"Shadow of the Colossus" Kolossale Rückkehr eines Klassikers

Märchenhaft, anrührend und intensiv: "Shadow of the Colossus" ist die großartige Neuauflage eines Meisterwerks der Spielegeschichte.

Sony

Sechzehn riesige Wesen bevölkern die Welt von "Shadow of the Colossus". Sechzehn Wesen, die so alt wirken wie das Land, in dem sie leben. Langsam, gebeugt und doch von großer Kraft und Würde. Diese Kolosse sollen getötet werden, um ein junges Mädchen aus dem Tod zurück zu holen. So will es eine höhere Macht, die Wander, den Protagonisten von "Shadow of the Colossus", auf die Reise schickt. Wer sich darauf einlässt, kann auf dieser Reise einiges über sich selbst erfahren.

"Shadow of the Colossus" ist inzwischen fast siebzehn Jahre alt. Ein Spiel, das 2005 in Japan erstmals für die Playstation 2 erschien, also kurz, bevor die Konsole von der dritten Playstation-Generation abgelöst wurde. Entwickelt wurde es vom Team Ico um den Designer Fumito Ueda, das bereits das märchenhafte "Ico" gemacht hatte und das die Zeit nach "Shadow of the Colossus" mit der Entwicklung des Ende 2016 erschienenen "The Last Guardian" verbrachte.

Alle drei Spiele eint eine künstlerische Vision, auch weil sie miteinander verwoben sind - oder es zumindest sein könnten. Eindeutig ist da nichts, auch wenn Ueda immer wieder Andeutungen macht. Aber darüber nachzudenken, wie die einzelnen Geschichten zusammenhängen könnten, ist eigentlich auch viel schöner.

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Klassiker-Comeback: So sieht das neue "Shadow of the Colossus" aus

Museumsreifes Spiel

Immer noch erstaunt es, dass Ueda seine Werke in einer großen Firma wie Sony überhaupt machen durfte, so quer scheinen sie gegen eine vermeintliche Marktlogik zu stehen. Die Verkaufszahlen dürften nie besonders hoch gewesen sein, die Lobeshymnen der Kritiker waren umso lauter, selbst in Museen wurde "Shadow of the Colossus" inzwischen ausgestellt. Als Kunstwerk, nicht als Spiel. Als eines der Werke, die ein Medium weiterentwickeln, das trotz millionenschwerer Budgets in vielerlei Hinsicht immer noch seine Stimme zu suchen scheint.

Umso schöner, dass Sony es für nötig und richtig befunden hat, das Spiel auch für eine neue Generation Technik, und vor allem für eine neue Generation Spieler zu bewahren.

Nachdem schon 2011 eine Version für die Playstation 3 erschienen war, in der das Spiel an neuere Technik angepasst wurde, ist "Shadow of the Colossus" jetzt nicht nur weiter aufgehübscht, sondern von Grund auf neu entwickelt worden. Das alte Spiel wurde in die Neuzeit überführt, die Grafik und die darunterliegende Technik an den heutigen Stand angepasst. Es ist eine durch und durch geglückte Neubearbeitung, die das Meisterwerk von damals in neuem Glanz erscheinen lässt. Die - so hofft man zumindest - Uedas Werk in seinem Sinne noch schöner macht.

Das Mehr an Detail nimmt nichts von der Atmosphäre

Sie ist auch detailreicher, was nicht unbedingt von Vorteil sein muss, schließlich sind Andeutungen oftmals vielsagender als Detailreichtum. Hier aber passt es, weil die Lücken im Land, die Ödnis zwischen den Kolossen, nicht geschlossen wurden, sie ist so leer und doch voller Geschichten wie vorher, sieht einfach nur so aus, wie man es heute erwarten würde. Das Mehr an Detail nimmt nichts von der Atmosphäre, von den Fragen, die man sich im Laufe des Spiels stellt.

