Game-Streaming: Spiel verändert, Publikum begeistert

Von Dennis Kogel

Game-Streaming: Spiel im Spiel mit Publikum Fotos
Lucas Pope

In vielen Spielen machen Spieler nicht mehr das, was eigentlich vorgesehen ist. Sie veranstalten Wettrennen in Rollenspielen, stempeln Pässe um die Wette oder schicken Kampfroboter in Völkerballturniere. Auf Streaming Portalen sehen andere zu - manchmal sind es Tausende.

Niemand bearbeitet Pässe schneller als Sebastian Standke. Mit 45 korrekt gestempelten Dokumenten in nur 10 Minuten ist er Weltmeister im Grenzkontrollsimulator "Papers, Please". Wie kein anderer schafft er es, Fehler in pixeligen Dokumenten aufzuspüren. Seine Fähigkeiten beweist Standke in Videos auf seinem YouTube-Kanal. Bloß ist "Papers, Please" für die meisten Spieler eigentlich kein Passkontrollsimulator und auch kein Wettkampf. Es ist ein deprimierendes Spiel über das Leben in einem fiktiven totalitären Ostblockstaat.

Für Standke, Blogger und Redakteur in einer Lübecker Rätselagentur, ist es ein Sport. Dass diese Art, "Papers, Please" zu spielen, nicht ein reines Kuriosum von wenigen sportlich ambitionierten Hobbykontrolleuren blieb, ist dem Aufstieg des Videospiel-Streamings zu verdanken. Plötzlich ist es möglich, jede Art von Spiel direkt mit einer breiten Öffentlichkeit zu teilen. Gespielt wird vor Publikum - und nicht immer das, was die Entwickler eigentlich vorgesehen hatten.

Im vergangenen Jahr verdoppelte der Videospiel-Streaming-Dienst Twitch seine Zuschauerzahlen auf 45 Millionen. Twitch-User stellen Live-Videos ihrer Spiele ins Netz. Das ähnelt im Prinzip den von YouTube bekannten Let's Plays - also kommentierten Spielevideos -, wirkt dank des Live-Charakters aber sehr unangestrengt. Mit ihren Live-Kommentaren bestreiten einige Profis ihren Lebensunterhalt. Sonys Playstation 4 unterstützt Streaming, für Microsofts Xbox One ist die Integration angekündigt. Derweil bleibt die Beliebtheit von Let's-Play-Videos ungebrochen.

Wettrennen in einem Rollenspiel-Labyrinth, 2000 Zuschauer

Spannender als der finanzielle Erfolg von Twitch und Let's Play ist der Einfluss auf die Gaming-Kultur. Es entstehen unerwartete neue Spielweisen vor einem größeren Publikum - wie die Rennspielliga "Binding of Isaac League Racing", kurz "BOILeR". "The Binding of Isaac" ist kein Rennspiel, es hat nicht einmal einen Multiplayermodus. Es ist ein Rollenspiel über einen nackten Jungen, der durch ein zufällig generiertes Verlies sprintet und mit seinen Tränen Monster abschießt. Im "BOILeR" versuchen zwei Spieler völlig unabhängig voneinander am schnellsten durchs zufällige Labyrinth zu kommen. Fair ist das nicht, dafür aber sehr unterhaltsam, weil die Spieler spontan neue Taktiken entwerfen müssen, sobald der Zufall nicht auf ihrer Seite ist.

"Selber bin ich da gar nicht gut drin", gibt der 33-jährige Organisator Ryan Crumpley zu. "Angefangen hat alles mit mir und einem anderen Streamer, Lethalfrag. Wir haben "Binding of Isaac"-Rennen aufgenommen, und unsere Zuschauer haben die Regeln aufgestellt." Als die Community mehr Videos forderte, fing Crumpley an, Rennen zu organisieren und wie ein Sportreporter zu kommentieren. Dann kam die Idee für einen offiziellen Wettkampf. "Ich dachte, das würde nur ein Spaß für unsere Freunde werden", erzählt Crumpley. "Und dann hatten wir 1000 Zuschauer pro Runde, über 2000 für das Finale." Ab 500 regelmäßigen Live-Zuschauern gilt ein Twitch-Streamer als Profi. Die Turniere der zweiten Saison haben sich bei 2000 bis 3000 Zuschauern eingependelt, eine dritte Saison soll zum Konsolenstart von "Binding of Isaac" beginnen.

Ein "Fight Club" in Peter Molyneux' "Black & White"

Wäre "BOILeR" nicht auf Twitch, es wäre wahrscheinlich eine Randnotiz geblieben. So wie die "Fight Club"-Community in Peter Molyneux' Göttersimulation "Black & White" oder eine Völkerball-Variante, die im Roboter-Shooter "Mech Assault" gespielt wird. Nur noch in Nischenblogs wie dem von Zoe Evely Hart findet man Informationen über solche seltsamen Spielumwidmungen. Hart sammelt Geschichten über "Ironman"-Varianten für "Diablo II" oder ein "Katz & Maus"-Spiel für zwei Teams, das sich innerhalb von Rennsimulationen entwickelt hat. Die Fans solcher Spiele im Spiel bleiben allerdings meist unter sich.

"BOILeR" hingegen erhält auch die Aufmerksamkeit von Spieleentwicklern. "Edmund (McMillen - d. Red.), der 'Isaac'-Entwickler, liebt uns", sagt Crumpley. "Er kommentiert selbst oft die Rennen und wir konnten ihn richtig ausfragen über die Gegenstände im Spiel und wie sie miteinander interagieren. Das hilft uns als Organisatoren, und die Fans kriegen exklusive Einblicke."

