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20 Stunden mit "Grand Theft Auto V": Yoga, Tennis, Massenmord

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Am Dienstag kommt das neue "Grand Theft Auto" in den Handel, Teil fünf der Spieleserie um kriminelle Einzelkämpfer. Diesmal ist etwas anders: "GTA V" wartet mit drei Protagonisten auf, einer Spielwelt von bislang unbekannter Größe und einer noch kaputteren Story. Reicht das?

"GTA V": Das Spiel, die Stadt und der Tod Fotos
Rockstar Games

Eins vorab: So etwas machen wir eigentlich nicht. Wenn bei SPIEGEL ONLINE ein Videospiel rezensiert wird, dann entweder komplett - oder explizit im Format "Angespielt", also ohne Gewähr auf vollständige Abbildung. Aber "Grand Theft Auto V" ist eine Ausnahme. Keine andere Spieleserie hat für solche Kontroversen gesorgt, wenige haben sich so gut verkauft, wenige so viele bahnbrechende Neuerungen gebracht. Das Problem ist, aus Sicht des Rezensenten, vor allem eins: Ein "Grand Theft Auto"-Spiel ist viel zu lang.

Mir liegt das Rezensionsexemplar des Spiels seit vergangenem Dienstag vor. Seitdem habe ich gut 20 Stunden in der Spielwelt verbracht - weil man als SPIEGEL-ONLINE-Redakteur in seiner Arbeitszeit andere Dinge zu tun hat, weil ich eine Familie habe und auch mal schlafen muss. In diesen gut 20 Stunden habe ich, wenn die Statistik des Spiels nicht lügt, etwa 30 Prozent all dessen erledigt, was man in der gewaltigen Spielwelt offiziell tun kann. Sie ist so groß wie die der bisherigen "GTA"-Titel und des Westernspiels "Red Dead Redemption" zusammen. Gewaltig also.

Millionen Erwachsene warten seit Jahren sehnsüchtig auf das nächste "GTA". Das Spiel ist völlig zu Recht ab 18, "GTA IV" hat sich über 25 Millionen mal verkauft. Diese Menschen werden viele Wochen mit dem Durchspielen verbringen. "GTA V" ist ostentativ für eine überwiegend männliche Zielgruppe gemacht: Es gibt darin Strip Clubs, Waffen, Autos, aber keine einzige ernstzunehmende Frauenfigur - zumindest nicht in den ersten 20 Stunden.

636 Tote in 20 Stunden Spielzeit

Ich habe in dieser Zeit 636 Pixelmännchen umgenietet, den größten Teil davon in der Rolle des psychopathisch veranlagten, drogenabhängigen und enorm unterhaltsamen Trevor, einem von drei spielbaren Charakteren. Auch der body count von "GTA V" dürfte auf einen neuen Rekord hinauslaufen. Nach 55 Stunden "GTA IV" hatte ich knapp 800 simulierten Opfern das Licht ausgeblasen. Ich fand das damals schon ermüdend. Diesmal werden es mehr, fürchte ich.

Anfangs habe ich mich gefragt, ob das wirklich noch mal sein muss: Die alte Formel, bekannt seit "GTA 3" (2003). Offene Welt, Autos klauen, "Missionen" erfüllen, bei denen meistens irgendetwas schiefgeht und dann plötzlich sehr viele Gegner erschossen werden müssen, Rennen fahren, Verfolgungsjagden. Und bösartige Satire im Radio, im Fernsehen, im Spiel-Internet, in Dialogen und Plot. Reicht das?

Man beginnt das Spiel als Michael, professioneller Dieb. Gemeinsam mit Trevor, professioneller Irrer, und einem anderen gerät Michael nach einem Überfall irgendwo in den verschneiten Weiten Amerikas in eine brenzlige Situation und wird erschossen. Scheinbar.

Zehn Jahre später residiert der vermeintlich Tote in einem Anwesen mit Pool und Tennisplatz in den Hügeln von Los Santos (Los Angeles). Seine zwei fast erwachsenen Kinder sind verzogene Bälger, seine Frau treibt es mit Tennistrainern und Yogalehrern. Michael ist im kriminellen Ruhestand und sehr unzufrieden. Regelmäßig geht er zum Psychiater, was sehr an die "Sopranos" erinnert. Das Skript von "GTA V" ist demonstrativ postmodern, besteht aus zahllosen Zitaten und Referenzen.

