Endzeitspiel "The Last of Us" Machwerk - oder Meisterwerk?

Auf "The Last of Us" warten Gamer schon seit Jahren. Viele feiern das düstere, spektakuläre Endzeitspiel als berührendes Meisterwerk - aber nicht alle sind begeistert. Hier streiten zwei Autoren: Ist "The Last of Us" ein Triumph - oder eine bittere Enttäuschung?

Naughty Dog

Pro: Brutal gut

"The Last of Us" ist oft hart, aber das nie ohne Grund. Es berührt den Spieler, lässt ihn um die Figuren zittern und bangen. Es erzählt die Geschichte der großen amerikanischen Reise auf neue und beklemmende Art.

Von Carsten Görig

Am Ende von "The Last of Us" steht eine Lüge. Eine große Lüge, durchschaubar und doch beruhigend. Eine Lüge, die das Ende einer langen Reise markiert. Die es den Protagonisten möglich macht, in Frieden zu leben. Vielleicht. Sie scheint die einzige Lösung in diesem Spiel zu sein. Einem Spiel, das es wie kaum ein anderes vermag, eine Geschichte zu erzählen. Bewegend, mitreißend.

Entwickelt wurde das Spiel von Naughty Dog, einem Studio, das vor allem mit der "Uncharted"-Reihe bekannt geworden ist. Das sind Popcorn-Abenteuer auf den Spuren von Indiana Jones und Lara Croft. Gut inszeniert, millionenfach verkauft, doch seicht und flüchtig. "The Last of Us" ist anders. Auch wenn Grafik und Gameplay offenkundig auf "Uncharted"-Technik aufbauen.

Fotostrecke

8  Bilder
"Uncharted 3": Sand und Sonne
"The Last of Us" ist die Geschichte einer Reise. Eine Pilzinfektion hat den größten Teil der Menschheit ausgelöscht oder in Zombies verwandelt. Joel, Ende vierzig, hat den Ausbruch der Infektion erlebt, Ellie, 14 Jahre alt, kennt nur Ruinen von Städten und das Leben in Angst. Er soll sie aus einer Quarantänezone in Boston schmuggeln und in ein geheimes Labor in den Rocky Mountains bringen. Durch ein Land voller Untoter, Militärs und Banditen. Sie werden sich gegen Angriffe wehren, überleben müssen. Mit begrenzten Mitteln kämpfen, immer wieder brutal, voller Wut und Angst.

Wie überlebt man gemeinsam in einer feindlichen, leeren Welt?

Wer sucht, wird Parallelen zur Literatur finden, zu Filmen, Fernsehserien und auch Spielen. Cormack McCarthys "The Road" natürlich, Stephen Kings "The Stand", "The Walking Dead", aber auch das märchenhafte Spiel "Ico" sind Referenzpunkte. Wie überlebt man gemeinsam in einer feindlichen, leeren Welt? Wie behält man dabei seine Menschlichkeit? Was macht es mit einem, wenn man sich um jemanden kümmern muss, der schwächer ist?

Fotostrecke

11  Bilder
"Walking Dead": Das Zombie-Adventure
"The Last of Us" nutzt diese Dynamik. Lässt Joel und Ellie ein Jahr lang gemeinsam reisen. Die anfängliche Skepsis weicht einem tiefen gegenseitigen Verständnis, die Rollenverteilung verschiebt sich langsam. In wechselnden Konstellationen lotet das Spiel die Beziehung der beiden aus, spiegelt ihr Verhalten, ihre Ängste und ihre Träume in Begegnungen mit anderen Überlebenden. Einem Bruderpaar, mit dem gemeinsam sie aus einer Stadt fliehen, einem verschrobenen Kauz, der als letzter Gesunder in seinem Heimatort lebt, einem Dorf voller Räuber, die aus Hunger zu allem bereit sind.

Die Brutalität ist kein Selbstzweck

Das Spiel führt Ellie und Joel auf die Spuren der Pioniere. Von Boston über Pittsburgh in die Rocky Mountains und weiter. Die klassische amerikanische Route, diesmal aber durch ein kaputtes Land, keines, das noch erobert werden will. Und doch hoffen auch Joel und Elli auf eine bessere Welt im Westen, auf Erlösung. Und wie bei den Siedlern ist es keine einfache Reise.

Fotostrecke

17  Bilder
Story-Games: Spiel mir eine Geschichte
Ein friedlicher Moment mit Hank Williams im Autoradio endet in einem brutalen Angriff. Zur Verteidigung gibt es nur wenige Kugeln im Gewehr, dafür Brechstangen, Äxte, selbstgebaute Splitterbomben. Aus dem Schatten heraus werden Gegner erstochen oder erwürgt. In diesen Momenten ist "The Last of Us" kein schönes Spiel, sondern abstoßend.

Doch die Brutalität ist kein Selbstzweck, sie unterstreicht den düsteren Grundtenor des Spiels. Es geht ums Überleben. Und so wandelt man seinen eigenen Spielstil. Schleicht man anfangs noch um die Gegner herum, nimmt man die Angriffe bald persönlich, spielt offensiver. Gerade dann, wenn der Partner bedroht ist. Schlägt fast verzweifelt mit einer Stange auf Milizkämpfer ein, hofft, dass der Flammenwerfer die Untoten aufhält.

