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12. September 2018, 08:49 Uhr

Gameklassiker "Shenmue"

Spiel's noch einmal - oder besser nicht?

2000 galt "Shenmue" als eines der ambitioniertesten Videospiele überhaupt. Jetzt ist eine Neuauflage erschienen. Matthias Kreienbrink hat viele wunderbare Erinnerungen an den Klassiker - und stellt sich eine grundlegende Frage.

"I see". Nach einigen Stunden "Shenmue" wusste ich endlich, was es mit dieser Phrase auf sich hat. Protagonist Ryo Hazuki möchte seinen Mitmenschen sagen, dass er etwas versteht - nicht, wie ich zuerst dachte, dass er sieht.

"Shenmue" kam in Europa 2000 auf den Markt, jedoch ohne deutsche Sprachversion. Aus diesem Grund musste ich der Geschichte um den Mord am Vater von Ryo Hazuki und der Suche nach dem Warum auf Englisch folgen. Einer der Gründe, warum das Spiel für mich zu einem ganz besonderen Erlebnis wurde.

Als ich "Shenmue" zum ersten Mal in meine Dreamcast legte, stand mein Vater daneben. Er hatte mir das Spiel zum Geburtstag geschenkt. Ich wollte, dass er dieses Spiel sieht: Für mich war es ein Beweis dafür, dass Videospiele jetzt "erwachsen" sind.

Zu dieser Zeit, in der mir so ein Begriff noch wichtig war, ging es mir nicht darum, ein brutales Spiel zu spielen, sondern eines, das einen Realismus spielbar machte, der mir zu diesem Zeitpunkt unerhört erschien. Ich war beinahe stolz, dieses Spiel zu zeigen.

Die Authentizität des Schuhe-Ausziehens

"Shenmue" wollte das Leben in einem japanischen Städtchen möglichst authentisch darstellen. Diese Authentizität beginnt damit, dass Ryo sich die Schuhe auszieht, wenn er die Wohnung seiner Eltern betritt, und zieht sich bis zum Versuch, die Tageszeiten möglichst realistisch zu simulieren.

Ich erinnere mich gut daran, dass ich im Spiel Stunden damit verbrachte zu warten. Es war ein unglaublich spannendes Warten, denn ich wusste: Ich werde die alte Ladenbesitzerin erst ansprechen können, wenn sie ihren Laden zum Feierabend hin abschließt.

Um mir die Zeit zu vertreiben, zog ich mir virtuell Cola aus einem Automaten, beobachtete Katzen dabei, wie sie Milch tranken, oder unterhielt mich mit einem der vielen anderen Dorfbewohner. Außerdem war ich natürlich ständig auf der Suche nach Hinweisen, wieso das Leben des Vaters frühzeitig enden musste und wie ich seinen Tod rächen könnte.

Ich war in ständiger Ehrfurcht davor, wie dieses Spiel mich einer vermeintlichen Realität nahebrachte. Selbst das Geräusch des Wasserspiels im Garten der Hazukis fühlte sich irgendwann so zärtlich wie vertraut an.

Die Geschichte hat noch kein Ende

"Shenmue" lebte von seiner Atmosphäre, den Geräuschen, die etwa die Vögel am Abend machten - anders als am Morgen. Von der Stimmung, die durch die Ruhe in der kleinen Stadt ebenso zustande kam wie durch die sprachlose Trauer in der Hazuki-Familie. Es lebte von der Geschichte, die Gespräch um Gespräch immer weitere Verstrickungen zeigte - und die bis heute noch nicht zu Ende erzählt ist.

"Shenmue" ist damals in zwei Teilen erschienen, beide wurden kürzlich neu aufgelegt, für PC, PlayStation 4 und Xbox One. "Shenmue 3" soll im August 2019 erscheinen und die Geschichte abschließen.

Sollte man die ersten beiden Teile des Spiels heute noch ausprobieren? Beim Beantworten dieser Frage kämpft der Junge, der so stolz auf sein erwachsenes Videospiel war, gegen mich, den Autoren dieses Textes. Aber eigentlich sagen beide: nein. Und dann wieder laut: aber.

Ein archäologisches Spiel

Nein, weil das Spiel nicht gut gealtert ist. Die Gameplay-Mechanismen sind längst überholt, die hakelige Steuerung wechselt sich mit Quicktime-Events ab, die schon vor zehn Jahren keine Freude bereitet haben. Die Tonspur klingt wie im Blecheimer eingesprochen. Und die Tageszeiten, die mich einst staunen ließen, lassen mich heute zu anderen Spielen greifen. Nein, "Shenmue" dürfte Spieler ohne Vorkenntnisse heute eher abschrecken. Denn an dem Remaster wurde kaum etwas verändert.

Das "Aber", das dem "Nein" energisch folgen möchte, weiß jedoch, wie besonders dieses Spiel einmal war. Und dass das Remake von "Shenmue" auch als Zeitzeugnis dienen kann. Als Kunde von einer Zeit, in der Videospiele sich neue Erzählformen aneigneten. Als Quelle für eine Spurensuche nach Strukturen, die heute weiterentwickelt immer noch in Spielen vorhanden sind. Und nach Fragmenten, die man heute kaum noch irgendwo findet.

Dazu zählt diese endlose Ruhe, die Muße, auf die Ladenbesitzerin zu warten. Dieses nachdenkliche "I see" in jedem zweiten Satz, das damals wohl nicht nur mich zu der Überzeugung brachte: Videospiele sind jetzt erwachsen.

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