"Skylanders"-Sammelfiguren Plastikmonster spielen Abermillionen ein

Das Spiel verzückt Kinder und treibt Eltern in den Wahnsinn: Sammelfiguren, die via Funk-Chip mit einem Videospiel verknüpft sind. Mit den "Skylanders" hat Activision Blizzard bereits viel Geld verdient. Nun erscheint die nächste Generation der Monster - sie soll das Umsatz-Wunder fortsetzen.

Von Stephan Freundorfer

Activision

Sie heißen Jet-Vac, Pop Fizz oder Trigger Happy - kleine Plastikmonster, die für je acht bis zehn Euro über die Theke gehen und bis auf ihre farbenfrohe Hässlichkeit reichlich unspektakulär scheinen. Im Ladenregal sieht man ihnen nicht an, dass die "Skylanders" ein gewieftes Doppelleben führen. Seit Ende 2011 sind die Comic-Monster zu einem Überraschungserfolg der Spielzeug- und Videospielbranche geworden, zu einem Phänomen, das Kinder verzückt und Eltern in den Wahnsinn treibt. Denn die "Skylanders" sind nicht nur 32 unterschiedliche Action-Figuren, sie sind auch die 32 Helden des Videospiels "Skylanders: Spyro's Adventure".

Der Games-Konzern Activision Blizzard mag bekannter sein für Marken wie "Call of Duty" oder "Diablo" - die "Skylanders"-Spiele und -Figuren aber haben im ersten Halbjahr 2012 für den größten Umsatz des Unternehmens gesorgt: Knapp hundert Millionen Euro wurden laut den Marktforschern der GfK allein in Europa bis Mitte des Jahres für "Skylanders"-Produkte ausgegeben. Nur Nintendos Wunderwaffe Mario war im Videospielmarkt erfolgreicher. In Zeiten düsterer Zahlen für weite Teile der Branche macht das viele Games-Manager nachdenklich.

Spielzeug mit Gedächtnis

Der Kniff, der die "Skylanders" so begehrenswert macht, ist die Verknüpfung von Spielzeug- und Videospielwelt: "Als wir Kinder waren, hatten wir doch alle diese Phantasie von unserem Spielzeug, das sich da draußen in der echten Welt ins Abenteuer stürzt", sagt Paul Reiche, Mitgründer und Chef des kalifornischen "Skylanders"-Entwicklers Toys for Bob.

Der Spieleveteran, der Klassiker wie "Archon" und "Star Control" mitverantwortete, und seine Mitarbeiter erwecken ihre Plastikmonster durch RFID-Technik ("radio frequency identification") und das "Skylanders"-Spiel zum Leben. In jeder Figur steckt ein Funk-Chip, als Lesegerät dient das 'magische Portal', das mit dem Spiel geliefert und an Konsole bzw. PC angeschlossen wird. Stellt der Spieler einen "Skylander" auf das sanft leuchtende Plastikpodest, erscheint dieser augenblicklich als Figur auf dem Bildschirm und lässt sich dort durch bunte Polygon-Welten steuern. Im Spiel erkämpfte Erfahrung und gefundene Gegenstände werden auf dem Chip gespeichert - die Action-Figur bekommt Geschichte und Persönlichkeit.

"Die 'Skylanders' sind das erste Spielzeug, das immer besser wird, wenn man damit spielt", versucht Reiche den Reiz der Figuren und des Spiels zu erklären. Dass aber schon in den ersten fünf Monaten über 30 Millionen der Plastikmonster verkauft wurden, wodurch laut Activision-Chef Bobby Kotick in den USA und Europa sogar die Dominanz der "Star Wars"-Actionfiguren gebrochen wurde, liegt wohl auch an einem raffinierten Schachzug der Entwickler: Der Spieler benötigt mindestens acht Figuren, um sämtliche Inhalte von "Skylanders: Spyro's Adventure" zu Gesicht zu bekommen.

