ich habe das Spiel auf der PS4 noch nicht gespielt, aber ich kenne das Vorgänger-Spiel, das für die PS3 veröffentlicht wurde und den vielleicht längsten Namen aller Videospiele hat: "Supersonic Acrobatic Rocket-Powered Battle Cars". Im Gegensatz zum Vorgänger scheint man nur Details verändert zu haben, am zentralen Gameplay hingegen scheint sich nichts geändert zu haben. Schon der Vorgänger war jedenfalls absolut genial und süchtig machend, meiner Meinung nach eines der am meisten unterschätzten Spiele aller Zeiten. Mit einem Freund spiele ich es seit Jahren fast jedes Wochenende 1-2 Stunden lang, kein anderes Spiel habe ich in meinem Leben auch nur annähernd so viel gespielt wie dieses... Das schöne ist: Es wird nie langweil, obwohl es letztlich immer das gleiche Spiel ist! Denn es hat das Erfolgsrezept für Spiele mit Langzeitmotivation: Die Grundregeln sind schnell gelernt - aber um zu einem absoluten Meister zu werden, kann man jahrelang üben, üben, üben... Verblüfft bin ich allerdings, dass dieses Spiel plötzlich so ein Überraschungshit zu sein scheint und überall so begeistert aufgenommen wird - bei Steam ist oder war es offenbar sogar Platz 1! Denn vom Vorgänger scheint es sich jenseits etwas besserer Grafik kaum zu unterscheiden - und der Vorgänger war (für mich völlig unverständlich) nicht besonders erfolgreich, viele fanden das Spiel damals wohl als zu schwer.
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