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Game-Innovationen: Die jungen Wilden mischen die Spielebranche auf

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Entwickler Tijmen Tio, Menno Stas und Nick Aarts: Spiel über sich prügelnde Hotelgäste Zur Großansicht
Lionade Games

Entwickler Tijmen Tio, Menno Stas und Nick Aarts: Spiel über sich prügelnde Hotelgäste

YouTube, Reddit, Steam: Junge Spielemacher können heute ein großes Publikum erreichen. So entstehen erstaunliche Erfolgsgeschichten - wie das Spiel über Rehe, das ein Teenager erfand.

Ob Hideo Kojima ("Metal Gear Solid"), Richard Garriott ("Ultima") oder Chris Roberts ("Wing Commander"), viele Legenden der Spielebranche waren schon in jungen Jahren erfolgreiche Entwickler. Demis Hassabis, dessen von Google aufgekauftes KI-Unternehmen DeepMind jüngst Facebook im Brettspiel Go besiegt hat, wirkte bereits als 16-Jähriger an Spielen von Kultdesigner Peter Molyneux mit.

In den Achtziger- und Neunzigerjahren war so etwas keine Seltenheit: Wer damals in der noch jungen und überschaubaren Branche ein qualitativ gutes Spiel oder besonderes Programmiertalent vorweisen konnte, hatte gute Chancen aufzufallen.

Heute haben es junge Spieleentwickler nicht mehr so leicht, sich mit Soloprojekten oder in Miniteams produzierten Titeln gegen Millionen-Franchises à la "Call of Duty" oder "Destiny" zu behaupten. Es gibt zwar etliche Indie-Programmierer, die eigene Spiele oder Modifikationen entwickeln und diese auf Websites wie IndieDB oder der Online-Vertriebsplattform Steam veröffentlichen. Von der breiten Masse wahrgenommen werden aber die wenigsten.

Steam-Hit "Unturned": Zombie-Apokalypse im "Minecraft"-Look

Eine aktuelle Ausnahme ist "Unturned", eine komplett in Eigenregie entwickelte Überlebenssimulation des 18-jährigen Kanadiers Nelson Sexton. Das mit seinem Klötzchen-Look an "Minecraft" erinnernde PC-Spiel versetzt Spieler in eine Zombie-Apokalypse, in der sie sich vom mittellosen Nobody zum gut ausgerüsteten Überlebenden hocharbeiten.

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Spieleentwickler: Wie die jungen Wilden die Games-Branche aufmischen
Trotz seiner minimalistischer Grafik und der an Titel wie "DayZ", "Rust" oder eben "Minecraft" angelehnten Spielprinzipien erfreut sich "Unturned" großer Beliebtheit: Seit Sexton sein Spiel als 16-Jähriger im Juli 2014 auf Steam als kostenlose Early-Access-Version veröffentlicht hat, steigen die Spielerzahlen kontinuierlich. Laut steamspy.com haben sich mittlerweile über 20 Millionen Spieler "Unturned" heruntergeladen, allein in den ersten beiden Februarwochen kamen knapp 1,5 Millionen Downloads hinzu. Finanziert wird das Free-to-Play-Game über Gold-Accounts, die knapp fünf Euro kosten, kosmetische Zusatzinhalte und einen Zugang zu speziellen Gold-Servern bieten.

Mit Free-to-Play und YouTube zum Erfolg

Sexton ist vom großen Erfolg seines Spiels selbst überrascht: "Damit habe ich niemals gerechnet." Er will zwar keine konkreten Zahlen zu den Gold-Abonnements nennen, diese seien aber "äußerst zufriedenstellend". Er ist sich sicher, dass das Free-to-Play-Modell das Beste ist, was "Unturned" passieren konnte. "Ich glaube, dass dadurch die Hemmschwelle sehr niedrig ist, es einfach mal auszuprobieren." Auch Let's-Play-Videos auf YouTube hätten geholfen, das Spiel einem größeren Interessentenkreis bekannt zu machen.

Damit "Unturned" für seine Fans attraktiv bleibt, arbeitet Sexton regelmäßig an Verbesserungen und Updates, die er kostenlos ins Spiel implementiert. So spendiert er Spielern etwa Flugzeuge und Helikopter, die sie selbst fliegen dürfen. Seit er vergangenes Jahr erfolgreich die Highschool abgeschlossen hat, habe er reichlich Zeit für sein Projekt. "Mein typischer Tagesablauf besteht darin, mich durch meine To-do-Liste für 'Unturned' zu arbeiten, ein wenig fernzusehen, neue Games anzutesten und zu versuchen, immer mehr und Neues über die Spielentwicklung zu lernen." Gerade das Thema Virtual Reality interessiere ihn sehr: "Da steckt so viel drin, was ich gern mal ausprobieren möchte."

Noch ist sich Sexton nicht sicher, wie seine berufliche Zukunft aussehen soll. Im Moment genieße er einfach den Rummel um "Unturned" und die Zeit nach dem Schulabschluss. "Ich hoffe aber, es wird irgendetwas mit Spieleentwicklung zu tun haben."

"Way to the Woods": Mit 16 vom Reddit-Hype zum Vertrag

Ein weiterer Teenager, der derzeit für Aufsehen in der Branche sorgt, ist Anthony Tan. Der 16-jährige Australier hatte Anfang Dezember auf Reddit einige Screenshots seines auf der Unreal-Technologie basierenden "Way to the Woods" Adventures gepostet, mit denen er sich bei den "Unreal Dev Grants" um ein Entwicklerstipendium beworben hatte. In dem Spiel wird man einen Hirsch steuern, der gemeinsam mit einem Rehkitz einen Weg in den Wald finden muss.

