Videospiel "State of Mind" Unmenschliches Berlin

"State of Mind" ist ein kluges Spiel über Menschen und Androiden, produziert von einer Hamburger Entwicklerfirma. Kann es gegen die Werke großer Studios bestehen?

Daedalic

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"State of Mind" ist ein Videospiel-Thriller. Protagonist ist der berühmte Journalist Richard Nolan, der eine Amnesie erleidet und sich in einem Berlin des Jahres 2048 auf die Suche nach seiner Familie und seiner Vergangenheit begibt. Dabei trifft er nicht nur auf menschliche Spuren.

Mag es zunächst noch nach der ziemlich Videospiel-typischen Geschichte um ein verlorenes Gedächtnis und das Erforschen der eigenen Vergangenheit aussehen, verästelt sich das Spiel schnell zu einer Verhandlung aktueller Themen: Wie wird sich die Menschheit entwickeln, wenn androides Leben ihr immer ähnlicher wird?

Ein spannendes, aktuelles Thema wie dieses kann kleineren Spielestudios zum Verhängnis werden. Dann etwa, wenn sie ein Spiel entwickeln, das von einem sogenannten "AAA"-Studio in den Schatten gestellt wird. Von einem größeren Budget, besserer Grafik, größerem Umfang - und einer millionenschweren Werbe-Strategie.

Und ausgerechnet dem Thema androides Leben widmen sich zwei große Spiele der Konkurrenz: "Detroit: Become Human" und "Cyberpunk 2077". Das eine ist gerade erschienen, das andere wird seit der diesjährigen E3 viel diskutiert.

Ein anfänglicher Schock

Doch "State of Mind" scheut den Vergleich angeblich nicht. Sagt zumindest Martin Ganteföhr vom Hamburger Entwicklerstudio Daedalic Entertainment, er ist der Autor des Spiels. "Der erste Gedanke war natürlich, dass ein Spiel wie 'Detroit: Become Human' die gesamte Berichterstattung dominieren wird", erzählt er im Gespräch. Nach dem anfänglichen Schock sei aber klar gewesen, dass "State of Mind" einen ganz anderen Ansatz habe.

Überhaupt sei es ja eigentlich besser, wenn ein Thema von unterschiedlichen Spielen und Medien behandelt würde. "Games sind Bestandteil der Kultur. Kultur ist der Prozess, mit dem eine Gesellschaft Dinge verarbeitet", sagt er. Sein Spiel sei nun ein Mosaikstein von vielen.

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"State of Mind": Von Menschen und Androiden

Ganteföhr selbst sei vor gut zehn Jahren zum ersten Mal auf transhumanistische Literatur gestoßen, sagt er. Dabei handelt es sich um eine Denkschule, die die Erweiterung des Menschen, sowohl physisch als auch intellektuell, durch Technologie diskutiert.

Spätestens als er erfuhr, dass im Silicon Valley bekennende Transhumanisten säßen, habe er sich entschieden, dieses komplexe Thema in einem Spiel zu verarbeiten. "Die ersten Notizen von mir sind gut vier Jahre alt", erzählt er. Vor drei Jahren begann dann die Entwicklung. "Ich wollte eines vermitteln beim Erzählen: Da liegt etwas in Scherben. Und die Spieler sollen es dann selbst im Kopf wieder zusammensetzen."

"State of Mind" erzählt viel, es fordert eher intellektuelle Kapazitäten als flinke Finger. Beim Untersuchen eines Hauses etwa - das leider von der mitunter behäbigen Steuerung etwas verkompliziert wird - finden sich in vielen Gegenständen oder Hinterlassenschaften von Mitmenschen Hinweise, die sich zu einer Erzählung verdichten. Sofern sie denn vom Spieler entsprechend wahrgenommen werden.

Nur in einer Sache ähnelt das Spiel den Blockbustern

Aufmerksame Spieler werden in "State of Mind" viele Anspielungen und Vergleiche finden. Sie werden utopischen wie dystopischen Ideen des Transhumanismus begegnen und die Reise der Menschheit in eine Maschinen-Zukunft gedanklich ein Stück begleiten. Allerdings dürfen sie dabei nicht erwarten, spielerisch herausgefordert zu werden. Mal dürfen sie ein Bilderrätsel zusammensetzen, mal eine Drohne steuern. Ansonsten sollten sie vor allem: aufpassen. Das Erlebte interpretieren.