Die Monster sind in acht Elementgruppen wie Wasser, Erde oder Magie eingeteilt - und bestimmte Bereiche des Spiels können nur mit einem entsprechenden Wesen betreten werden. Auch die kontinuierlich erscheinenden Erweiterungen des Spiels lässt sich Activision teuer bezahlen: Alle paar Monate werden 20 bis 30 Euro teure Adventure-Packs auf den Markt gebracht, die neben einer exklusiven Figur eine Plastikminiatur wie ein Piratenschiff oder eine "Krypta" beinhalten - auch diese Objekte besitzen einen Chip, durch den zusätzliche Levels im Spiel freigeschaltet werden. Sämtliche Inhalte, die durch den Kauf und Einsatz von "Skylanders"-Spielzeug verfügbar werden, befinden sich eigentlich von vornherein im Spiel, sind aber zunächst unzugänglich. Die Spielmechanik an sich ist herkömmliche, kindgerecht einfach spielbare Kost: Hüpf-Aufgaben, Schiebe-Puzzle, auch Kämpfe gibt es, aber in harmloser Comic-Optik. Beide Teile haben in Deutschland eine Freigabe für Kinder ab sechs Jahren bekommen. Teure Sondereditionen der Figuren werden bei Ebay für mehrere hundert Euro angeboten - originalverpackt und für Sammler.

Nintendo adaptiert das Konzept

Kritik an der Verknüpfung von virtuellen Boni und kostenintensiven Action-Figuren lässt der Entwickler nicht zu: "Die 'Skylanders' sind mit die wertigsten Spielzeuge aller Zeiten", behauptet Reiche selbstbewusst und propagiert den digitalen Mehrwert, den andere Figuren eben nicht hätten: "Man kauft ein Spielzeug und bekommt zusätzlich noch brandneuen Spielestoff." Dass die Verschmelzung von Videospiel und Spielzeug so begierig vom Markt aufgenommen wird, hat die Games-Branche überrascht. Sogar Traditionshersteller Nintendo entschied, in den Touch-Controller der kommenden Wii-U-Konsole ein Funkchip-Lesegerät zu integrieren.

Aber auch Activision wurde vom Erfolg überrumpelt: Von Anfang an kam man nicht mit der Figurenproduktion nach, die Auslieferung an den Handel war undurchsichtig und unregelmäßig. Mit der Folge, dass die Preise der Figuren erheblich schwankten - Händler konnten manche Neuveröffentlichung für ein Vielfaches der Preisempfehlung anbieten. So sie den Trend überhaupt erkannt und das Sammelkonzept verstanden hatten: Activision lieferte neben den gewöhnlichen Figuren zufällig auch seltene Silber- und Gold-Varianten mancher Figuren aus - die prompt von einigen hiesigen Händlern als fehlerhaft zurückgeschickt wurden.

Ein weiteres Mal will der Spielehersteller nicht mehr die Chance auf noch gewaltigere Umsätze verpassen: In diesen Tagen erscheint für Xbox 360, PS3, Wii und 3DS der Nachfolger "Skylanders: Giants". Der funktioniert zwar auch mit den bereits erhältlichen Figuren, wird aber von einer maximalen Auslieferungsmenge neuer "Skylanders" flankiert. "Dieses Jahr haben wir eine sehr viel genauere Vorstellung davon, wie viel Spielzeug wir in der Weihnachtszeit verkaufen werden", sagt Reiche. Ziemlich wahrscheinlich, dass das bei "Skylanders: Giants" erheblich mehr sein wird als beim Vorgänger. Nicht nur, weil man auf bereits ein Millionenpublikum am Haken hat. Sondern auch, weil es diesmal gleich 48 neue Figuren geben wird.