Absurde Kunstfilme und linke Superhelden

Im Radio, im Fernsehen, auf den Straßen bekommen viele ihr Fett weg, zum Teil auf selbst für "GTA" überraschend brutale Weise: Scientology und Facebook, Casting-Shows und Teenie-Stars, korrupte Polizisten und noch korruptere Politiker, Rechte wie Linke. Im Fernsehen gibt es einen "liberalen", also linken Superhelden namens "Impotent Rage", der Fabriken lieber in die Luft sprengt, als das Ende eines Streiks zuzulassen, im Kino absurde Kunstfilme a lá Dalí.

Muss man sich "GTA V" wirklich noch einmal antun, nur, weil es all das noch einmal schöner, größer, spektakulärer bietet? Meine vorsichtige Antwort nach 20 Stunden: ja. Und zwar vor allem wegen Trevor.

Der psychopathische Ex-Soldat, der gelegentlich einfach mal wahllos um sich schießt, weil irgendjemand seiner Ansicht nach etwas Falsches gesagt hat, ist der Geniestreich dieses Skripts, eine Art Kommentar zum Genre: Der unberechenbare, von keinem moralischen Hemmnis gebremste Trevor verkörpert all das, was "GTA"-Spieler schon immer ausgelebt haben, manche zumindest.

Trevor ist eine Spielfigur ohne Über-Ich

Sobald man in der Rolle dieses sehr unterhaltsam, von einem weitgehend unbekannten Schauspieler kongenial eingesprochenen Speedfreaks schlüpft, erscheinen all die Gräueltaten plötzlich passend und normal. Trevor scheint ohne Über-Ich durchs Leben zu gehen, und so lässt er das des Spielers gleich mitverschwinden - vorübergehend.

Schon bei seinem ersten Auftritt nach einigen Stunden Spiel hinterlässt Trevor einen bleibenden Eindruck, als er mit einer aus einem früheren "GTA"-Titel bekannten Figur zusammentrifft. Innerhalb weniger Minuten wird deutlich, dass dieser Kerl nicht nur wahnsinnig, sondern auch gewalttätig und reizbar ist. Der ungebremste Zynismus dieser Figur - unterbrochen von merkwürdigen Anwandlungen der Menschlichkeit - wird für mächtige Kontroversen sorgen: Für ihn gibt es spezielle Massenmord-Missionen, die damit eingeleitet werden, dass er vor seinem Zorn Fliehenden den Rücken schießt, und einmal darf er sich sogar als Folterknecht verdingen. Wählt er dabei Waterboarding als Methode aus, verkündet der anschließende Belohnungbildschirm: "Es ist legal!" Tatsächlich handelt Trevor in der bewussten Szene im Auftrag eines Staatdieners der USA. ´

Weniger Pendlerfahrten, mehr Abwechslung

"GTA V" ist noch kaputter als seine Vorgänger. Die Autoren Dan Houser und Lazlow Jones sind diesmal noch brutaler mit Amerika umgegangen. Gleichzeitig aber ist das Spiel viel abwechslungsreicher geworden, und die Möglichkeit, zwischen den Figuren hin- und herzuwechseln, erspart einem viel überflüssiges Herumgefahre. Wenn man Michael nach getaner Arbeit einfach stehen lässt, und sich dem schwarzen Ghetto-Aufsteiger Franklin zuwendet, findet Michael selbst nach Hause. Die Missionen selbst passen sich organischer in die Geschichte ein und sind nicht mehr so eintönig wie früher: Hinfahren, schießen, wegfahren.

Die zahlreichen Nebentätigkeiten sorgen derweil für eine ganz eigene Komik: Ghettokid Franklin im Dalí-artigen Kunstfilm, Superdieb Michael beim Yoga am Pool, Psychopath Trevor im Tennisdress, bei jedem verlorenen Punkt wüst fluchend. Das Fahren, Schießen, Klettern, Fliegen wurde ein wenig verbessert und um einige rollenspielhaft veränderbare Charaktermerkmale ergänzt. Wieder kann man kann seine Spielfiguren wie "Sims" neu einkleiden, tätowieren oder ihnen einen neuen Haarschnitt verpassen.

Vor allem aber hat die überdrehte Geschichte mehr zu bieten als die spektakulären Überfälle, die Trevor, Franklin und Michael mit Hilfe weiterer Nebenfiguren durchziehen: Ein böses Ehedrama und die komplizierte Beziehung zwischen dem kontrollierten Superdieb Michael und dem scheinbar unzerstörbaren Irren Trevor, der sich für seinen Freund hält.

