"Toys to Life"-Spielfiguren Videospielhelden für Bildschirm und Sammlervitrine

Diese Woche startet in Köln die Spielemesse Gamescom - mit mehr Plastik denn je: Figuren wie die Skylanders oder die Amiibo mischen die Videospiel-Branche auf. Einblicke in ein Milliardengeschäft.

Stephan Freundorfer

Als die ersten 16 bunten Monster im Herbst 2011 in den Geschäften auftauchten, hatten die Manager des Spielekonzerns Activision wohl nur wenig Vertrauen in ihre Skylanders. Dafür spricht zum Beispiel, dass die mit Funkchips versehenen Plastikfigürchen nur in überschaubaren Mengen ausgeliefert wurden. Kein Wunder - zu oft haben Activision und der Games-Handel in den Jahren zuvor die Lage falsch eingeschätzt. Unverkäufliches Videospiel-Plastik blieb einfach liegen.

So verstaubten etwa sperrige Skateboard-Controller und allerlei Musikspielinstrumente in den Lagern. Allerdings hatten die Skylanders gegenüber anderen Technik-Spielereien einen entscheidenden Vorteil: Sie konnten dank einem an Konsole oder PC hängenden Lesegerät im Videospiel selbst auftauchen. Dieses Plastik war dann plötzlich heißbegehrt.

Das lag wohl auch an der anfängliche Verknappung, schließlich eignen sich die Figuren auch als Sammelobjekte. Während 2011 noch einige hundert Euro genügten, um die Skylanders-Kollektion zu komplettieren, wäre mittlerweile ein Vielfaches an Geld nötig. Vier Episoden sind bislang erschienen, der Monsterzoo ist auf über 300 Individuen angewachsen.

Video-Spielzeug macht Milliarden

Auf vier Milliarden Dollar belaufen sich die Umsätze in der Toys to Life genannten Kategorie bislang, drei Viertel davon gehen auf das Konto der Skylanders. Deren Erfolg ruft zunehmend Mitbewerber auf den Plan.

Bereits seit Sommer 2013 ahmt "Disney Infinity" das Konzept nach: Der Disney-Konzern machte zunächst Charaktere aus "Fluch der Karibik", "Cars" und "Toy Story" zu Sammelfigürchen und zu virtuellen Helden mäßig inspirierter Geschicklichkeitstests. Ein Jahr später schöpfte man aus dem zugekauften Superhelden-Universum, um mit "Disney Infinity: Marvel Super Heroes" die Fans von Spider-Man, Avengers und den Guardians of the Galaxy zu locken.

Spielerisch schwächer als "Skylanders" punktet "Disney Infinity" immerhin mit einem integrierten Kreativbaukasten: Im "Toy Box"-Modus kann man eigene Szenarien und Spiele erschaffen und beliebige Figuren verwenden. Die Ende August erscheinende Fortsetzung soll aber vor allem durch eine Sache zu den "Skylanders" aufschließen: Über ein Dutzend "Star Wars"-Charaktere werden in "Disney Infinity 3.0" zu Regal- und Bildschirmhelden.

Nintendos neue Chance

Eigentlich hätte "Toys to life" ein von Nintendo dominiertes Genre werden können. Die Väter der Skylanders, das kalifornische Entwicklerstudio Toys for Bob, hatten dem Traditionskonzern Spiel und Technik früh exklusiv angeboten. Nintendo lehnte ab, reagierte später aber auf den erstaunlichen Erfolg der Figuren: Das Gamepad der Wii-U-Konsole und das Mobilgerät New Nintendo 3DS wurden mit NFC-Technik ausgestattet, die seit Ende 2014 zum Einsatz kommt.

Im Gegensatz zur Konkurrenz sind die Nintendo-Sammelfiguren an bestimmte Spiele, nicht aber an eine eigens entwickelte Serie geknüpft. Die unter dem Markennamen Amiibo erhältlichen Charaktere aus der Nintendo- und Videospielgeschichte schalten in unterschiedlichen Titeln nette, aber auch nur leidlich relevante Bonus-Inhalte frei - Spezialkostüme, Extraleben und Zusatz-Modi.

Dass sich ihr spielerischer Nutzen in Grenzen hält, tut der Popularität der Nintendo-Figuren keinen Abbruch: In einem guten halben Jahr wurden weltweit über zehn Millionen Stück abgesetzt, 500.000 davon in Deutschland.

Mario-Amiibo: Beliebtes Sammlerobjekt
Nintendo

Mario-Amiibo: Beliebtes Sammlerobjekt

Kick fürs Games-Geschäft

Obwohl Deutschlands oberster Nintendo-Manager Bernd Fakesch auf den spielerischen Mehrwert der Amiibo pocht, weiß er doch auch, wem die blendenden Verkäufe zu verdanken sind: "Derzeit sind die Figuren vor allem bei Sammlern begehrt." Fakesch glaubt, dass "wir viele von ihnen mit der Zeit noch stärker für unsere Spiele begeistern können".

Gerade wenn Bundles von Spiel und Figur veröffentlicht werden, scheint dieser Plan aufzugehen: Die Amiibo-haltigen Sondereditionen von "Yoshi's Whoolly World" und "Super Mario Maker" waren in kürzester Zeit ausverkauft.

Auch viele der 50 bislang veröffentlichten Amiibo sind oft nur kurz und mit viel Glück im Handel zum Normalpreis von 15 Euro zu finden. Danach tauchen sie wegen magerer Stückzahlen oder hoher Sammelwürdigkeit für ein Vielfaches bei Ebay oder Amazon auf. "Wir verstehen, wie ärgerlich es für unsere Fans ist, wenn sie bestimmte Amiibo nicht erhalten, und wir möchten uns ausdrücklich dafür entschuldigen", so Fakesch. "Wir versuchen, der starken Nachfrage gerecht zu werden, indem wir Produktionszahlen und Liefermengen erhöhen."

Neue Dimension für Minifiguren

Nicht nur erhöhte Liefermengen und mehr als 20 weitere Amiibo werden in den kommenden Monaten für eine Figurenschwemme im Games-Handel sorgen - mit Lego haucht Anfang Oktober ein weiterer Konzern seinem Spielzeug virtuelles Leben ein. Das neueste Lego-lizenzierte Videospiel des Studios TT Games wird "Lego Dimensions" heißen. Das Spiel wird wie die "Toys to Life"-Konkurrenz mit einem Lesegerät, dem sogenannten Toy Pad, und einer Handvoll Figuren auf den Markt kommen.

Lego plant etliche Level- und Figuren-Pakete, von "Zurück in die Zukunft" über "Der Herr der Ringe" bis zu den "Simpsons". Da macht sich die Vielzahl der erworbenen Markenrechte bezahlt. Daneben soll "Lego Dimensions" die physische und die virtuelle Welt stärker verknüpfen als die Mitbewerber: Fahrzeuge und Gegenstände sollen sich umbauen lassen, auf dem Pad haben bis zu sieben Figuren Platz, und der Chip-Leser lässt sich dank farbig leuchtender Bereiche aktiv ins Spiel einbeziehen. Der Games-Herbst 2015 wird also bunt - für Spieler und Sammler.



insgesamt 1 Beitrag
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philipp_jay 04.08.2015
1. Die reinste Pest.
Spielerisch kaum Mehrwert und hoffentlich nur ein kurzer Trend wie damals Yu-Gi-Oh Karten (oder sind die noch so groß und ich bekomme es nicht mit?).
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