Angespielt: Zwanzig Minuten mit "Thirty Flights of Loving"

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Das PC-Spiel "Thirty Flights of Loving" ist ein kurzes, verwirrendes Meisterwerk. Es regt die Phantasie des Spielers an, im Kopf läuft ein Agententhriller, ein Krimi oder eine Liebesgeschichte ab - alles ist möglich. Carsten Görig urteilt: Dieses Spiel ist eine kleine Offenbarung.

Angespielt: "Thirty Flights of Loving" Fotos
Blendo Games

Aha. So. Jetzt aber. Hier. Nein. Dort. Hmmm? Wie bitte? Vorbei! Das denke ich beim Spielen von "Thirty Flights of Loving". Dafür brauche ich keine Stunde. Es ist bereits nach 20 Minuten vorbei. Doch diese Minuten sind die interessantesten seit langer Zeit. Rasant, überraschend, verwirrend und erhellend. "Thirty Flights of Loving" sagt in der kurzen Zeit mehr über den aktuellen Zustand der Spieleentwicklung aus als die meisten anderen Spiele in zehn Stunden.

Der Anfang ist verschroben. Ich gehe mit meiner Figur in eine Bar, versuche mit den herumsitzenden Trinkern ins Gespräch zu kommen. Das klappt nicht. Ich trinke das Flaschenregal leer, das hat keine Auswirkungen auf den Zustand meines Protagonisten. Und erst dann merke ich, dass ich eine Geheimtür öffnen kann. Die lässt mich in das tatsächliche Spiel eintreten - oder als was auch immer man "Thirty Flights of Loving" bezeichnen kann.

Die Interaktionsmöglichkeiten sind sehr reduziert. Meistens hat man das Gefühl, auf einen schnell fahrenden Zug aufgesprungen zu sein, bei dem man nicht weiß, wohin die Reise geht und ob man jemals aussteigen können wird. Falls es so etwas gibt, ist "Thirty Flights of Loving" ein Kurzspiel, in Analogie zum Kurzfilm. Falls es das nicht gibt: Das Kurzspiel ist mit "Thirty Flights of Loving" erfunden.

Das Spiel springt von einem Ort zum anderen, gleitet in Träume ab, erzählt eine Vorgeschichte, das Ende und alles dazwischen. Und "Thirty Flights of Loving" lässt doch mehr weg, als es erzählt. Warum ich hier vage bleibe? Weil ich nichts vorwegnehmen möchte, weil nur ein Einblick viel verderben könnte für die, die "Thirty Flights of Loving" spielen wollen. Und weil das Spiel selbst vage bleibt, eher andeutet als erklärt.

Viele Spiele erklären zu viel

Damit öffnet das Spiel schon nach kurzer Zeit die Augen für eines der größten Probleme der meisten Spiele: Sie erklären zu viel. Filme leben davon, dass etwas weggelassen wird, und regen so die Phantasie an. Zuschauer müssen die Handlung im Kopf zusammensetzen und machen auf diese Weise die Geschichte für sich greifbar. Spiele dagegen neigen dazu, alles zeigen zu wollen. Immer wieder halten Kameras auf Details am Wegesrand, kommentieren Begleiter die Ereignisse des Spiels. Die Spieler sollen ja nichts verpassen, und so werden sie entmündigt und ihrer Phantasie beraubt. Sie können sich nichts mehr ausmalen, es ist alles vorgegeben. Ausnahmen bestätigen die Regel.

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"Thirty Flights of Loving" ist so eine Ausnahme. Schnelle Schnitte, vage Andeutungen, und doch entsteht ein Film im Kopf, ein Agententhriller, eine Liebesgeschichte, ein Raubüberfall. Alles ist möglich, nichts wird konkret. "Thirty Flights of Loving" ist nichts für Menschen, die sich schon bei 79 Cent teuren Spielen im Appstore über die zu kurze Dauer beschweren.

Die würden wahrscheinlich einen Anwalt losschicken, weil sie für den Gegenwert von anderthalb Tassen Kaffee nur zwanzig Minuten Spiel bekommen haben - oder zumindest in Internetforen allen anderen vorjammern, was für ein schlechtes Geschäft sie da gemacht haben. Wer aber Spielzeit nicht in Geld aufrechnet und sich einmal hochgradig verwirren lassen will, für den kann "Thirty Flights of Loving" eine kleine Offenbarung sein.


"Thirty Flights of Loving" von Blendo Games für PC, 4,99 Euro. Download über Steam oder direkt bei Blendo

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Zum Autor
  • Carsten Görig liebt obskure Bands, seine Gitarre und seine Familie. Seit vielen Jahren schreibt er außerdem über Videospiele. Für Angespielt bei SPIEGEL ONLINE probiert er die wichtigsten Titel aus - immer genau eine Stunde lang.

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