Von Ole Reißmann, Tokio
Der vollbesetzte Kleinbus hält an, in einer dunklen Seitenstraße, unter einer Brücke, weit weg von Tokios glitzerndem Stadtzentrum. Dann springt der Fahrer zur Tür hinaus. Hat Sony uns in eine Falle gelockt und will sich jetzt rächen, für alle vernichtenden Game-Kritiken, die jemals geschrieben wurden? Nach anderthalb Stunden Bus-Odyssee werden solche Gedanken laut ausgesprochen. Dabei wollten wir, rund 50 ausländische Journalisten, am Donnerstagabend nur die neue Mobilkonsole Playstation Vita sehen.
Auf der Tokyo Game Show, Japans größter Videospielmesse, ist das Sony-Gerät, das in etwa so viel Grafikpower wie die Playstation 3 haben soll, die wichtigste Neuheit. Auch bei der Kölner Gamescom und der E3 in Los Angeles hatten schon einige das Vergnügen. Aber in Japan, Sonys Mutterland, wird die Vita nun erstmals groß präsentiert. Noch vor Weihnachten, am 17. Dezember, will das Unternehmen die Konsole dort auf den Markt bringen. Der Preis liegt bei umgerechnet 249 Euro für die W-Lan- und 299 Euro für die 3G-Version, die auch aufs Mobilfunknetz zugreifen kann.
31 Spiele stellt Sony an seinem Stand vor, an dem alles andere untergeht - doch um an nur eine der 80 Vitas zu kommen, die auf Podesten aufgebaut sind, muss man eine halbe Stunde oder länger Schlange stehen. Also stiegen die Journalisten bereitwillig in zwei Reisebusse, für einen exklusiven Blick auf das neue Gerät, begleitet von Sony-Entwicklern. Nach gut einer Stunde Fahrt durch Industrie- und Wohngebiete gab es den ersten Höhepunkt des Abends: Der vordere Bus bog in eine Einfahrt ein - und rammte dabei ein Haus.
Vitas müssen wiederbelebt werden
Der zweite Bus steht erst minutenlang auf der Straße, fährt dann plötzlich weiter. Viel weiter. Nach einem Umweg und einem missglückten Wendeversuch treffen wir die erste Busbesatzung wieder und werden dann gemeinsam in Kleinbusse verfrachtet. Schließlich der überraschende Stopp - doch der Fahrer steigt nur aus, um eine Schranke zu öffnen. Er setzt uns an einem kleinen, dunklen Bootssteg ab. Nach einem langen Messetag, der für die meisten deutlich vor sieben Uhr begann, ziehen wir unsere Schuhe aus und setzen uns auf einem Ausflugsboot zu Tisch. Es gibt Kaiseki, ein traditionelles, kleinteiliges japanisches Essen. Vitas gibt es nicht.
Das Boot fährt durch die Bucht, die Skyline von Tokio funkelt. Es ist heiß, die Bootsbesatzung schenkt reichlich Bier und Whisky aus, dazu wird Tempura gereicht, im Teigmantel Frittiertes. Den ersten Mitreisenden wird schlecht, andere bekommen rote Köpfe. "Zeitverschwendung", murmeln einige. Die Sony-Presseleute aus den USA lächeln.
Eine drohende Meuterei verhindern die Raucher: Auf ihrem Weg nach draußen beobachten sie Sony-Mitarbeiter, die vor den Bordtoiletten an mehreren Vitas herumfummeln. Es gibt die Konsolen also wirklich. Die Sony-Leute telefonieren, diskutieren, dann installieren sie das System über einen Laptop neu. Die Vitas müssen erst wiederbelebt werden.
Prügelei an Bord
Etwa eine Stunde später geht es endlich los. In kleinen Gruppen scharen uns die Entwickler um sich. Games-Director Graeme Ankers aus Liverpool führt das Rennspiel "Wipeout 2048" vor, das auf dem hellen 5-Zoll-Display noch aus der dritten Reihe und aus einem ungünstigen Winkel in satten Farben klar zu erkennen ist. Die Vita lässt sich, wenn man denn will, dank ihrer Lagesensoren wie ein Lenkrad einsetzen.
Mit Apps wie Skype, Twitter, Facebook und Foursquare sowie einem eingebauten Webbrowser verspricht Sony den Vita-Käufern ein sattes Online-Erlebnis, Multiplayer-Spiele verstehen sich von selbst. Ein Telefon ist die Vita aber nicht.
Schließlich prügeln sich die Tester - virtuell: "Reality Fighter" nutzt die beiden Kameras der Vita. Mit der vorderen schießt man ein Profilbild, mit der eigens zusammengebastelten Spielfigur lässt sich dann in einer Umgebung kloppen, die von der hinteren Kamera aufgenommen wird. Dabei gibt es allerdings soviel zu erklären und einzustellen, dass die Kampfszenen arg kurz kommen. Die Sony-Mannschaft wacht mir Argusaugen über die Geräte. Manche dürfen nicht fotografiert werden, weil sie Vorserienmodelle sind. Und natürlich darf auf keinen Fall eine Vita abhanden kommen.
Gemeinsame Entwicklung für PS3 und Vita?
Mit 26 Titeln soll die neue Konsole im Dezember in Japan starten, das Vierfache an Spielen soll Ende des ersten Quartals 2012 verfügbar sein. Ein Trost: Die Spiele der Playstation Portable (PSP) laufen im Prinzip auch auf dem neuen Gerät, müssen dazu aber heruntergeladen werden. Spielehersteller Capcom verriet, dass künftig für Playstation 3 und Vita gleichzeitig entwickelt wird, auf Basis einer gemeinsamen Engine.
Für die Zukunft verspricht Sony außerdem etliche Netzwerk-Funktionen. So soll ein Spiel auf einer Playstation im Wohnzimmer begonnen und auf einer Vita unterwegs weitergespielt werden können - die Spielstände würden dabei automatisch abgeglichen. Ebenso soll sich die Vita als erweiterter Controller nutzen lassen. Nintendos Wii U lässt grüßen. Unterwegs soll man auf die auf der heimischen PS3 gespeicherte Medienbibliothek zugreifen können, Netzzugang vorausgesetzt - aber das ging auch schon mit der alten PSP.
Hardcore-Gamer werden ihren Spaß an der Vita finden, keine Frage. Der, wie es auf der Tokyo Game Show überall heißt, "explodierende" Markt der Smartphone-Games bietet aber gerade Gelegenheitsspielern eine Alternative. Über das Joint Venture Sony Ericsson ist Sony auch hier aktiv, aktuell mit dem Android-Gerät Xperia Play, das ebenfalls den Playstation-App-Markt nutzt. Doch gibt es hier reichhaltige Konkurrenz - und allzu offensiv kann Sony diesen Markt nicht angehen, trotz aller Bekundungen, die Zielgruppen für Xperia Play und Vita würden sich nicht überschneiden.
Als das Boot endlich wieder anlegt und die ersten Vita-Tester schon ihre Schuhe angezogen haben, zählt das Presseteam hektisch die Handhelds nach. Es sind noch alle da.
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