"Valiant Hearts - The Great War" Ein Spiel, das dem Krieg alles Glorreiche nimmt

Mehr als Schießorgien und Patriotismus-Kitsch: "Valiant Hearts" für PC, Xbox und Playstation hebt sich wohltuend von anderen Spielen mit Kriegsszenario ab. Historische Fakten treffen auf Fiktion, ohne dass es langweilig wird.

Ubisoft

Am Ende von "Valiant Hearts" hofft man nur noch, dass dieser Wahnsinn aufhört. Wie immer wieder im Spiel möchte man an der Menschheit verzweifeln, aus dem Grund, dass sie so etwas wie den Ersten Weltkrieg zugelassen hat. Ganz naiv und ganz unmittelbar wirkt "Valiant Hearts" dann. Doch die Kriegsmaschine läuft weiter, will gefüttert werden mit dem Leben von Hunderttausenden.

"Valiant Hearts" ist ein Spiel über den Ersten Weltkrieg, kein Kriegsspiel. Kein Shooter, sondern eine Mischung aus Adventure und Geschicklichkeitsspiel in Comicgrafik. Ein Spiel von einem kleinen Team, das die Geschichte von vier Menschen und einem Hund im Laufe des Krieges erzählt. Es geht um Freundschaft, Familie und Liebe, um Menschlichkeit im Angesicht des unmenschlichen Krieges.

"Valiant Hearts" führt den Spieler auf die Schlachtfelder und erlaubt ihm nur zu überleben, nicht aber zu töten. "Das würde unsere Botschaft auf den Kopf stellen," sagt Yoan Fanise, einer der Entwickler des Spiels. Dennoch ist der Tod ein ständiger Begleiter.

Vergessene Momente, vergessene Menschen

"Valiant Hearts" setzt auf einen Spagat zwischen historischen Fakten und Fiktion und siedelt einzelne Episoden in den wichtigsten Momenten des Krieges an. Dazu zählen die Schlachten an der Marne und in Verdun, die ersten Einsätze von Giftgas in Ypres. Es zeigt vergessene Momente, vergessene Menschen: indische, marokkanische, kanadische Truppen, Freiwillige aus den USA, Teile der Fremdenlegion.

Gleichzeitig führt das Spiel Maschinen ein, die es nicht gegeben hat, stattet die vier Figuren mit Heldenkräften aus, um sie doch immer wieder im Schützengraben zu erden. Es nimmt sich die Freiheit, absurde Momente in die Geschichte einzubauen, wie Verfolgungsjagden im Takt der Musik oder Rhythmusspiele zur Wiederbelebung Verwundeter. Oft spendet das Spiel Hoffnung, um dann doch noch dunkler zu werden. Die Bilder verlieren im Laufe des Spiels immer mehr Farbe, die Palette wird dunkler. Die Levels, auf denen man Bomben ausweichen muss, werden immer frustrierender, die Puzzles komplexer.

Immer wieder kann man Informationen zu den einzelnen Spielszenen abfragen und so mehr über den Weltkrieg erfahren. Man kann historische Hintergründe lesen, Fotos von den tatsächlichen Schauplätzen sehen, Briefe von Soldaten lesen, Kunstwerke anschauen, die in den Schützengräben entstanden sind.

Mutiges Spiel mit Schwächen

Was bei einigen Spielen störend wirkt, ist hier stimmig. Wie in Fußnoten klären die Entwickler auf, machen mit Details fassungslos. Selbst wenn man um die Toten des Ersten Weltkriegs weiß, um den Vernichtungswillen, um die sinnlosen Schlachten: "Valiant Hearts" schafft es, diesen Zahlen Gesichter zu geben und Mitgefühl zu wecken.

Nicht zuletzt gelingt das, weil sich die Entwickler an persönlichen Schicksalen orientiert haben, an Briefen und Erinnerungsstücken. Vielleicht berührt "Valiant Hearts" aber auch, weil es wenig Stellung bezieht: Das Spiel ist zwar aus einer französischen Perspektive erzählt, weil es vom Ubisoft-Studio in Montpellier stammt. Doch einer der Protagonisten ist ein Deutscher, und selbst als Gegner sind die Deutschen nicht die ultimativ Bösen. Sie sind scheinbar einfach zufällig auf der anderen Seite. Das einzige, wogegen sich "Valiant Hearts" wütend richtet, ist der Krieg.