Anders als "Detroit: Become Human" reagiert "State of Mind" kaum auf die Spieler-Eingaben. Es ist eine ziemlich lineare Geschichte, was auch dem Umstand geschuldet ist, dass Daedalic nicht die Kapazitäten eines Quantic Dream hat, dem großen Studio hinter "Detroit".

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Androiden mit Gefühlen: Das ist "Detroit: Become Human"

Umso interessanter ist daher der Perspektiv-Wechsel innerhalb des Spiels. Denn im Laufe der Geschichte stellt sich heraus, dass Richard Nolan gar nicht so einzigartig ist, wie zunächst angenommen - die Androiden, die er so hasst, sind ihm näher als gedacht.

Da, wo "Detroit" viele Erzähl-Stränge und diverse Spielerentscheidungen vereinen möchte und sich dabei durchaus auch mal verfranzt, bietet "State of Mind" eine stringente Geschichte. Und einen Entwurf von einem unmenschlichen Berlin, in dem die Androiden in ihren humanen Zügen teils besser wiedererkennbar sind als einige Menschen. Und damit ist "State of Mind" genau das: ein Mosaikstein in einem Diskurs um Technik und Menschlichkeit, der uns wohl noch lange beschäftigen wird.


"State of Mind" für PC, PlayStation 4, Xbox One, Nintendo Switch, ab 12 Jahre, ca. 40 Euro.



insgesamt 14 Beiträge
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M.steitz 15.08.2018
1. Ein Spiel. Oder darf es ein bisschen mehr sein.
Die einen wollen zum spielen anregen, die anderen zum Diskurs. Die einen verkaufen Spiele, die anderen eben nicht.
metastabil 15.08.2018
2. "Groß" und "Klein"
Bis Ende 2016 waren Quantic Dreams und Daedalic vergleichbar groß, beide hatten um die 150 Mitarbeiter und Umsätze um die 10 Millionen Euro. Jedoch ist das Spielprinzip von "Detroit: Become Human" für Quantic Dream vertrautes Terrain - das Studio ist schon seit über zehn Jahren auf interaktive Filme spezialisiert, während Daedalic sich mit "State of Mind" auf eher unbekanntes Terrain wagt - Daedalic ist sehr viel mehr für seine Point-and-Click-Adventures bekannt. Ich würde die linearere Erzählweise und die eventuell weniger herausfordernden Spielelemente nicht hauptsächlich auf geringere Kapazitäten schieben, sondern viel mehr darauf, dass Quantic Dream aufgrund ihrer Spezialisierung schlicht mehr Erfahrung haben, wie verzweigte Geschichten erzählt werden können, und welche Spielelemente dabei gut funktionieren.
arr68 15.08.2018
3. aha Cyberpunk und Androiden
das hat der Redakteur wohl sauber recherchiert... In Cberpunk geht es um genau den anderen Weg. Wie viel Technik kann sich ein Mensch einbauen, bis er nicht mehr Mensch ist? Humanoide Roboter mit KI spielen da eine weit untergeordnete Rolle.
bloub 15.08.2018
4.
klar kann daedalic bestehen, weil auch die grossen studios im normalfall eher schrott als kunst produzieren.
ErikMeier 16.08.2018
5.
Zitat von bloubklar kann daedalic bestehen, weil auch die grossen studios im normalfall eher schrott als kunst produzieren.
Mit Kunst kann man aber leider in der Computerspielebranche nicht viel Geld verdienen. Unterhaltung ist das was zählt. Auch wenn sie schon damit recht haben das bei den großen Studios immer mehr mist dabei ist. Ich denke es wird immer schwerer als kleines Studio zu bestehen. Spiele werden immer komplexer in der Produktion und langweilige Indie Titel überschwemmen mittlerweile den Markt. Sich da zu behaupten ohne Finanzielles Polster schränkt einen schon ziemlich ein.
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