"Vampyr" im Test Ein Vampirleben ist kein Spaß

Zubeißen oder nicht? In "Vampyr" schlüpft man in die Rolle eines Vampirs und darf sogar Gewissensbisse haben. Doch das Spiel hat nicht nur eine spannende Grundprämisse, sondern auch viele Schwächen.

Focus Interactive

Spoiler-Hinweis: Dieser Test verrät nur wenig über den Verlauf der Story des Spiels.


Das neue Spiel "Vampyr" simuliert ein Vampirleben in London - in einer Zeit, die sowohl für die Menschen, als auch für die Blutsauger hart ist. Die Stadt wird nämlich von einer Epidemie getroffen, öffentliches Leben findet kaum noch statt - und der Spieler selbst ist einer der besten Ärzte der Stadt, der auch im Blutdurst noch das dringende Bedürfnis hat, zu helfen.

Diese für ein Videospiel sehr spannende Prämisse stammt von Dontnod, jenem französischen Entwicklerstudio, das sich vor allem durch das wunderbare "Life is Strange" einen Namen gemacht hat. Während sich dieses Teenager-Drama aber vor allem durch seine Beschränkung auf eine ruhig erzählte Geschichte und seine Protagonisten glänzte, versucht "Vampyr" nun mehr und zu viel gleichzeitig zu sein - und scheitert daran.

Am reizvollen Szenario des Spiels liegt das nicht: 1918 markiert nicht nur das Ende des Ersten Weltkriegs, sondern auch das Jahr, in dem erstmals die spanische Grippe auftrat - eine Krankheit, die in drei Wellen weltweit rund 500 Millionen Menschen traf und nach Schätzungen mindestens 50 Millionen Todesopfer forderte.

Vor diesem Hintergrund spielt "Vampyr" in einem London, in dem die Krankenhäuser ebenso überfüllt wie die Straßen menschenleer sind. Kriegsheimkehrer treffen auf Grippeopfer, dazwischen Helfer, die ebenso überfordert wie ratlos sind. Und dann haben sich auch noch Vampire in der Stadt eingenistet.

Aufwachen und zubeißen

Einer davon ist der Arzt Dr. Jonathan Reid, der Protagonist von "Vampyr". Er wacht auf und beißt zu, torkelt durch die Gegend. Er versucht zu verstehen, was geschehen ist - und wird den Rest des Spieles mit dieser Aufgabe beschäftigt sein.

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Fotostrecke: So sieht "Vampyr" aus

Er wird gegen untote Wesen kämpfen, Menschen befragen, überlegen, wem er Blut absaugt und wen er überleben lässt. Und so Stadtbezirk um Stadtbezirk erkunden und dabei einzelnen Menschen helfen, andere hängen lassen und damit über den Zustand der Bezirke entscheiden. Er wird Punkte verteilen müssen, um einzelne Fähigkeiten zu stärken, seine Überlebensfähigkeit zu verbessern und er wird Entscheidungen treffen müssen, die Konsequenzen für das Spiel haben.

Rollenspiel, Adventure und Kampf

"Vampyr" mischt so Rollenspiel, Adventure und Kampf. Doch keines der Elemente kann wirklich überzeugen. Schon die ersten Minuten wirken unausgereift, eher wie die Skizze eines Spiels als wie ein fertiges Produkt. Die Kämpfe sind hölzern, die Figur reagiert langsam auf die Befehle, zu oft wird man getötet, weil sich der Gegner nicht richtig ansteuern lässt, etwa weil die Kamera sich vom Geschehen weg bewegt und eine der vielen, oft gleich aussehenden Gassen des Londoner East Ends zeigt.

Die Gassen wirken in ihrem Dreck und Elend anfangs noch atmosphärisch und schaffen es, Jack-the-Ripper- und Sherlock-Holmes-Geschichten in den Kopf zu rufen. Doch schon bald ist man auch von dieser Umgebung nicht mehr begeistert. Zu gleich sehen die Straßen aus, zu wenig ist darauf los. Unmotiviert stehen einzelne, für den Fortgang der Geschichte wichtige Menschen herum, geben Hinweise und erteilen Aufträge.

Immer wieder entsteht so ein Hauch von Spannung, weil manche Antworten den Fortgang der Geschichte beeinflussen, weil man sich geschickt durchfragen kann, um neue Fragen für die nächste Person freizuschalten.

