Spielemesse in Tokio Schminktipps in der Warteschlange

Flucht in die Phantasiewelt: Die Tokyo Game Show ist nicht nur die wichtigste Spielemesse in Fernost, sondern auch eine Bühne für Hunderte Cosplayer - junge Japanerinnen und Japaner, die als Spiele- oder Comic-Helden kostümiert vor den Besuchermassen posieren.

Aus Tokio berichtet Stephan Freundorfer

Stephan Freundorfer

Wer die Tokyo Game Show geschäftlich besuchen will, sollte das in den ersten zwei Tagen der viertägigen Messe tun - als offizielle Business Days sind sie Händlern, Spieleschaffenden und Medienvertretern vorbehalten, was entspanntes Ausprobieren neuer Produkte für Heim- und Handheld-Konsolen, PC und Mobiltelefone erlaubt. Die zweite Halbzeit gehört hingegen den Konsumenten und Fans - so wie der Samstag, Tag drei der TGS 2009.

Bei strahlendem Sonnenschein bahnen sich bereits um 8.30 Uhr, eineinhalb Stunden vor Öffnung der Messe, die ersten Menschenströme den kurzen Weg von der örtlichen S-Bahn-Station zu den Hallen der Makuhari-Messe im Osten der japanischen Hauptstadt. 45 Minuten später windet sich die Schlange der Wartenden bereits einmal um den 54.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche fassenden Gebäudekomplex.

Und diese Fläche wird auch bitter benötigt: Nur wenige Minuten nach Öffnung der Messe sind die Hallen bereits mit Tausenden Menschen geflutet, um halb elf besteht das Fortkommen auf den Hauptwegen zwischen den Ständen der größtenteils einheimischen Spielehersteller, -Entwickler und -Universitäten nur noch aus Schieben und Drücken.

Dabei ist die Messe in diesem Jahr reich an leeren Flächen, denn auch die japanische Spielindustrie hat mit der Wirtschaftskrise zu kämpfen: Die Zahl der präsentierten Titel ist von 879 im Vorjahr auf unter 500 gefallen, viele zweitrangige japanische Spielemacher verzichten daher auf einen Messestand, und die Zahl der großen Her- und Aussteller sinkt dank einem anhaltenden Trend zu Firmenhochzeiten kontinuierlich. Der vom Erfolg zurzeit verwöhnteste Spielekonzern Japans fehlt ebenfalls, was allerdings kaum wundert: Nintendo verzichtet traditionell auf eine Beteiligung an der Tokyo Game Show.

Rollenspiele im Messetrubel

Was der Popularität der Veranstaltung aber keinen Abbruch tut. Die Japaner, ob jung oder alt, lieben ihre Spiele, Männer und Frauen verbringen gleichermaßen viel Zeit mit Rollenspielen, Roboteraction und Romantik-Abenteuern auf Nintendo DS und PSP, Wii, PS3 sowie (eher selten) Xbox 360 - und natürlich dem allgegenwärtigen Handy. Diese Liebe zu Spieleserien wie "Metal Gear Solid", "Tekken", "Gran Turismo" oder "Final Fantasy" sorgt dafür, dass die geordneten Schlangen vor den viel zu wenigen Spielstationen in kürzester Zeit ins Unermessliche wachsen. Zwei Stunden Warten für fünf Minuten Spaß mit der jüngsten Episode seines Lieblingsspiels nimmt der TGS-Besucher klaglos und gesittet auf sich, Ablenkung verschaffen Mobiltelefon oder mitgebrachte Konsole - oder vielfach der Klassiker japanischen Wartezeitvertreibs: das hemmungslose Nickerchen.

Aber wie jedes Jahr finden sich auch auf der TGS 2009 wieder eine erhebliche Zahl Besucher ein, die wenig bis kein Interesse an den neuen Produkten der Computerunterhaltungsindustrie haben, sondern sich selbst auf der Messe ausstellen - die Cosplayer. Die vor allem bei Manga-Fans beliebte Subkultur des "costume roleplay" wird von niemand so ernsthaft betrieben wie jungen Japanerinnen und Japanern: Nicht nur die Kostüme bekannter Comic- und Spielehelden werden von ihnen detailgetreu nachgebildet, auch die charakteristischen Bewegungen der Figuren werden einstudiert und vor den Kameras des Publikums zum Besten gegeben. Auf der Tokyo Game Show geschieht das in speziell ausgewiesenen Bereichen zwischen zwei Messehallen, wo sich in kürzester Zeit Schlangen fotografierender Fans vor den posierenden Cosplayern bilden - je sexyer Kostüm und Charakter, desto größer die Zuschauerschar.