Das Gameplay ist abwechslungsreich und doch spartanisch

Das Gameplay steht der Geschichte dabei nur selten im Weg. Es ist abwechslungsreich und doch spartanisch. Klettern, schwimmen, laufen, kämpfen. Nicht mehr. Und doch weicht es so sehr von den üblichen Aufgaben in Spielen ab, dass man sich fast beleidigt fühlt, wenn doch mal eine "Finde den Schalter"- oder "Schalte den Generator ein"-Aufgabe auftaucht.

Natürlich hat das Spiel seine Schwachstellen. Manche Charakterentwicklung kommt etwas plötzlich, einige Level sind arg gestreckt und der Verlauf der Story ist durchaus zu ahnen. Dennoch: Die Art und Weise, wie Naughty Dog die Geschichte erzählt, ist meisterhaft. Mit großer Leichtigkeit verbindet "The Last of Us" Spiel und Zwischensequenzen, zieht Spieler immer wieder in seinen Rhythmus und lässt sie um die Protagonisten zittern und sorgen. Da macht es auch nichts, dass der Schluss eine große Lüge ist. Jeder würde sie gerne glauben. Vor allem der, der sie erzählt.


Contra: Das Letzte für uns

Das gefeierte "The Last of Us" ist in Wahrheit ein Reinfall: Es setzt keine Trends, es enttäuscht, es ist sinnlos brutal. Und das Schlimmste: Es macht nicht einmal Spaß.

Von Thomas Lindemann

Natürlich, eine Frau. Natürlich, sie ist ruppig. Natürlich, ich muss mich ihr unterordnen. Da sind sie, alle Klischees dessen, was Spieleentwickler für modern halten. Als erstes muss der Spieler bei "The Last of Us" bei Tess mitlaufen, dem Non-Player-Character mit der kalten Schnauze. Leider geht's dann widerlich weiter: Wir treffen auf einen Gangster, mit dem irgendwelche Geschäfte schiefgelaufen sind. Da wir seine Armee schon ausgelöscht haben, steht er dumm da. Meine Begleiterin spielt kurz cool und knallt den hilflos am Boden Liegenden dann einfach ab.

Joel, der einsame Texaner, den ich hier widerwillig als Protagonist durch das Spiel führen muss, protestiert nicht einmal. Offenbar ist so etwas okay. Ich lebe in der Postapokalypse. Ein Pilz (wie originell: diesmal kein Virus!) hat die Menschheit befallen und die meisten zu Zombies gemacht. Die muss ich töten, töten, töten. Die Bullen des Schweinesystems auch, denn dieses Spiel kann sich nicht entscheiden, ob es eine Zombie-Geschichte erzählen will oder eine Dystopie aus einem totalitären Regime.

250 Genicke brechen, um durchzukommen

Man denke einmal an Michael Haneke, den Regisseur von "Funny Games" oder "Das weiße Band". Sein Filmschaffen dreht sich darum, dass es keine gute Gewalt gibt. Wer tötet, ist immer schuldig. Auch wenn Tarantino das nie begriffen hat. Solche wichtigen Debatten hat das Kino. Die Spielebranche hat Unsinn wie "The Last of Us". Hochklassige Spiele, in denen man 250 Genicke brechen muss, um durchzukommen.

Fotostrecke

10  Bilder
"Das weiße Band": Brutstätte des Menschheitsverbrechens
Und das ist nicht einmal das einzige Problem. Das Spiel versagt auch vor der Ästhetik des Genres. Postapokalypsen- und Zombie-Spiele haben es schwer. Sie müssen sich gegen gute Vorbilder behaupten: "Resident Evil" (eher schwach), "I am Legend" (mittelmäßig aber mit Idee) oder "The Walking Dead" (trotz der öden Spielmechanik: phantastisch). Es reicht einfach nicht mehr, dass eine Gruppe durch die verwüstete Welt wandern muss.

In diesem Spiel muss man ein junges Mädchen bis in ein Camp mit Medizinern und Wissenschaftlern bringen; ein Mädchen, das trotz Zombiebiss überlebt. Sie ist der Schlüssel für einen Impfstoff - so will es die Vulgärmedizin. Das Setting dahinter aber, in einem totalitären Staat als Widerstandskämpfer überleben zu müssen, ist von "Half-Life 2" geklaut, dem besten Videospiel der Geschichte, neun Jahre alt.

Das Spiel versteht seine eigene Knöpfchensprache nicht

Bloß laufen hier Gegner seltsam stockend in der Gegend herum, selbst, wenn sie keine Zombies sind. Sie verstecken sich nicht und wirken unecht. Niemals stellt sich Atmosphäre ein. Die Steuerung ist nicht flüssig. Sie wirkt qualvoll. Immer wieder sitzen Zombies in meinem Nacken und fressen mir die Schlagader weg, nur weil das Spiel seine eigene hochkomplexe Knöpfchensprache nicht schnell genug versteht.