Nur sanft angepasst wurde die Steuerung. Sie ist immer noch störrisch, die Kamera ist nicht unbedingt dort, wo man sie am liebsten hätte, sondern da, wo sie sein will. Was aber genau dem Charme des Originals treu bleibt und vor allem Uedas Idee gewesen zu sein scheint. Der Kampf gegen die Kolosse ist harte Arbeit, es geht immer wieder darum, ihren langsamen, aber umso gewaltigeren Schlägen auszuweichen, sie zu besteigen, sie zu spüren, sie zu lesen.

Mit einer wirklich flüssigen Steuerung wäre das nur die halbe Herausforderung und würde den Kämpfen etwas Definierendes nehmen. Den Siegeswillen entwickelt man durch das Störrische der Kolosse, durch ihre Macht. Und nur durch die Anstrengung merkt man nach dem Sieg, wie ratlos einen dieser zurücklässt. Wie jeder Sieg an der Tat zweifeln lässt.

Ein früher Beweis, dass Computerspiele Kunst sein können

"Shadow of the Colossus" war immer ein Spiel, das Spieler und ihre Motivation in Frage stellt. Eines, das es vielleicht als erstes Spiel überhaupt geschafft hat, Gegner als Opfer darzustellen und Spieler das auch spüren lassen. Und das war eine ebenso großartige wie auch traurige Erfahrung.

Auch deshalb war "Shadow of the Colossus" bei seinem Erscheinen ein deutliches Statement, das die Legitimität des Spielenden als richtendenden Subjekts in Frage stellt. Es war ein unkonventionelles und unkommerzielles Spiel. Nebenbei bewies es, dass Spiele Kunst sein können. Das tut es auch in dieser wunderbaren Neuauflage, weshalb man diese gar nicht genug empfehlen kann.


"Shadow of the Colossus" von Sony, für Playstation 4, ca. 45 Euro, USK: Ab 12 Jahren



insgesamt 19 Beiträge
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laurelnetz 01.02.2018
1. Kunst?
Ist ein Video Spiel allein deswegen Kunst weil es in welcher Form auch immer in einem Museum ausgestellt war? Und was bedeutet es, ein Videospiel als "Kunst" zu bezeichnen? Sind dann alle, die es spielen auch Künstler? Ist es dadurch "besser"? Die Aufgabe von Kunst ist doch gerade, diesen Begriff neu zu hinterfragen und gerade nicht die, ihn als scheinbaren Beweis für Qualität zu missbrauchen.
scheffsache 01.02.2018
2. @1 natürlich kann man spiele als kunst bezeichnen
bilder, bücher, musik und auch games kann man als kunst bezeichnen. sie alle erzählen oder zeigen geschichten. menschen verwirklichen ihre vorstellungen und gedanken damit.
Dark Agenda 01.02.2018
3. @1, äh nein
Genauso wenig wie Leute die Literatur lesen oder einen Van Gogh im Museum anschauen Künstler sind. Den Kunstbegriff zu definieren ist langwierig aber es gibt in der Videospielbranche auch jährliche Auftragsarbeiten, die man getrost als "nicht-Kunst" abtun kann.
constractor 01.02.2018
4.
Video Spiele können niemals Kunst sein da es nur Spielchen für Kinder sind. Richtige Kunst bleibt in ihrer Aussage und ihrer Kritik an der Geselschaft immer aktuell. Richtige Kunst regt einen zum Nachdenken und Reflektieren an und hält dem Betrachter zum Teil auch den Spiegel vor. Im Gegensatz dazu drückt man bei einem Video Spiel nur ein paar Knopfe und freut sich über bunte Lichter und lustige Töne, öhnlich wie bei einem Kleinkindspielzeug.
cherea 01.02.2018
5. Game One Besprechung
Die Jungs von rbtv noch als Game One, sehr jung ;) aber voller Begeisterung für das Spiel. Sehenswerte Besprechung mit schönen Aufnahmen aus dem Spiel https://youtu.be/PZEA4eqBcrU?t=19m10s Das Spiel hat die rbtv nicht losgelassen hier die zweite Besprechung https://youtu.be/Og1sHMrTcD0?t=6m34s wer sichs uncut anschauen möchte hier https://www.youtube.com/watch?v=zSLIr55g_QE
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