Serious Games: Spieler stürmen die Festung Europa

Von Julia Herrnböck

Flüchtling oder Grenzpolizist? In "Frontiers" erleben die Spieler den Alltag an den EU-Außengrenzen - aus beiden Perspektiven. Eine Künstlergruppe hat das schwierige Thema in einer Modifikation des beliebten Spiels "Half-Life 2" aufgearbeitet.

"Frontiers - You've reached the fortress Europe": Migrantenproblematik als 3-D-Spiel Zur Großansicht
frontiers-game.com

"Frontiers - You've reached the fortress Europe": Migrantenproblematik als 3-D-Spiel

Ein Flüchtling steht vor einem schier unüberwindbaren, sieben Meter hohen Wall an einer Außengrenze der Europäischen Union. So beginnt das Spiel " Frontiers", das aus zwei Perspektiven gespielt werden kann - als Flüchtling, der von Afrika oder der Ukraine in die EU vordringen will, oder als Grenzpolizist, der eben das verhindern soll.

"Frontiers - You've reached the fortress Europe" ist ein Spiel der Salzburger Künstlergruppe Gold extra. Frontier ist eine Modifikation des Spieleklassikers "Half-Life 2". Der Flüchtling muss sich verstecken, Wachen bestechen, untertauchen. Der Grenzpolizist hat die vermeintliche Wahl: lieber einen Warnschuss abfeuern oder gleich auf den flüchtenden Grenzgänger schießen?

Die Reaktionen von Jugendlichen auf das neue Spiel waren für Georg Hobmeier, einen der Köpfe hinter "Frontiers", erstaunlich: "Viele haben mir gesagt, es sei schwieriger zu töten, wenn man weiß, welche Menschen vor einem stehen. Ganz so, als würde die Unschuld der Gewalt in Computerspielen durch die politische Realität unterwandert."

Unethisches Verhalten wird nach dem Human Rights Index bestraft, um auch die Situation der Grenzbeamten zu veranschaulichen. Wird ein Flüchtling verletzt oder getötet, verliert das Land an Ansehen und die Punktezahl sinkt. "Frontiers" ist also nicht nur reiner Spielspaß für schießwütige Gamer, sondern unterliegt dem Konzept "Serious Games". So werden Spiele genannt, die nicht nur unterhalten, sondern auch Wissen oder Fähigkeiten vermitteln sollen.

So beispielsweise die Fähigkeit zur Empathie, wenn es in den Nachrichten wieder einen Bericht über Flüchtlinge vor den Grenzen in den spanischen Exklaven Ceuta oder Melilla gibt. Denn gefühlsmäßig "war man schon dort" und weiß, wie die Grenzwälle aussehen, wenn sie sich vor einem unbezwingbar emporheben. Die Festung Europa soll spürbar werden für diejenigen, die das Glück haben drin zu sein.

Ist es angemessen, das Schicksal Tausender Flüchtlinge in einem Computerspiel zu thematisieren, wenn so viele auf ihrem Weg, sich einen Platz im Wohlstand zu erkämpfen, mit Gewalt konfrontiert werden oder ertrinken? Julia Duchrow, Asylpolitik-Referentin von Amnesty International ist hin- und hergerissen: "Es ist auf jeden Fall ein sehr gutes Anliegen, das Thema interaktiv an junge Menschen heranzutragen." Allerdings ist die Aktivistin skeptisch, weil hier "eine traurige Gegebenheit, die viel Leid produziert, spielerisch gehandhabt" wird. Das könnte, so Durchrow "problematisch werden, wenn Jugendliche mit dem Spiel konfrontiert werden, die selbst eine traumatische Flucht erlebt haben".

Eine Zusammenarbeit würde sie nicht ablehnen, wünscht sich jedoch mehr Forschung, was mit solchen Medien erreicht werden kann.

20.000 Downloads des kostenlosen Spiels

Laut der Projektkoordinatorin Sonja Prlic von der Künstlergruppe war das Nachempfinden von Flüchtlingserlebnissen die wesentliche Motivation zur Entwicklung des Spiels. Man wollte neue Zielgruppen für politisch sensible Themen - wie Flucht und Migration in Europa - erreichen.

Das Team von Gold extra hat sich um anspruchsvolle Grafik ebenso bemüht, wie um eine möglichst realistische Umsetzung des Alltags von Flüchtlingen. Dafür ist das Team nach Ceuta und in die Flüchtlingslager an der Grenze der Ukraine zur Slowakei gefahren, um lebensnahe Eindrücke einzufangen. Sie haben mit Flüchtlingen über ihre oft jahrelangen Torturen quer durch Kontinente gesprochen, ebenso mit Flüchtlingshelfern und Polizisten der Grenzschutzorganisationen.

Es war nicht immer einfach Zugang zu den Anlagen zu bekommen, auf der marokkanischen Seite konnte man nur versteckt fotografieren. Ganz anders sei es hingegen in Spanien gewesen. "Dort war man richtiggehend stolz auf neue Wehranlagen, es gab sogar eine Pressesprecherin", sagt Prlic.

Mehr als 20.000 Gamer haben sich das kostenlose Spiel bislang heruntergeladen, "Frontiers" wurde am Goethe-Institut in Lissabon und im ZKM Medienmuseum in Karlsruhe gezeigt. Das nächste Projekt der Macher beschreibt Georg Hobmeier so: "Wir werden uns damit beschäftigen, welche Ereignisse Flucht überhaupt auslösen."

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