Von Carsten Görig
Ein weißer Bildschirm, in der Mitte ein kleiner Punkt, ein Zielpunkt. Ich bewege den Controller. Nichts passiert. Ich drücke einen Knopf. Ein Ball mit schwarzer Farbe ploppt aus dem Zielpunkt, machte einen Farbplatscher auf das Weiß und lässt Konturen erkennen. Ein Gang, dem ich folgen kann, dann entstehen Andeutungen von Treppen, Zäunen, Bänken aus dem Nichts. Wunderbar sieht das aus. Ich bin fasziniert. Davon will ich mehr.
Zumindest dachte ich das, als ich "The Unfinished Swan" zum ersten Mal kurz spielen konnte, auf der Videospielmesse E3 im Juni. Jetzt kann ich es endlich und merke: Der erste Eindruck war viel schöner als das komplette Spiel. Die Grundidee ist toll, aber sie trägt nicht lang. Schon nach zehn Minuten frage ich mich, ob das jetzt alles sein soll. Ob ich für den Rest des Spiels schwarze Farbe ins Nichts werfe, den orangefarbenen Watschelspuren eines Schwans folge und nach und nach ein Märchen erzählt bekomme.
Es ist mehr als das, was das Spiel aber nicht besser macht. Im nächsten Level werfe ich Wasserbomben in eine Landschaft, die diesmal Konturen hat. Mit den Wasserbomben lenke ich grüne Ranken, an denen ich klettern kann, mir meinen Weg bahnen kann. "Platsch, Platsch", macht es. Immer wieder. Bis auch dieses Level zu Ende ist und ich eine Welt voller Dunkelheit betrete, in der ich mir meinen Weg suchen muss. Lampen beginnen heller zu leuchten, wenn ich sie mit einem schwarzen Farbball bewerfe. Erstaunlich: Plötzlich ist auch die Umgebung gefährlich. Ich kann sterben, werde ein paar Stationen zurückversetzt. Bald muss ich mir selbst Brücken bauen, wozu ich in eine Art dreidimensionale Konstruktionszeichnung wechsle und dort mit Farbbällen Quader baue. Schließlich muss ich mich in einer Art Rennen selbst vor dem Ertrinken retten.
"The Unfinished Swan" ist zusammengesetzt aus diversen Spielmechanismen, die wenig gemeinsam haben, obwohl sie gleich aussehen. Und das ist schade. Gerade das erste Level mit seinem Schattenspiel, mit seinen aus dem Nichts wachsenden Landschaften ist großartig und neu. Alle weiteren Level aber wirken wie hilflos zusammengesuchte Ideen, um aus einem tollen Einfall ein komplettes Spiel zu machen. Auch die Entwickler scheinen gemerkt zu haben, dass ihre Grundidee schön, aber wenig ergiebig ist.
Das Hauptproblem des Spiels: Es verlässt sich zu sehr auf seine aufsehenerregende Ästhetik. Dabei wurde vergessen, dass ein Spiel aus mehr als Optik besteht. Wirkliche Herausforderungen fehlen, ein paar Luftballons als Geheimnisse zum Einsammeln zu verteilen, bringt die Spannung auch nicht voran. Aus einer guten Idee wurde ein kurzes, aber letztlich doch langweiliges Spiel.
Das sagen die Anderen: Einig sind sich die Kritiker vor allem in einer Sache: "The Unfinished Swan" ist ein Spiel, das grafisch außergewöhnlich und großartig ist. Unterschiedlich wird das Gameplay beurteilt. Während die einen von einer der gelungensten - wenngleich mit zwei Stunden auch kurzen - Erfahrungen der jetzigen Generation sprechen, bemängeln andere die repetetiven Aufgaben und den mangelnden Zusammenhang zwischen den einzelnen Elementen.
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