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Smartpatrol 28.10.2012
1. Nja
Zitat von sysopStephan FreundorferDas Spiel verzückt Kinder und treibt Eltern in den Wahnsinn: Sammelfiguren, die via Funk-Chip mit einem Videospiel verknüpft sind. Mit den "Skylanders" hat Activision Blizzard bereits viel Geld verdient. Nun erscheint die nächste Generation der Monster - sie soll das Umsatz-Wunder fortsetzen. http://www.spiegel.de/netzwelt/games/skylanders-sammelfiguren-verknuepfen-spielzeug-und-videospielwelt-a-862638.html
Welch Überraschung, daß von großen Firmen wie Activison-Blizzard keine anspruchsvollen Computer- und Videospiele mehr zu erwarten sind, wenn man mittlerweile begriffen hat, wie einfach man Kindern Plastikmüll andrehen kann. Wo früher Nerds smarte Spiele wie Starcraft gebastelt haben greifen heute Schlipsträger Eltern zu Weihnachten mit Methoden in die Tasche, die den Power Rangers die Schamesröte ins Gesicht treiben würde. :D
Fackus 28.10.2012
2. genau !
Zitat von sysopStephan FreundorferDas Spiel verzückt Kinder und treibt Eltern in den Wahnsinn: Sammelfiguren, die via Funk-Chip mit einem Videospiel verknüpft sind. Mit den "Skylanders" hat Activision Blizzard bereits viel Geld verdient. Nun erscheint die nächste Generation der Monster - sie soll das Umsatz-Wunder fortsetzen. http://www.spiegel.de/netzwelt/games/skylanders-sammelfiguren-verknuepfen-spielzeug-und-videospielwelt-a-862638.html
"...So sie den Trend überhaupt erkannt und das Sammelkonzept verstanden hatten". So isses. Ich kapiers auch nicht. Die Kinder scheints schon. Weia - man wird wohl alt. Wenn das Zeugs Eltern allerdings in den Wahnsinn treibt, dann sind die selber schuld. Brauchen den Blödsinn doch einfach nicht zu kaufen.
fred_krug 28.10.2012
3. Konsumwahnsinn
das ist doch totaler Unfug. Virtuelles und Plastikschrott wird zu Geld gemacht. Raffiniert aus dem Blickwinkel des Unternehmens, offenbar gibt es einen Markt dafür ... Aber die Konsequenzen daraus? Verspielte Zeit, Geld für keinen nennenswerten Gegenwert ausgegeben und zusätzlich Plastikmüll ungeahnten Ausmaßes produziert - nämlich in Form der Verpackung UND des Inhalts ...
boeseHelene 28.10.2012
4.
Zitat von sysopStephan FreundorferDas Spiel verzückt Kinder und treibt Eltern in den Wahnsinn: Sammelfiguren, die via Funk-Chip mit einem Videospiel verknüpft sind. Mit den "Skylanders" hat Activision Blizzard bereits viel Geld verdient. Nun erscheint die nächste Generation der Monster - sie soll das Umsatz-Wunder fortsetzen. http://www.spiegel.de/netzwelt/games/skylanders-sammelfiguren-verknuepfen-spielzeug-und-videospielwelt-a-862638.html
ich kann mich über ähnliche Beschwerden von Eltern erinnern als Pokémon in Deutschland auf den Mark kam bei Yugi-Oh war es das selbe. Nun eben Skylanders jede Generation hat ihr eigenes teures Spielzeug. Ich habe meine Mutter mit Tamagotchis, Sailor Moon und Pokémon genervt.
z101 28.10.2012
5. Das war schon vor 40 Jahren ähnlich ...
"Ein weiteres Mal will der Spielehersteller nicht mehr die Chance auf noch gewaltigere Umsätze verpassen: In diesen Tagen erscheint für Xbox 360, PS3, Wii und 3DS" Auf der Wii U ist es übrigens auch gleich zum Start der neuen Konsole am 30.11. erhältlich, optisch soll es da laut den Entwicklern sogar die schönste Version werden. Kinder stehen nunmal auf Plastikfiguren, ob nun Barbie, He-Man, Star Wars oder Skylanders.
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