Spiele in Social Networks Das Zynga-Dilemma

Ein guter Teil des Facebook-Erfolgs ist nur geliehen, denn längst ist die Seite auch eine Zocker-Plattform für Spiele-Apps. Jetzt kracht es im Getriebe: Zynga, der weltweit führende Anbieter sogenannter Social Games, denkt an Emanzipation und Rückzug. Die Frage ist nur, wer da wen nötiger braucht.

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Preisfrage: Was macht eine Achtzehnjährige über Stunden bei Facebook?

Glaubt man nur der Unzahl an Medienberichten über das derzeit angesagteste Social Network, dann pflegt sie dort ihre Profilseite, wie ihre Großmutter vielleicht einst ihr Poesiealbum pflegte. Sie liest nach, was die Legion ihrer fälschlich "Freunde" genannten Marginalbekanntschaften so in den letzten Stunden an Kommentaren zu den Kommentaren anderer Kommentatoren abgelassen hat und kommentiert vielleicht selbst das eine oder andere. Vielleicht checkt sie online den Jungen aus, den sie sich am Vorabend nicht anzusprechen traute.

In Wahrheit aber wird sie wohl vor allem eines tun: Zocken, Daddeln, Spielen.

Denn es ist ein stetig wachsender Fundus populärer Online-Spiele, der Facebook von seiner Konkurrenz absetzt. Die haben zwar ebenfalls zahlreiche Apps zu bieten, wie das auch hier heißt, aber eben nicht so coole: Was an Spieleproduzenten Rang und Namen hat, drängt auf die Facebook-Plattform. Das reicht von von Weltmarktgrößen wie Electronic Arts bis zu diversen Flash-Spiel-Plattformen, die in den letzten Jahren eigentlich schon arg an Popularität eingebüßt hatten: Gut 1700 Spiele, die tatsächlich Nutzerschaft aufweisen, hat Facebook derzeit im Angebot.

Und der größte Anbieter unter ihnen wurde erst bei Facebook groß: Zynga, Betreiber des Facebook-Hits Farmville und etlicher anderer Spiele. Plattform und Spieleentwickler profitierten voneinander, das Wachstum des einen förderte die Popularität des anderen. Ein "Bündnis zwischen zwei der coolsten jungen Dinge im Web" nennt das die Londoner "Times". In dieser Woche aber erntete der Bund noch ganz andere Schlagzeilen, Attribute und Analogien: Von einem zerrütteten Verhältnis ist nun die Rede, von Ehekrise und Scheidung, Trennung, Schluss.

Ist man groß, wenn man bei Facebook groß ist?

Es herrscht nämlich reichlich dicke Luft zwischen den einst so einigen Partnern. Ganz öffentlich drohte Zynga Anfang der Woche, sich komplett von der Plattform zu verabschieden und ein eigenes Social-Gaming-Netz aufmachen zu wollen, wenn Facebook nicht umdenke.

Denn Facebook ist nicht ganz unschuldig daran, dass derzeit nicht nur Zynga-Spiele auf dem absteigenden Ast sind. Noch dominieren zwar Zyngas Spiele die Spielecharts bei Facebook, derzeit finden sich allein in den Top 10 gleich sechs Spiele des kalifornischen Anbieters. Rund 240 Millionen Menschen sollen sich in Social Networks mit Zynga-Spielen vergnügen, die neben Facebook auch bei MySpace vertreten sind.

Doch Farmville etwa, das noch immer populärste Facebook-Browserspiel, bricht ein, seit Facebook die Spielregeln zwischen Partnern und Plattform geändert hat. Innerhalb eines Monats fielen die Nutzerzahlen von rund 82 Millionen Nutzern (das ist ein wenig mehr als die Einwohnerzahl Deutschlands) auf "nur noch" 76 Millionen (was der Bevölkerung der Türkei entspricht). Der relative Niedergang ist der statistische Ausdruck eines Streits zwischen zwei Partnern, die sich gegenseitig brauchen, voneinander aber auch das Beste wollen: Geld und Aufmerksamkeit.

Wer braucht wen?

Doch der Reihe nach: Die Browserspiele der Firma Zynga (Farmville, Fishville, Café World, Mafia Wars etc.) fußen auf dem Konzept, das man irgendetwas hegen und pflegen muss, um Erfolg zu haben - bei Facebook auch in Konkurrenz zu Freunden, die ebenfalls spielerisch aktiv sind. Und sie bieten neben einer kostenlosen virtuellen Währung eine zweite Währung an, die man kaufen kann - und mit der man dann weit schneller zum Super-Bauern oder Star-Cafébetreiber avanciert.