Mit seiner Idee und der bildhübschen Grafik zog Tan nicht nur die Aufmerksamkeit vieler Reddit-Nutzer, sondern auch einiger Entwicklerkollegen auf sich. Darunter befand sich Sean Murray, Gründer des britischen Studios Hello Games ("No Man's Sky"). Murray verfasste einen euphorischen Tweet und verwies auf Tans Reddit-Eintrag.

Dann ging alles ganz schnell: Die Bilder von "Way to the Woods" verbreiteten sich in den sozialen Netzwerken, die Besucherzahlen von Tans Tumblr-Blog schossen in die Höhe. Kurz darauf meldete sich Publisher und Entwickler Team 17 ("Worms") bei dem jungen Entwickler und bot ihm an, den Vertrieb von "Way to the Woods" zu übernehmen. Nur sechs Wochen nach dem Reddit-Eintrag hatte sich Tan seinen ersten Publishing-Vertrag gesichert.

"Ich bin unfassbar aufgeregt"

Tan ist der Hype um sein Spiel nicht ganz geheuer. "Ich kann das alles noch nicht glauben." Er sei "unfassbar aufgeregt", gesteht er, wolle aber versuchen, "nicht zu viel darüber nachzudenken".

Der Tan zufolge von den Filmen des japanischen Zeichentrickstudios Ghibli ("Chihiros Reise ins Zauberland") inspirierte Stil von "Way to the Woods" wirkt schon auf Bildern so schick, dass viele es kaum erwarten können, das Spiel endlich in Bewegung zu sehen. Als weitere Einflüsse nennt Tan von Kritikern gefeierte Titel wie "Journey", "Life is Strange" und "The Last of Us". Action dürfe man von seinem Projekt allerdings nicht erwarten, es sei vor allem ein exploratives Erlebnis.

Ein Veröffentlichungstermin für "Way to the Woods" steht noch nicht fest, auch die genauen Plattformen sind noch unklar. Im Moment arbeitet Tan an einer PC-Version, Umsetzungen für Konsolen seien aber denkbar. Fest steht hingegen, dass der Londoner Musiker und Komponist Jeremy Warmsley den Soundtrack beisteuern wird.

Tan will sich in den nächsten Monaten zurückziehen und in aller Ruhe an seinem Spiel arbeiten. "Ich habe das Gefühl, dass 'Way to the Woods" im Vorfeld schon viel zu viel Aufmerksamkeit erhalten hat. Ich möchte mich jetzt erst einmal eine Weile voll und ganz auf die Entwicklung konzentrieren."

Womöglich wird der Australier ja eines Tages in einem Atemzug mit Kojima, Garriott, Roberts und Co. genannt.

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insgesamt 15 Beiträge
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1. Hirsch und Kitz sind nicht verwandt
yocups 28.02.2016
Schön, dass sich 'Way to the Woods' mit Wild und Wald beschäftigt, aber als kleine Randnotiz: Das Kind vom Hirsch ist ein Kalb, und der Papa vom Kitz ist der Rehbock. Patchworkfamilien sind noch eher unüblich im Unterholz. :-)
2. Mega-Spiel für 59,90 oder kleines Billig-Game
urmedanwalt 28.02.2016
Das ist der Trend. Gerade bei Jüngeren sind die kleinen App-Spiele der Renner, das können sie sich leisten. Früher gabs halt Raubkopien, wenn das Spiel zu teuer war, das geht ja kaum mehr, so dass die Kids auf die Am-Anfang-kostenlos-Spiele ausweichen, die sich durch spätere In-Game-Käufe finanzieren. Zwischen den großen Spielen mit enormen Entwicklungskosten und den F2P-Games ist nicht mehr viel Platz für kleinere Entwickler. Das ist eigentlich schade, weil man so nur noch die Wahl zwischen einigen Großen und sehr vielen kleinen Akteuren hat. Wofür braucht man bei solchen Games wie im Artikel dann noch teure Rechner und 4-K-Monitore?
3.
wanderer777 28.02.2016
Also ich kann mit diesen meist hässlich zusammengeschusterten Games im Kindergarten Look nichts anfangen. Bei mir spielt eben auch das Auge mit. Ich denke auch, das das junge Klientel mittlerweile viel anspruchsloser geworden ist. Hauptsache umsonst, hauptsache einfach zu spielen. Das reicht schon.
4. Bambi-Irrtum
m.ramsch 28.02.2016
Zitat von yocupsSchön, dass sich 'Way to the Woods' mit Wild und Wald beschäftigt, aber als kleine Randnotiz: Das Kind vom Hirsch ist ein Kalb, und der Papa vom Kitz ist der Rehbock. Patchworkfamilien sind noch eher unüblich im Unterholz. :-)
Sie kamen mir zuvor, denn auch ich wollte auf diesen von Walt-Disney verschuldeten „Bambi-Irrtum“ hinweisen. Siehe z.B. https://de.wikipedia.org/wiki/Bambi_(Film) (und in der Seite nach „Bambi-Irrtum“ suchen)
5. Es geht nicht um umsonst. ..
silberwoelfin 28.02.2016
Bei vielen der Indiegames geht es vor allem um die Story, die erzählt wird. Oder um die Möglichkeiten, die man hat. Manch ein Spiel mag zwar mit opulenter Grafik punkten, überrascht aber nicht durch neue Ideen oder eine gut erzählte Geschichte. Gerade die Indiegames mit ihrer oft einfachen Grafik konzentrieren sich da eher auf die Geschichte. Und wecken zt Nostalgie bei denjenigen, die mit 8bit Grafik aufgewachsen sind. Beides hat seine Berechtigung, manchmal wäre Offenheit ganz gut.
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