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08. September 2018, 11:20 Uhr

Online-Rollenspiele in der "Conan"-Welt

"Die Sklaven kommen ja von sich aus"

Von Dominik Schott

Im Spiel "Conan Exiles" sollen Gamer eigentlich ums Überleben kämpfen. Doch einige schlüpfen lieber in die Rolle von Sklaven und Sklavenhaltern. Hier erzählen drei, warum.

Bei männlichen Charakteren lässt sich die Genitalgröße einstellen, bei weiblichen die der Brüste - und es gibt Treibjagden auf computergesteuerte Sklaven. Mit solchen Funktionen erregte das Online-Rollenspiel "Conan Exiles" zum Verkaufsstart im Januar 2017 Aufsehen. Zurecht, finden die Entwickler von Funcom. Sie sagen, all diese Dinge seien unverzichtbar für ein Spiel, das die unerbittliche und rohe Fantasy-Welt von Conan dem Barbaren nachstellen will.

Bis heute wurde "Conan Exiles" mehr als 1,4 Millionen Mal verkauft. Täglich kämpfen durchschnittlich zwischen 5000 und 15.000 Spieler um virtuelle Ländereien, Baugrundstücke für ihre Festungen und wertvolle Ressourcen.

Eine kleine Community von einigen tausend Spielern innerhalb dieses Spiel-Universums verfolgt allerdings andere Ziele: Sie betreibt ein Rollenspiel. Die Spieler schlüpfen in die Haut von Sklaven oder Sklavenhaltern, organisieren Treibjagden auf sich selbst oder treffen sich in selbstgebauten Erotik-Kerkern. Wir haben mit dreien dieser Rollenspieler gesprochen und erklären lassen, was sie im Spiel machen - und wieso.

Unterwürfigkeit macht Sklave Robert "geil"

Einer von ihnen ist der Literatur-Student Robert. Er hat bereits über 400 Spielstunden in der Welt von "Conan Exiles" verbracht - nicht auf den eigentlichen Servern, wo das Standardregelwerk des Spiels in Kraft ist, sondern auf einem inoffiziellen Server, der sich auf erotische Rollenspiele spezialisiert hat.

Jeder könne dort mitmachen, sagt Robert dem SPIEGEL, solange er oder sie die meist wenigen, aber sehr konkreten Verhaltensregeln respektiert: "Das Wichtigste ist, dass alle jederzeit in character bleiben, also sich so verhalten, wie es ihre Spielfigur in diesem Moment tun würde." Außerdem gelte: "Respekt vor anderen Spielern, keine Beschimpfungen oder Beleidigungen - außer, sie sind Teil des Rollenspiels."

Mehrmals pro Woche schlüpft Robert in die virtuelle Haut des Sklaven "Brig" und befolgt Befehle seines Besitzers, den ebenfalls ein Mensch steuert. "Meine Spielfigur trägt entweder nur einen Lendenschurz oder gar nichts, während ich meine zugeteilten Aufgaben erledige", sagt Robert.

Die Aufgaben, die Robert gestellt werden, haben selten einen anderen Zweck, als ihn virtuell zu erniedrigen: "Ich laufe so lange im Kreis um meinen Besitzer", sagt er, "oder ich starre auf eine Felswand, bis ich einen neuen Befehl bekomme." Manches Rollenspiel dauere Stunden.

Die gespielte Unterwürfigkeit ist für Robert ein erotisches, intimes Erlebnis. Dabei ist der 22-Jährige nicht an der wahren Identität seines Besitzers interessiert, im Gegenteil: Das Wissen, wer ihm da wirklich Befehle erteilt, würde die Illusion des Rollenspiels zerstören, sagt er.

Sklavin Natascha verarbeitet ihre traumatischen Erfahrungen

Auch Natascha verbringt als Sklavin viel Zeit in der Welt von "Conan Exiles". Hier inszeniere sie immer wieder die Gefangennahme sowie die anschließende Verschleppung ihrer Spielfigur in die Sklaverei, erzählt die 31-jährige Biologin - und ihre Befreiung. Dieses Schauspiel geschieht in enger, vorheriger Absprache mit anderen Spielern, die als Sklavenhalter auf den Servern unterwegs sind und die Natascha bei der Inszenierung unterstützen.

Hinter dem Schauspiel steckt bei ihr die Bewältigung einer traumatischen Erfahrung. "Ich wurde als Kind sexuell missbraucht und habe heute - Jahre später - festgestellt, dass mir diese Rollenspiele in 'Conan Exiles' emotional helfen", sagt sie. "Die sich immer wiederholende Geschichte meiner Spielfigur, die in Gefangenschaft gerät, sich aber immer wieder befreien kann. Das tröstet mich und gibt mir Kraft."

Gerade weil der Moment der Befreiung für ihre Spielfigur und sie selbst so wichtig ist, arbeitet Natascha bei der Vorbereitung des Schauspiels nur mit Sklavenhaltern zusammen, die sie bereits gut kennt.

Sklavenhalter Mitchell lernt gerne neue Menschen kennen

Mitchell ist einer der Sklavenhalter, die Spielern wie Natascha bei der Inszenierung einer Gefangennahme beiseite stehen. Für den 40-jährigen Kellner besteht der Reiz dieser Zusammenarbeit darin, neue Menschen kennenzulernen: "Jeder Mensch ist anders", sagt er, jeder wolle in der Spielwelt ein eigenes, ganz besonderes Abenteuer erleben. Es mache ihm "unheimlich viel Spaß", Menschen bei Planung dieser Abenteuer zu helfen und sie dabei kennenzulernen.

Dabei greift Mitchell auf seine über 25-jährige Erfahrung als Spielleiter einer Pen&Paper-Runde zurück, wo er Dutzende Geschichten und Storylines mit den Wünschen seiner Mitspieler vereinen musste. Moralische oder ethische Skrupel, einen Sklavenhalter zu spielen, der andere menschliche Spieler jagt und kurzzeitig besitzt, hat der 40-Jährige dabei nicht: "Die Sklaven kommen ja von sich aus zu mir und wünschen sich die Zusammenarbeit", sagt er.

Außerdem sagt Mitchell: "Jedem hier ist bewusst, dass das alles nur ein Spiel ist, auch wenn das für Außenstehende vielleicht seltsam klingt."

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