Das Spiel weckt keine Begeisterung

Doch auch hier verschenkt das Spiel viel Potenzial. Ausgerechnet das Studio, das in "Life is Strange" so meisterhaft gezeigt hat, wie gut man in einem interaktiven Medium eine Geschichte erzählen kann, vergisst hier seine eigene Arbeit.

Zu oft kommentiert Reid seinen eigenen Zustand, erklärt den Spielern, dass es fürchterlich ist, ein Vampir zu sein, dass es ekelhaft ist, eine Ratte zu essen, um den Blutdurst zu löschen. Manchmal möchte man laut rufen, dass man sich das tatsächlich selbst denken kann und Reid doch bitte einfach den Mund halten soll.

"Vampyr" vermag es nicht, Begeisterung zu wecken. Was schade ist, schließlich merkt man immer wieder, was aus dem Spiel hätte werden können.


"Vampyr" von Focus Interactive, für Playstation 4, Xbox One und PC, ab 45 Euro; USK: Ab 16 Jahren

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
rainerwäscher 05.06.2018
1. Gibt es schon
Wer ein richtig tolles Vampir-Rollenspiel spielen möchte, dem sei "Vampire Bloodlines" empfohlen. Ist von 2004 und basiert auf der Halflife2-Engine, dürfte also auch auf Uralt-PCs laufen.
arr68 05.06.2018
2. Genau
warum die Spielemacher sich vorher nicht die alten Perlen mal vornehmen und die guten Aspekte behalten und aus den Fehlern lernen wird sich mir nie erschließen.
Atheist_Crusader 05.06.2018
3.
Bin ich der Einzige der Untote nicht mehr sehen kann? Jeder zweite Medium hat irgendwelche Zombies und Vampire werden für jeden drittklassige Macht- und Sexphantasie missbraucht. Ja, mir ist bewusst dass Videospiele heutzutage Investitionen und finanzielle Risiken sind wie es früher nur Filme waren, aber irgendwo müssen wir doch den Punkt erreicht haben an dem alle so übersättigt sind, dass jede Abweichung von der Formel nur noch eine Verbesserung sein kann.
Atheist_Crusader 05.06.2018
4.
Zitat von rainerwäscherWer ein richtig tolles Vampir-Rollenspiel spielen möchte, dem sei "Vampire Bloodlines" empfohlen. Ist von 2004 und basiert auf der Halflife2-Engine, dürfte also auch auf Uralt-PCs laufen.
Ja, damals war es beeindruckend... aber haben Sie es mal in letzter Zeit wieder gespielt? Ja, die ersten Stunden hat es richtig Spaß gemacht, weil es für so ziemlich jeden character build Optionen gab und man viele Freiheiten hatte. Auch das Missionsdesign war toll, man erinnere sich an die Mission im verlassenen Hotel: nicht ein einziger Gegner, aber großartige Atmosphäre. Aber je später es im Spiel wurde, desto weniger hat man in dieser Richtung gesehen. Die Stealth-Segmente im Museum und auf dem Schiff waren eine Krankheit. Das Irrenhaus des Malkavianer-Primogens war ebenso öde wie peinlich (und man konnte am Ende nichtmal entscheiden ob man den Anarchen-Anführer verrät oder nicht). Dann kam die Suche nach den Nosferatu die für nicht-kampforientierte Charaktere die reinste Hölle war. Je weiter es dann auf das Finale zuging, desto schlimmer wurde es. Und die Auflösung war völlig unbefriedigend. Der einzige echte Handlungsfaden im Hauptplot stellte sich als völlig substanzlos heraus. Der Sarkophag war nie ein Problem, der angeblich Vorsintflutliche nur eine stinknormale Mumie. Noch dazu vergriff sich das Spiel dermaßen oft im Ton um zu zeigen wie edgy es war... vermischte urban horror mit blöden Sprüchen, Kindesmissbrauch mit sexualisierten Charakteren deren Poster man sammeln konnte und so weiter. Nein, Bloodlines war kein besonders tolles Spiel. Am Anfang ja, aber je länger man spielte, desto weniger traf das zu. Wenn SIe mir nicht glauben, dann werfen Sie es mal wieder ein und spielen eine Runde - bis zum Ende.
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