Für die Entwickler ist es sinnvoll, Wettbewerbe zu ermutigen. "Das Spiel erreicht dadurch eine höhere Popularität", erklärt Sebastian Standke. Lucas Pope, der alleinige Entwickler von "Papers, Please", hat erst auf Drängen der Fans die Wettbewerbsmodi implementiert und löste damit die grundlegende Spielmechanik - die Detektivarbeit an Reisedokumenten - von der deprimierenden Geschichte des Grenzbeamten. "Es ist ja auch ein Spiel, das sehr viel Spaß macht, das ganz wunderbar gemacht ist, auch auf mechanischer Ebene", sagt Standke. "Ich sehe kein Problem darin, ein Spiel wie 'Papers, Please', das eine relativ eindeutige Nachricht verbreitet, auch unterhaltsam zu gestalten."

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Und täglich grüsst das Murmeltier...
archetype9 08.02.2014
Warum schreckt der Spiegel bei Computerspielen eigentlich immer vor allem ausser den FPS- und Indiegames zurück...? Wie im Artikel über die Effekte von Computerspielen auf das menschliche Denkvermögen (wo man gut z.B. den Multitaskinganspruch eines Starcrafts hätte nennen können) fehlen die großen "Geschütze" auf Twitch: League of Legends (250000 Zuschauer bei den Meisterschaften), Starcraft 2 (ditto) und Hearthstone. Kein BF4 verdammt nochmal...
2. Wir
Schiebetürverriegler 08.02.2014
Zitat von sysopSteamIn vielen Spielen machen Spieler nicht mehr das, was eigentlich vorgesehen ist. Sie veranstalten Wettrennen in Rollenspielen, stempeln Pässe um die Wette oder schicken Kampfroboter in Völkerballturniere. Auf Streaming Portalen sehen andere zu - manchmal sind es Tausende. http://www.spiegel.de/netzwelt/games/streaming-twitch-und-youtube-gegen-das-vergessen-a-945960.html
haben uns immer einen Spaß daraus gemacht, bei Call of Duty hinter dem feindlichen Mitspieler herzuschleichen, ohne auf Diesen zu schießen. Wer es am längsten unbemerkt schaffte war hoch angesehen. Sehr zum Leidwesen, der anderen, knochentrockenen Militaristen, die online mitgespielt haben.....
3. Lobhymnen
Milkyslice 08.02.2014
bei tausenden Streamern hat man einfach eine riesige Palette von Kleinentertainern, zieh ich schon lange dem Fernsehen vor. Man kann jederzeit jede/n sehen und mit den Streamern (wenn nicht zu groß) bzw der Community drumherum interagieren, was die ganze Geschichte etwas persönlicher macht. Obs ein Channel ist in dem immer das selbe gespielt wird oder welche die spielen was die Community gerne sehen würde. Als Gelegenheitsstreamer bzw Einsteiger kommt man auch herrlich einfach da rein weil man kaum technische Vorkenntnisse braucht um dort reinzukommen. Im Prinzip kann man bei jedem Turnier, welches einen Interessiert, jederzeit einschalten oder es lassen. Wenn man es geschafft hat wie der genannte Lethalfrag, ManVsGame oder Sodapoppin kann man auch ein sehr angenehmen leben führen mit den Einnahmen. Aber die genannten sind auch sehr gute Entertainer auf ihre eigene Art und Weise.
4.
Shivon 08.02.2014
Zitat von sysopSteamIn vielen Spielen machen Spieler nicht mehr das, was eigentlich vorgesehen ist. Sie veranstalten Wettrennen in Rollenspielen, stempeln Pässe um die Wette oder schicken Kampfroboter in Völkerballturniere. Auf Streaming Portalen sehen andere zu - manchmal sind es Tausende. http://www.spiegel.de/netzwelt/games/streaming-twitch-und-youtube-gegen-das-vergessen-a-945960.html
Ich möchte eigentlich ungern meckern, aber wenn SPON ein Artikel über die Aktivitäten bei Twitch herausbringt, dann hätten sie wenigstens auch die "Top-Streamerspiele" benennen können. Nämlich LOL, DOTA und SC2. Ich bin zwar nur ein "Fan" von SC2, aber Twitch ist auch eine Plattform um professionellen E-Sport zu verbreiten. Ansonsten sieht man durch die genannten Beispiele wieder, dass die Spieler sehr kreativ sind und aus einem Spiel auf dem ersten Blick viel mehr herausholen können, als der Entwickler es sich vlt. dachte. Deshalb wünsche ich mir auch bei großen Titeln wie BF4 etc. eine Modfähigkeit.
5. über Zuschauer-quoten,
hirnschlacht 08.02.2014
die manche Stramer haben, würden sich RTL, Pro7 und co. sehr freuen :) Wenn Leute wie xPeke oder Alex_Ich (beide sehr erfolgreiche League of legends Pro-Spieler, die auch schon genug Geld durch Sponsoren und Preisgelder mit ihren Teams zusammen verdienen) ihre Fun-Games streamen, könnte man mit ihren Zuschaern die meisten Fussball-Stadien voll bekommen. 50.000 Zuschauer sind nicht selten, obwohl es bei den Spielen um nix geht. Es sind keine Turniere. Die beiden Spielen meist nur zum Training/Spass. Wie schon von einem anderen Kommentar beschrieben, ist eine interaktion mit diesen kleinen Stars jederzeit via chat möglich, und so erfüllen sie dann nebenbei die Wünsche der community (etwa mit welcher Spielfigur sie die nächste Runde spielen sollen) Das ganze ist so, als könne der Formel1-Fan Herrn Vettel dabei zuschauen wie er über den Kurs jagd und ihm dabei noch sagen welche Strecke er als nächstes bitte fahren soll. Einfach toll!
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