Die Szene in Japan ist groß, bunt und professionell: Man besucht spezielle Themenrestaurants und -Cafés, eine ganze Industrie versorgt die Fans mit Kleidung und Accessoires, und gleich mehrere Magazine bieten Bilderstrecken, Schminktipps und Schnittmuster. Wie ernst die japanischen Cosplayer ihr Hobby nehmen und mit welchem Aufwand sie es betreiben, lässt sich hier gut beobachten: Während vereinzelte westliche Besucher bereits verkleidet anreisen, bringen die einheimischen Cosplayer ihr Rollköfferchen mit, stellen sich in die Schlange vor der eigens errichteten Umkleide und ziehen sich erst auf der Messe um.

Kurz vor 17 Uhr, wenn der Messetag sich langsam seinem Ende zuneigt, wird die Rolle wieder abgelegt, und man nimmt im manierlichen Alltags-Outfit den berstend vollen Zug nach Hause. Nur um am nächsten Tag gleich noch einmal auf die Messe zu kommen und die TGS nicht nur zu einer der bestbesuchten, sondern auch zur exotischsten Spielemesse der Welt zu machen.

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insgesamt 7 Beiträge
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Barath 26.09.2009
1. Flucht in die Phantasiewelt?
Zitat von sysopFlucht in die Phantasiewelt: Die Tokyo Game Show ist nicht nur die wichtigste Spielemesse in Fernost, sondern auch eine Bühne für Hunderte Cosplayer - junge Japanerinnen und Japaner, die als Spiele- oder Comic-Helden kostümiert vor den Besuchermassen posieren. http://www.spiegel.de/netzwelt/games/0,1518,651500,00.html
Warum werden neue oder fremde kulturelle Erscheinungen immer so negativ gesehen? Weil die meisten es nicht verstehen können? Weils nicht gewinnorientiert ist? Ist dann Theaterspielen auch "Flucht in die Phantasiewelt"?
nathanchrist 26.09.2009
2. Flexibel
Cosplay geht über eine bloße Selbstdarstellung hinaus, und Cosplay als "Flucht" zu bezeichnen ist sicherlich das falsche Wort. Ähnliches ist auch bei der Diskussion um "escapist literature" zu finden.
Hovac 26.09.2009
3. Hobby
Rollenspiele und allgemein "übertriebene" Kleidung werden von Menschen bei denen ein "gutes Buch Lesen" die einzig wertvolle Freizeitbeschäftigung ist halt nicht verstanden.
bluesnoop 26.09.2009
4. Hoffnungsloser Fall ?
Zitat von HovacRollenspiele und allgemein "übertriebene" Kleidung werden von Menschen bei denen ein "gutes Buch Lesen" die einzig wertvolle Freizeitbeschäftigung ist halt nicht verstanden.
Au weh. Und was soll ich jetzt machen ? :-) Fast 50 Lenze, dunkelblaue Haare und ab und zu durchaus auffällige Kleidung... Leider habe ich auch ca. 3.000 Bücher im Regal und 90% davon gelesen...(die ca. 10% sind das "Regal der Noch Ungelesenen")... Tja. Ich bin wohl ein hoffnungsloser Fall...:-) Love, Snoopy
Jörn Bünning 26.09.2009
5. Mut zur Wirklichkeit
Zitat von HovacRollenspiele und allgemein "übertriebene" Kleidung werden von Menschen bei denen ein "gutes Buch Lesen" die einzig wertvolle Freizeitbeschäftigung ist halt nicht verstanden.
Wer bereit ist, sich der wahren, unverblümten Wirklichkeit wirklich zu stellen, kommt an der Lektüre des SPIEGEL selbstverständlich nicht vorbei.
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