Ich jedenfalls wollte nach 20 Stunden wissen, wie es weitergeht.


"Grand Theft Auto V" für Playstation 3 und Xbox 360, ab 17. September 2013, ca. 70 Euro. PC-Version angekündigt

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insgesamt 110 Beiträge
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    Seite 1    
1. Super Spiel...
trinityguildhall 16.09.2013
...und ein super Bericht! Leider ist Letzterer genauso nichtssagend wie das Spiel. Das Spiel wiederum zeigt in was fuer einer nichtssagenden Zeit wir leben, in der man sich dafuer ruehmt wieviele "Lichter man ausgeblasen hat", auch virtuell. Im Endeffekt ist dieser Artikel Werbung fuer das Spiel, mehr nicht. Aufgrund fehlender Kritik am Spiel (und fehlendem Gleichgewicht dbzgl.) leider nicht glaubwuerdig. Oder doch nur ein Ausdruck unserer "postmodernen", kommerzialisierten Zeit in der der Relativismus nur durch Konsum ertraeglich wird?
2. Wenn schon Open World...
bcofido 16.09.2013
Zitat von sysopRockstar GamesAm Dienstag kommt das neue "Grand Theft Auto" in den Handel, Teil fünf der Spieleserie um kriminelle Einzelkämpfer. Diesmal ist etwas anders: "GTA V" wartet mit drei Protagonisten auf, einer Spielwelt von bislang unbekannter Größe und einer noch kaputteren Story. Reicht das? http://www.spiegel.de/netzwelt/games/test-24-stunden-mit-grand-theft-auto-v-a-922457.html
... dann aber richtig. Die Möglichkeiten in GTA wirken schon gewaltig, dennoch fehlt einem das Multiplayerfeeling. Auch mit GTA Online werden nur 16 Spieler gleichzeitig bedient. Wer mit tausenden anderen Spielen eine offene Welt mit Mord und Todschlag erleben will, dem empfehle ich ArcheAge. Alles zu diesem grandiosen Titel, der von Trion Worlds in Europa gepublished wird, finden Sie in diesem Artikel: ArcheAge Knowledge Base v2.0 - Bekanntes und weniger Bekanntes (Releaseversion) (http://archeage-online.de/forum/showthread.php?1683-ArcheAge-Knowledge-Base-v2-0-Bekanntes-und-weniger-Bekanntes-%28Releaseversion%29) Ach ja, diesen Titel kann man dann auch auf dem PC geniessen ;)
3.
Kiesch 16.09.2013
Endlich mal ein Bericht über einen Shooter der auf mehr hinausläuft als immer wieder zu wiederholen das Shooter böse sind. Und zur Abwechslung sogar mal was was vielleicht auch in einer Spielezeitschrift (also bei echten Experten) stehen könnte. Wenn man jetzt noch ein paar Worte dazu verlieren würde wie gut das Spiel seine Sache handwerklich macht (Grafikqualität, Sound (wobei da Andeutungsweise was zu gesagt wird) ) etc., dann würde ich selbst vermutlich langsam anfangen auch die Spieleberichte von SPON ernst zu nehmen. In diesem Sinne: Glückwunsch zu dem gelungenen Bericht.
4.
Crom 16.09.2013
Wenn's nicht für den PC kommt, wird's nicht gekauft.
5.
Toecutter 16.09.2013
Zitat von trinityguildhall...und ein super Bericht! Leider ist Letzterer genauso nichtssagend wie das Spiel. Das Spiel wiederum zeigt in was fuer einer nichtssagenden Zeit wir leben, in der man sich dafuer ruehmt wieviele "Lichter man ausgeblasen hat", auch virtuell. Im Endeffekt ist dieser Artikel Werbung fuer das Spiel, mehr nicht. Aufgrund fehlender Kritik am Spiel (und fehlendem Gleichgewicht dbzgl.) leider nicht glaubwuerdig. Oder doch nur ein Ausdruck unserer "postmodernen", kommerzialisierten Zeit in der der Relativismus nur durch Konsum ertraeglich wird?
Was für ein überflüssiger Kommentar. Da wird sich über die vermeintlich fehlende Kritik am Spiel aufgeregt, aber selber gespielt haben Sie das Spiel auch nicht. Der Redakteur weiss wenigstens wovon er spricht, Sie haben wohl nur Vorurteile.
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