"Valiant Hearts" ist eine mutige Veröffentlichung, die ihre Schwächen hat. Manches Rätsel ist zu simpel, manche Momente im Schützengraben frustrierend. Doch das ändert nichts daran, dass "Valiant Hearts" eins der wenigen Spiele ist, die sich dem Krieg widmen und tatsächlich etwas darüber zu erzählen haben. Es versinkt nicht in Patriotismus-Kitsch und Schießorgien, sondern schafft es, dem Krieg alles Glorreiche zu nehmen. Und mit der Schlussszene schafft es etwas Unvergessliches.

"Valiant Hearts" von Ubisoft, für PC, Playstation 3 und 4, Xbox 360 und One, circa 15 Euro; USK: ab 12 Jahren

Mehr zum Thema
Newsletter
Games und Gadgets: Die Welt digital


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
elbullo79 27.06.2014
1. Nett
Sieht sehr vielversprechend und "anders" aus. Ich mag Spiele in so einem Grafikstil. Das Gameplay erinnert- ich mag falsch liegen- an Point-and-click Spiele. Auch auf die Gefahr hin politisch inkorrekt zu sein, finde ich es schade, dass auch in diesem Spiel der Deutsche wieder der Dauerfeind ist. Gerade im 1. WK ist die Kriegsschuld- nach neutraler Geschichtsforschung- auf den Seiten aller Kriegsparteien zu suchen. Aber da wir die Verlierer waren, hat wissenschaftliche Neutralität fast 90 Jahre nicht stattgefunden. Ein wunderschöner Film zu dieser Thematik ist "Merry Christmas".
wanderer777 27.06.2014
2. Warum nur immer Comicgrafik?
Als Adventure Fan bin ich schon lange am Verzweifeln - warum nur muss jedes Adventure heute im Comic Stil daherkommen? Besonders störend ist dies bei Grusel- oder Horroradventures, aber auch diesem hätte Realgrafik atmospherisch sicher auch gut getan. Gibt es etwa keine guten 3d Künstler mehr..?
PatrickKiene 27.06.2014
3. uncanny valley
Der Grund für die Entscheidung der Entwickler dürfte das sein, was der Medienpsychologe als "Uncanny Valley" kennt. Man hat nämlich festgestellt, dass Leute die grafische Darstellung z.B. von menschlichen Gesichtszügen nicht umso realistischer / angenehmer empfinden, je aufwendiger/originalgetreuer sie ist. Comic-artige Darstellungen werden als solche akzeptiert und für gut befunden, und extrem hochwertige Darstellungen (hinter denen aber auch enormer Produktionsaufwand steckt, zB die jüngeren Final-Fantasy-Teile) werden vom menschlichen Verstand als authentisch und "echt" akzeptiert. Dazwischen aber befindet sich ein Bereich, in dem unsere Wahrnehmung, die auf das Erkennen und Deuten von menschlicher Mimik, spezialisiert ist, uns unbewusst signalisiert, dass "da was nicht stimmt", beispielsweise weil die Mundmuskulatur bei der 3d-Umsetzung stark vereinfacht wurde und ein lächeln einfach "falsch" wirkt. In einem Egoshooter oder einer Fußballsimulation spielt das Mienenspiel von Personen keine so große Rolle, doch gerade in einem Adventure mit großer Story- und Charaktertiefe muss der Entwickler etwas liefern, was von der Masse der Spieler als gut und authentisch bewertet wird. Und vermutlich hatte man in diesem Fall weder das Budget noch die Zeit für die Umsetzung einer fotorealistischen Darstellung, also griff man zum Comicstil.
mestir 27.06.2014
4. gut umgesetztes Spiel
In YouTube habe ich mir das Let’s play von Gronkh dazu angesehen. Zu mindestens die bisherigen Teile. Zuerst dachte ich mir auch „ Ach, Krieg spielen und Töten im Comicstil“. Schnell wird aber einem klar, dass es genau das nicht ist. Es geht um das Leben während des Krieges und dessen Erhalt. Im Spiel muss man vielen, sehr vielen Menschen helfen. Und nur so kommt man im Spiel weiter. Natürlich muss man auch in diesem Spiel Gegner besiegen, aber nicht vernichten. Ganz neben bei bekommt man einen kleinen Einblick, wie es zu dieser Zeit war, wie die Soldaten lebten, warum manches geschah und wie. Vielleicht ist dieses Spiel sogar eine Möglichkeit, Geschichte anschaulicher zu machen. Ich halte es für eine gelungene Umsetzung des Themas und erfrischend anders.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.