Es gibt ein inhaltliches Vorbild, nur wird das nie erreicht. Cormac McCarthy bekam für seinen Roman "The Road" von 2006 den Pulitzer-Preis. Darin ziehen Vater und Sohn durch das leere Land. Warum die Zivilisation in Trümmern liegt ist egal - es geht um Einsamkeit, und um den surrealen Schauer, alles könnte plötzlich ganz anders sein. Diese Art von Psychologie fehlt dem Spiel ganz.

Fotostrecke

7  Bilder
"Metro: Last Night": Die U-Bahn wird zum Fischerdorf
Wer hätte gedacht, dass man hinter die Errungenschaften des großartigen "Dishonored" von 2012 noch zurückgehen kann? Dort war es zum Beispiel möglich, schleichend alles zu meistern, ohne Gewalt. Hier nicht. Andere Optionen als Erwürgen, Erschlagen oder Erstechen hat man im Nahkampf nicht. Selbst das nicht zimperliche "Metro Last Light" gab dem Spieler die Wahl, seine Opfer nur K.o. zu schlagen.

Eine Enttäuschung, weil es so gut hätte werden können

An sich ist es eine schöne Idee, dass es die Begleiterin gibt. In "Bioshock Infinite" war das sogar Spielprinzip. Hier ist sie ein nerviger Klotz am Bein. Das Spiel bemüht sich nicht einmal um die Illusion, man sei nicht allein. Wenn ich mit jemandem ringe und ihn dann töte, meist sehr blutig und hässlich, dann vergehen zwei Sekunden. Und dann ruft sie plötzlich doch noch "Oh Mann, Scheiße, Joel", so wie ein zickiger Teenager eben etwas voll Scheiße findet.

Sony ist der einzige der großen Konzerne, der konsequent kunstvolle Spiele fördert. Doch dass er dieses Spiel kulturell wertvoll nannte, war ein Irrtum. Ein paar Gamer-Medien der USA haben es "Meisterwerk" genannt und der geschätzte Kollege Carsten Görig liebt es (siehe oben).

Sie alle irren diesmal. "The Last of Us" ist ein uninspiriertes Machwerk. Dabei ist die erste Viertelstunde, in der ein Vater seine Tochter verzweifelt beschützen will, packend und dramaturgisch dicht. Später gibt es auch noch Kannibalen (Idee gestohlen bei "The Walking Dead"), später gibt es auch noch schöne Momente - Giraffen grasen in Salt Lake City - später werden auch die Bezüge zu Joels dunkler Vergangenheit stärker. Alles aber zu spät. Da hat man das schwache Spiel im Zweifel schon weggelegt.

"The Last of Us" ist eine Enttäuschung, weil es so gut hätte werden können.


"The Last of Us" von Sony für Playstation 3, ca. 60 Euro; USK: Ab 18 Jahren

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 81 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Dark Agenda 15.06.2013
1. Bestes Spiel der Geschichte
Half-Life 2? Schafft es nicht mal auf die Top 100! Es war ein netter Shooter, von der unsinnigen Story einmal abgesehen. Auch werden da locker über 100 "Leute" (Aliens) kaltgemacht. Und was soll der Vergleich mit Haneke? Passt ja thematisch wie Black Sabbath zu Beethoven.
spon-facebook-10000210697 15.06.2013
2. Spiel erzählt eine teilweise wahre Geschichte
was der zweite Autor mit den Pilzen sag das es sowas nicht gibt und sich drüber lustig macht finde ich nicht ok in der Geschichte heißt es ja ein Pilz befällt die Menschen und zwingt sie dazu Sachen zu machen die sie normaler weise nicht tuen diesen Pilz gibt es in auch in der Wirklichkeit und macht aus Ameisen Zombies habt auch einen Artikel drüber geschrieben ich finde das spiel gut habe mir ein paar Letsplays angeguckt es ist ein Meisterwerk
lequick 15.06.2013
3.
Ich spiele es seit Donnerstag und "The Last of Us" ist aktuell das beste Game der letzten Jahre, was da einem in letzter Zeit an Einheitsbrei geliefert wird ist für die gesamte Gamer-Welt einfach nur traurig - da ist "The Last of Us" eine sehr willkommene Abwechslung.
fonduan 15.06.2013
4.
"Half Life 2" war ohne Zweifel ein Meilenstein, aber das beste Spiel aller Zeiten ist für mich immer noch "System Shock 2" - ich habe damals von dem Spiel geträumt, so sehr hat es mich bewegt. Leider hat man lange nichts dergleichen gesehen!
dertordesmonats 15.06.2013
5.
Zitat von sysopNaughty Dog Auf "The Last of Us" warten Gamer schon seit Jahren. Viele feiern das düstere, spektakuläre Endzeitspiel als berührendes Meisterwerk - aber nicht alle sind begeistert. Hier streiten zwei Autoren: Ist "The Last of Us" ein Triumph - oder eine bittere Enttäuschung? http://www.spiegel.de/netzwelt/games/the-last-of-us-fuer-playstation-3-pro-und-contra-a-905729.html
Das Spiel wurde erst vor 1 Jahr bei der E3 2012 präsentiert?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.