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06. September 2018, 16:24 Uhr

Neues "Spider-Man"-Spiel

Am seidenen Faden durch Manhattan

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Kaum ein Spiel erwarten Playstation-Besitzer dieser Tage so sehnsüchtig wie "Spider-Man". Unser Autor hat es getestet und Spaß gehabt. Nur zwei Dinge haben ihn enttäuscht.

Einen Spinnenfaden auswerfen, an ihm schwingen, den nächsten auswerfen, weiter schwingen - und dazwischen noch einen Extrasprung machen, einfach weil es Spaß macht. Mehr braucht ein "Spider-Man"-Spiel nicht, um gut zu sein, sollte man meinen. Ganz so leicht ist es aber doch nicht.

Große Erwartungen liegen auf "Spider-Man", einem Spiel, das vom amerikanischen Insomniac-Studio exklusiv für Sonys Playstation 4 entwickelt wurde. Insomniac ist vor allem durch die "Ratchet & Clank"-Reihe bekannt geworden und zeigte zuletzt mit "Sunset Overdrive", dass es schnelle, überdrehte Action kann.

"Spider-Man" kommt diese Erfahrung des Studios zugute: Hier geht es nämlich auch ohne Atempause zur Sache. Ein Sprung jagt den nächsten, Gegner wollen eingesponnen und Fluchtfahrzeuge gestoppt werden.

Manhattan sieht toll aus

"Spider-Man" ist ein Superhelden-Spiel, das mit einer schönen Leichtigkeit daherkommt. Ein Spiel, in dem das Kernelement, die Bewegung Spider-Mans durch ein wunderbar nachempfundenes Manhattan, mühelos funktioniert. Man schwingt sich per Knopfdruck durch die Straßenschluchten, schlägt in der Luft Saltos, läuft Häuserwände entlang, stürzt sich in die Tiefe. Frei und unbesorgt fühlt sich das an und auch nach Stunden wird es nicht langweilig.

Das ist beruhigend, denn das Spiel hat seine Längen. Vor allem die Geschichte trägt nicht sonderlich gut, sie ist recht unbefangener Superheldenmischmasch. Natürlich geht es dabei auch um Peter Parker, wie Spider-Man im echten Leben heißt.

Er wird mit harmlosem Schrammelgitarren-Poppunk eingeführt, ein junger Mann, niedlich verschlafen mit den üblichen Problemen des Erwachsenwerdens. Er hat einen Job in einem Labor, der ihm wenig einbringt, der Vermieter droht mit Kündigung, seine Ex-Freundin ist immer noch anziehend nervig und ansonsten hat er nur noch seine Tante, die in einem Obdachlosen-Asyl arbeitet. So weit, so nett.

Und nett bleibt die Geschichte auch, zu nett. Selbst dann, wenn tragische Dinge passieren, wenn wichtige Figuren sterben. Da wird kurz in einer Zwischensequenz getrauert, um sich danach gleich wieder munter plappernd durch die Straßen zu schwingen. Keine Nebenfigur schafft es, Emotionen zu erzeugen oder sich nachhaltig interessant zu machen. Selbst der große Gegner, der sich die Stadt unter den Nagel reißen möchte, bleibt ziemlich blass.

Wie als Handlanger in einem Film

Dazu passen auch die seltsam banalen Auftritte der aus der Welt von Spider-Man bekannten Gegner: Sie kommen wie aus dem Nichts, lassen sich auf immer gleiche Art und Weise vermöbeln und verschwinden dann wieder.

Den Spieler lässt das vor allem mit dem Gefühl zurück, einen Fanservice erlebt zu haben. Gerade weil man hier kaum etwas selbst bestimmt und oft nur Zuschauer aufwändig inszenierter Szenen ist, in denen ab und an der richtige Knopf gedrückt werden muss. Das frustriert, schließlich will man als Spider-Man einen Hubschrauber am liebsten wirklich vor dem Sturz in eine Menschenmenge bewahren und nicht Handlanger in einem Film sein. Zum Glück aber beschränken sich diese Kämpfe nur auf seltene Momente.

Normalerweise ist das Kampfsystem des Spiels sehr viel variationsreicher - wenn es gegen normale Gegner geht. Vor allem dann, wenn Spider-Man seinen Anzug mit neuen Gadgets bestückt hat, er neue Fähigkeiten erworben hat. Dann muss er nicht mehr frontal in die Kämpfe gehen, sondern kann auch aus dem Verborgenen agieren. Kann Gegner mit Netzen an die Wand kleben, mit Netzbomben einspinnen oder Elektroschocks verteilen. Je länger man spielt, desto mehr Spaß macht das.

Extrem leichte und anspruchslose Kost

Immer wieder aber krankt "Spider-Man" daran, dass es sich bei der Strukturierung der Welt an Grundregeln von Open-World-Spielen klammert, die inzwischen bei den meisten Konkurrenten wieder abgeschafft wurden: So soll man etwa Türme erklettern, um Stadtviertel komplett sichtbar zu machen und Schnellreisepunkte freizuschalten.

In jedem Stadtteil lässt sich eine bestimmte Anzahl von Aufgaben erledigen, dann ist es vollständig erobert. Man kann Fotos von Sehenswürdigkeiten machen und viele, viele Dinge sammeln sowie kleine, immergleiche Missionen erledigen.

Und so ist "Spider-Man" ein Spiel, das großartig aussieht und sich über weite Strecken hervorragend spielt. Ihm fehlt aber ein Kern, ein Tiefgang, der es zu einem überragenden Spiel machen könnte. Es verlässt sich zu sehr auf ein leicht überholtes Spieldesign und garniert es mit einer Superhelden-Geschichte, die extrem leichte und anspruchslose Kost ist, vor allem in Anbetracht dessen, was Superhelden-Filme - und auch Spiele - inzwischen an komplexen Geschichten erzählen können.


"Spider-Man" von Insomniac Games, für Playstation 4, ca. 70 Euro; Ab 12 Jahren

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