Alle Spiele sind auf langfristige Beschäftigung ausgerichtet. Letztlich bedienen sie zum einen das Tamagotchi-Prinzip (die Dinge gedeihen nur, wenn man sich regelmäßig kümmert), zum anderen Konkurrenzverhältnisse im Social Network. Wer Zeit - und eventuell Geld - investiert hat, fällt nicht gern zurück: So primitiv die Flash-basierten Anwendungen sein mögen, wird ihnen ein hohes Suchtpotential zugesprochen. Das sorgt für einen erheblichen Teil des monatlichen Netzwerkverkehrs bei Facebook.

Zyngas Geschäft funktionierte ganz besonders prächtig, weil Facebook es zuließ, dass durch die Spiele auch eine kommunikative Sub-Ebene eingezogen wurde: Man erfuhr, wenn es einer der Freunde/Konkurrenten besser machte als man selbst, und konnte so reagieren. Das Social Network spielte hier lange Zeit den Gastgeber, ließ die Spiele gedeihen. Inzwischen, scheint Facebook entschieden zu haben, ist die Erntezeit angebrochen in Farmville und anderenorts: Zunächst kappte Facebook die direkte kommunikative Verschaltung der Spielenden, schon das möglicherweise zu Lasten der Popularität.

Wer die Macht hat, macht die Regeln

Im Mai dann aber erfolgte der Schritt, der die Betreiber von Zynga derzeit auf die Palme treibt: Facebook verbot den Einsatz der betreibereigenen Bezahlsysteme (Kreditkarte oder Paypal), besteht seitdem auf einem Facebook-eigenen Zahlsystem. Die Nutzer bemerkten das daran, dass sie plötzlich von Facebook selbst zur Kasse gebeten wurden, als einzige Alternative wurde Paypal angeboten - auf viele Spieler wirkte das abschreckend. Die Mautforderungen von ungewohnter Seite weckten Misstrauen: Drängte sich da gerade jemand herein, um Geld abzuziehen?

So etwas kann man zur Not erklären, doch daran hat Zynga wenig Interesse: Den externen Spielentwicklern gefiel der alte Status Quo weit besser. Denn jetzt hält das Social Network auch die Hand auf, 30 Prozent des generierten, nun von Facebook kassierten Umsatzes behält Facebook ein. Über wie viel Geld man hier redet, weiß niemand so genau, denn Zyngas Geschäftszahlen sind nicht öffentlich. Um Kleingeld aber geht es nicht: Die Firma soll Schätzungen zufolge bis zu 150 Millionen Dollar im Jahr umsetzen mit ihren Browserspielchen. Für Facebook ist die Klärung dieser Frage also weit mehr als ein kleines Mautgeplänkel: Der "Revenue Share", die Umsatzbeteiligung also, ist offensichtlich Teil des Geschäftsmodells - und die Zeit des "Anfütterns" vorbei.

Der Sturm der Entrüstung ließ nicht lang auf sich warten. Gegenüber der eigenen Belegschaft soll die Firmenleitung von Zynga soeben angekündigt haben, möglicherweise die Spiele abziehen und auf einer eigenen Social-Gaming-Seite veröffentlichen zu wollen. Ob das ein guter Schritt wäre, bezweifeln aber etliche Experten: Facebook sitzt möglicherweise schon allein deshalb am längeren Hebel, weil die Kosten der technischen Infrastruktur und Netzanbindung für Zynga bei anhaltendem Erfolg wohl höher ausfielen als die Tributzahlung an Facebook. Denn bisher macht Zynga seine Umsätze bei minimalen Infrastrukturkosten - die hat Facebook am Bein.

Und das ganz abgesehen davon, dass die Spiele für sich gesehen wenig attraktiv sind: Sie funktionieren durch ihre enge Einbindung in das Social Network. Das gemeinsame Daddeln ist die geteilte soziale Erlebnisebene der Facebook-Freunde, die sich ansonsten oft ja nur kommunikativ kennen. Zynga hofft darauf, genau deshalb Argumente gegenüber Facebook zu haben: Ohne die Spiele würde auch dem Network für viele vor allem junge Nutzer die Würze fehlen.

Doch ohne Spiele würde Facebook - siehe oben - ja auch nicht bleiben. Keines der Zynga-Spiele hat eine Spielidee oder Umsetzung, die auch nur im Angebot von Facebook einmalig wäre. So lautstark der Krach der Partner nun auch ausgefochten wird, steht Zynga doch vor einem Dilemma: Ein Social Game ohne Plattform wird zum bloßen Flash-Spielchen für Zwischendurch. Im Streit mit Zynga zeichnet sich eine Machtprobe ab, die einmal mehr zeigt, wer im Social Internet die Hosen anhat: Die Plattformbetreiber, nicht die Anbieter von Inhalten.

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